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Bückeburg Stadt Schutz und Hilfe für 1500 Opfer
Schaumburg Bückeburg Bückeburg Stadt Schutz und Hilfe für 1500 Opfer
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20:11 27.06.2018
Dream-Team: Dagmar Behrens (links) verabschiedet sich, Juliane Frank bleibt und bekommt Verstärkung. Quelle: ly
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Bückeburg

Die Diplompädagogin hat vielen Menschen geholfen, Pionierarbeit geleistet und an einer Erfolgsgeschichte mitgeschrieben: Obwohl der Landgerichtsbezirk Bückeburg (identisch mit dem Landkreis) in Niedersachsen der kleinste seiner Art ist, liegt die Bückeburger Opferhilfe unter elf Büros landesweit auf Platz sechs, wenn man die Fallzahlen vergleicht.

Dies liegt vermutlich auch daran, dass Behrens Klinken geputzt hat, um ein Netzwerk aufzubauen, zu dem beispielsweise Wohlfahrtsverbände, kirchliche Einrichtungen oder Beratungsstellen für Frauen und Kinder gehören. Mit Polizei und Justiz arbeitet die Opferhilfe ebenfalls eng zusammen.

Im Büro an der Schulstraße soll es dem Vernehmen nach weiterhin zwei Vollzeitkräfte geben. Das ist auch nötig, damit die psychosoziale Prozessbegleitung von Opferzeugen vor Gericht, die seit 2017 Gesetz ist, umgesetzt werden kann. Sie ist kostenlos. Anspruch darauf haben Kinder, Jugendliche und besonders schutzbedürftige Erwachsene, die Opfer von schweren Straftaten geworden sind, vor allem Sexual- und Gewaltdelikte.

Deutlich gestiegene Fallzahlen

Behrens‘ Kollegin Juliane Frank wünscht sich, dass Polizei und Justiz noch stärker darauf hinweisen. Opferhelfer gehen mit zum Prozess, um Ängste abzubauen, beraten vorher und nachher, begleiten ihre Klienten auch im Alltag. Zum Angebot der Opferhilfe gehören außerdem finanzielle Hilfen, Informationen über Rechte, die Vermittlung von Therapien und Kursen oder Hilfe bei Behördengängen.

Lange saß Behrens allein im Mitte 2002 eröffneten Opferhilfebüro, zeitweise auch mit jeweils einer halben Stelle in Bückeburg und Hannover, bevor 2014 Verstärkung durch die Sozialpädagogin Frank kam, seit April 2017 ebenfalls mit einer vollen Stelle. Vor zwölf Jahren war Behrens eine der ersten sozialpädagogischen Prozessbegleiterinnen Deutschlands. Die Weiterbildung brachte ihr juristisches Grundwissen.

Die Fallzahlen sind mit den Jahren deutlich gestiegen. Bis heute hat das Büro rund 1500 Menschen geholfen. Behrens hat allein etwa 1200 Klienten beraten und viele davon auch zum Prozess begleitet, die meisten Opfer von sexueller Gewalt oder Straftaten gegen die körperliche Unversehrtheit. Im Jahr 2017 haben 127 Opfer Unterstützung gesucht, davon 82 Prozent Frauen und Mädchen. Zum Vergleich: 2003, im ersten vollen Jahr nach der Gründung, waren es 39.

Einige Fälle sind Behrens besonders in Erinnerung geblieben, etwa das Schicksal einer jungen Frau, die jahrelang von ihrem Stiefvater missbraucht worden war. „Ich habe gemerkt, wie nahe mir das ging“, sagt Behrens. „Über die Taten sprechen wir nicht mit unseren Klienten. Sonst könnten Zeugenaussagen beeinflusst werden.“

Schreckliches unmittelbar miterlebt

Nahe gegangen ist ihr auch ein Fall aus Bad Hiddenserborn, wo der Praktikant einer Gaststätte so verprügelt worden ist, dass er eine Hirnblutung erlitt und bis heute unter den Folgen leidet – seelisch wie körperlich. Mehrere Gerichte haben bereits darüber verhandelt. Das Opfer musste immer wieder aussagen. „Dadurch ist der junge Mann noch einmal traumatisiert worden“, glaubt Behrens.

Sie selbst erlebt Schreckliches hautnah mit. „Ich habe keinen Schaden genommen, sondern bin daran gewachsen“, sagt die 64-Jährige. Hilfreich sind zusätzliche Ausbildungen, die dazu dienen, die Selbstfürsorge zu stärken.

Was zeichnet gute Opferberater aus? „Empathievermögen ist das A und O“, so Frank. „Man muss sich in die Lage versetzen können, wie es ist, wenn durch ein Verbrechen das ganze Leben auf den Kopf gestellt wird.“

Neu ist dies: Spezielle Konzepte zur Beratung werden zurzeit bei Cyber-Grooming (Erwachsene sprechen im Internet gezielt Kinder und Jugendliche an) sowie Sexting (Verschicken anzüglicher Fotos) entwickelt. Ein stärkerer Austausch der offiziellen Stellen wird bei Hochrisiko-Fällen angestrebt, in denen Opfern weiter Gefahr droht.

Nach 16 Jahren im Dienst der Opferhilfe will Behrens als Rentnerin „erst mal ein halbes Jahr lang nichts tun“. Danach möchte sie einen Englisch-Kurs belegen, weil eines ihrer Reiseziele USA heißt. Behrens hat drei Enkelkinder und tanzt in ihrer Freizeit Rock ‘n‘ Roll. Das wird sie auf Trab halten. ly

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