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Schwarze Komödie begeistert

Schauspielgruppe zeigt Meisterstück an Schlechtigkeit Schwarze Komödie begeistert

Yvonne nervt. Yvonne ist schwierig. Sie döst vor sich hin. Sie spricht nicht, sie lacht nicht. Und unschön anzusehen ist sie auch noch. Janne Cremer gelingt es, das dumme Ding, das wie durch eine Laune der Natur zum bloßen Spielball am Burgunderhof wird, Verlobung inbegriffen, so ausdruckslos und einfältig zu spielen, dass selbst das Mitleid des klassisch geschulten Theaterbesuchers allmählich umschlägt in eine Vorwurfshaltung gegenüber dem Opfer.

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Spielball der Unmenschen: Janne Cremer als Yvonne.

Quelle: vhs

Bückeburg.  „Warum tut sie uns und den Ihren das an? Warum kein Widerstand, kein Aufbegehren?“ Der ganze Spätburgunderhof wird zum Tollhaus. Die Konventionen werden durchbrochen durch eine Einzige, die nicht mitspielt, die nackte Wahrheit kommt an den Tag.

 Der polnische Autor Witold Gombrowicz hat mit der 1935 veröffentlichten schwarzen Komödie „Yvonne – Prinzessin von Burgund“ ein Parabelstück vorgelegt, das an Bedeutung noch gewonnen hat im Gang der Geschichte der Ausgrenzung. Es wird gern gespielt, eben erst in Zürich am renommierten Schauspielhaus.

 Ein Paradestück ist „Yvonne“ für Schauspieler, die aus Charakterlosigkeit Charaktere wachsen lassen und auf Jux und Tollerei verzichten können. Regisseur Johannes Seiler (Minden) hat solche Akteure in seinem Ensemble „Just“, das zu einem Großteil aus dem Adolfinum stammt.

 Theaterpädagogikstudent Enes Bicak macht als Kammerherr den launigen Entertainer der Entsorgung. Er will nur spielen, der Bernhardiner, und weiß doch zu beißen auf seine Art: „Das Ding muss weg!“ Die Bälle, die er seinem König mit der Sicherheit des Jongleurs zuspielt, werden durch eine furiose Schauspielleistung von Tobias Kranz zu Leuchtfeuer und Lachgranaten.

 Sohn Philipp ist ebenfalls aus verhunztem Burgunderholz, aber dank Robyn Maas’ Routine von ganz besonderer Härte. Kante geben statt Kant lesen, das kracht, da knallt die Peitsche schonungsloser Ehrlichkeit: „Mit der können wir alles machen.“ Von der Wand schaut der wenigstens etwas aufgeklärte Fürst Ernst von einem großen Gemälde dem finsteren Treiben zu.

 Wie ein kleines Zündholz setzt Yvonne das Seelenleben am Hofe in Brand. Sie stammelt von Liebe. Aber was weiß so eine schon von großen Gefühlen, bei dem Wortschatz, bei dem Satzbau! „Mein Ruh’ ist hin, mein Herz ist schwer“? Von wegen: kein großes Wort, kein Reim. Auch von „stiller Anmut, edler Größe“ keine Spur. Eifersucht aber, Eitelkeit und Niedertracht, die nehmen vollmundig und wortgewaltig Platz am Tisch des Herrn. Versuchshalber auch Königin Margarethe (mal schmallippig, mal dickfellig: Yvonne Schneider): Sie gibt ihre peinlichen Frühlingsverse aus der Welt der Lärchen und Lerchen preis, bis die schön gespielte Leierei wehtut. Distinguiert bis ins Glied dagegen Mark Illgner als Höfling: jeder Satz eine Portion Heuchelei, jede Geste eine Lüge in Körpersprache. Umrankt wird der Weg der misslichen Eheanbahnung am Hofe durch wagemutig feilgebotene Billigware (Lucie Hoebbel: feurig und forsch), durch stille steife Unterwürfigkeit (herrlich dienerhaft: Jürgen Höcker) und eine Aufzucht frei laufender Hof-Geißen (schrill, falsch und verkracht: Louisa Schwarze und Lea Schröder). Da haben James Randall und Manuel Plüschke als verdorbene Prinzenfreunde alle Hände voll zu tun, mannhaft und bedeutungsschwer ihren Sargnagel in die verrottete Beziehungskiste zu treiben.

 Dass Lachen befreit, ist bekannt. Dass es im Halse stecken bleiben kann, ebenfalls – wie die mörderischen Knöchelchen in Yvonnes Schlund. „Just“ türmt nicht erst mit den Fischhäppchen einen ganzen Berg an Ungeheuerlichkeiten auf. Es gibt kein Entkommen. Ein Happy End wäre das Letzte. Schön offen ist das Ende auch nicht.

 So bleibt im hochverdienten Applaus im gut gefüllten Gartensaal des Bückeburger Schlosses Yvonnes nicht gestellte Grätenfrage: „Wie hast du’s mit der teuflischen Religion der ‚Übermenschen‘?“ vhs

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