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„Sie schweben wie Beobachtungsdrohnen über den Kindern“

Bückeburg „Sie schweben wie Beobachtungsdrohnen über den Kindern“

Reinhard Wessel vom „Politischen Bildungsforum Niedersachsen“ der Konrad-Adenauer-Stiftung hat eine große Anzahl interessierter Besucher zur Abendveranstaltung im Hubschraubermuseum begrüßen können, darunter natürlich als Hauptperson den Referenten, Josef Kraus.

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Quelle: SN

Bückeburg. Kraus (65) ist Schulleiter eines bayerischen Gymnasiums, seit 1987 Präsident des Deutschen Lehrerverbandes und Autor mehrerer Bücher.

 Kraus hat mit viel Ironie, ein wenig boshaft, einer Menge Fachkompetenz und mit viel Humor über das gesellschaftliche Thema „Helikopter-Eltern – Kinder zwischen Förderwahn und Verwöhnung“ gesprochen. Außer einer großen Mehrheit von rund 70 Prozent der vernünftigen Eltern („Von einer pauschalen Elternschelte bin ich weit entfernt“) gebe es zwei Typen von Eltern, die ihm Sorge bereiten, „nicht nur schulisch, sondern gesamtgesellschaftlich“. Das seien zum einen diejenigen Eltern, die sich überhaupt nicht um ihre Kinder kümmern und sie verwahrlosen lassen, und zum anderen die Eltern, die sich um alles kümmern.

 Bei erheblichen regionalen Unterschieden schätzt Kraus diese beiden Gruppen bei steigender Tendenz auf jeweils 15 Prozent. Während es früher ein paar wohlhabende Eltern waren, gehe das „Nachwuchspaschasyndrom und Prinzessinnensyndrom“ quer durch alle Schichten.

 „Eine Pädagogik der Verwöhnung und Totalkontrolle greift um sich“, behauptet Kraus. Diese „Helikopter-Pädagogik“ habe viele Gesichter. Es gebe nichts, worüber sich Eltern nicht aufregen – bis zum Fehlen eines Salatblatts auf dem in der Pause erworbenen Wurstbrötchen. Eine Mutter lasse ihr Kind nur dann von einer Nachbarin im Auto zur Schule mitnehmen, wenn diese den großen Mercedes ML benutzt, weil der VW Polo mangels einer großen Knautschzone zu gefährlich sei. Manche übersensiblen und auch trickreichen Eltern seien, so Kraus, ständig auf der Jagd nach Gutachten, mit denen ihrem Kind ADS, ADHS oder Legasthenie attestiert werden kann. „Die Lehrer an dieser Schule sind zu doof, die Hochbegabung unseres Kindes zu entdecken“, habe er als Schulleiter zu hören bekommen.

 Mit Helikopter-Eltern meint Kraus jene Eltern, die „wie Beobachtungsdrohnen ständig über den Kindern schweben, sie an der elektronischen Nabelschnur des Mobiltelefons durchs Leben geleiten und beim kleinsten seelischen Wehwehchen landen, um alles wieder ins Reine zu bringen“. Da nach einer Studie aus dem Jahr 2012 sechs- bis 13-jährige Kinder in Deutschland über jährlich drei Milliarden Euro und zusätzlich drei Milliarden Euro auf den Sparkonten verfügen („materielle Verwöhnung“), hat diese Altersgruppe eine Kaufkraft, die zu 50 Prozent über dem Haushalt des Saarlands im Jahr 2013 liegt. 81 Prozent der Zwölfjährigen hätten ein Mobiltelefon, und der Trend gehe nicht zum Zweitbuch, sondern zum Zweithandy. Mit Verwöhnung habe es auch zu tun, wenn Eltern ihre Kinder im Haushalt „für nichts in Anspruch nehmen“.

 Kraus hat die Erfahrung gemacht, „dass Eltern – aber auch bequeme Lehrer – es Kindern zu einfach machen, sie den Kindern zu wenig zumuten und ihnen zu wenig zutrauen“. Auch das Risiko des Scheiterns sowie Enttäuschungen und Niederlagen gehörten zum Leben dazu. „Kinder werden auch durch Krisen oder Belastungen stark“, so Kraus.

 Zudem beklagt er einen um sich greifenden Förderwahn. Dieser gehe einher mit verklärten Visionen von einem „perfekten, tollen, maßgeschneiderten Designer- und Premium-Kind vom Reißbrett“. Förderwahn entstehe bei den Eltern aufgrund einer fatalen Gemengelage aus „maximaler Verwöhnung und gigantischem Erfolgsdruck“. So würden Kurse wie „Englisch für Säuglinge“ und „Potenzialanalysen für Dreijährige“ für rund 2000 Euro angeboten. Kraus benutzte hierfür den Begriff „Fötagogik“ („Mozart schon im Mutterleib“).

 Die Politik habe dieses Förderwettrüsten mit angestoßen. Es habe hysterische PISA-Debatten gegeben, und der Mittelschicht sei suggeriert worden, „dass ihre Kinder im globalen Haifischbecken nur mit einem Hochschulabschluss eine Chance haben“.

 Überhaupt seien Schulpolitik und Schulpädagogik längst auf den Verwöhnungstrip eingeschwenkt. Die Schulen verwöhnten mit guten Noten oder sogar mit der Abschaffung des Sitzenbleibens. Es gebe immer mehr 1,0-Abiturzeugnisse – in Bayern seien es 30 Prozent zwischen 1,0 und 1,9. Die Einführung des Abiturs nach acht Jahren sei „großer Mist“ gewesen. „Der Beschleunigungswahn muss raus aus den Köpfen der Politik“, fordert Kraus. „Mit Förderwahn und Helikopter-Pädagogik machen wir aus den Kindern unmündige, lasche und zugleich maßlos anspruchsvolle junge Menschen.“

 Der Referent ist überzeugt, „dass Kinder, die alles dürfen, aber nichts sollen, mit zu vielen Freiräumen überfordert sind“. Sie könnten keine Eigeninitiative entwickeln und würden nie mündig werden, prophezeit Kraus. Die Eltern dürften die Verantwortung für die Erziehung nicht delegieren. „Die Schule soll Nein sagen und Grenzen aufzeigen, damit die Eltern die Kinder abends am besten im Schlafanzug abiturtauglich nach Hause holen können“, schilderte Kraus. Schulstress? Die Kinder sind laut Kraus einer „medialen Umweltverschmutzung“ ausgesetzt. Es sei die Aufgabe der Eltern, sie abzuschirmen.

 Kraus appelliert an die Eltern, die richtige Mischung aus „Führen und Wachsenlassen“ zu finden. Zudem bedeute Erziehen, „die Kinder in Anspruch zu nehmen“. Erziehen könne nicht in einer Gefälligkeits- oder Erleichterungspädagogik bestehen. „Kinder müssen die Chance auf Erfolg und das Recht auf Irrtum haben“.mm

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