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Studenten geben Toten des Ersten Weltkriegs eine Stimme

Lesung Studenten geben Toten des Ersten Weltkriegs eine Stimme

„Ein Menschenleben ist hier nicht so viel; wie ’ne Fliege.“ So hat Ludwig Faudt, ein Kriegsteilnehmer aus Bückeburg, das Sterben im Ersten Weltkrieg beschrieben. Rund 100 Jahre später haben Studenten der Leibniz Universität Hannover den Toten eine Stimme gegeben.

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 Studenten der Leibniz Universität Hannover und Hans Faudt (Dritter von links) in der Ausstellung im Museum.

Quelle: mig

Bückeburg (mig). Das Interesse an der Lesung ist an diesem Abend riesengroß. Wer zu spät kommt, muss auf der Treppe Platz nehmen – Sitzplätze gibt es in der kleinen Diele des Museums ohnehin nie genug. Immerhin, die Mühe lohnt sich, denn die Lesung „Die Kugeln pfeifen Tag und Nacht“ ist von den Studenten am Historischen Seminar der Uni Hannover bestens vorbereitet. Etwa eineinhalb Jahren läuft das Projekt inzwischen. Unter anderem sind Gefallenenlisten, Feldpostbriefe, Zeitungen, Todesanzeigen und Tagebücher ausgewertet worden.

 Ein besonderes Augenmerk lag dabei auf Kondolenzbriefen, die die Familien nach dem Tod ihrer Söhne und Väter bekamen. Diese Briefe seien in der Forschung bisher kaum berücksichtigt worden, erläuterte Professor Karl-Heinz Schneider in seiner Begrüßung. Überhaupt habe die Frage, wie die Menschen auf den Tod reagiert hätten, bisher kaum eine Rolle gespielt. Deshalb hat laut Schneider ein wesentlicher Aspekt des Projektes darin bestanden, den Zahlen einen Namen zu geben. „Wir wollten hinter die Opferzahlen schauen und sehen, was in den Regionen, den Familien nach dem Tod von Vätern und Söhnen passiert ist“, sagt Schneider. Die Kondolenzbriefe hätten dabei interessante Erkenntnisse geliefert.

 Ihr Material fanden die angehenden Wissenschaftler dann an vielen Orten. Bei Sammlern oder auf den Dachböden der Familien, unter anderem bei den Faudts in Bückeburg. Im Zeitungsarchiv der Lokalpresse recherchierte Janine Kiesche vor allem nach Gefallenenlisten und Todesanzeigen suchte. Ihr Ziel sei es gewesen, „die Auswirkungen auf die Familie und ihr Umfeld“ zu untersuchen, das habe sich als „sehr vielschichtig und spannend“ herausgestellt. Denn der Tod des Ehemanns, Vaters oder Sohnes habe nicht nur Auswirkungen auf die wirtschaftliche Situation der Familien gehabt. Oft sei der Gefallene noch über Jahre präsent geblieben: als Vorbild für Tapferkeit und Pflichterfüllung, wie Kiesche ausführt. „Das lässt sich lange verfolgen.“

 Wichtig sind die Briefe aber noch aus einem anderen Grund. Da es kaum noch direkte Zeitzeugen gibt, sind die Dokumente die einzigen Zeugnisse der Ereignisse. Die Briefe würden eine direkte Beziehung zu den Menschen herstellen, sagt Kiesche. „Man kann Mentalitäten herauslesen, sie lassen aber auch den einzelnen Menschen sichtbar werden.“

 Rund 100 Jahre nach ihrem Tod hat eine Lesung den beiden Brüdern Fauth aus Bückeburg eine Stimme gegeben. Die Studenten montierten Passagen aus Feldpostbriefen und aus den späteren Kondolenzbriefen an die Familie zu einem bewegenden Gesamtbild: vom Kriegseintritt der Brüder bis zu ihrem Tod (und darüber hinaus). Fast meinte man die Stimme von Carl Faudt zu hören, der beispielsweise am 23. August 1914 an seine Eltern schreibt: „Was ich hier erleben muss, kann ich unmöglich schreiben. So furchtbar habe ich es mir nie vorgestellt. Wenn ich kein Gottvertrauen hätte, wüsste ich nicht, wie mir zumute wäre.“

 Ihr Regiment habe schon furchtbar gelitten, informierte Carl seine Familie: „Wir sind mit 250 Mann ausgerückt und haben jetzt noch ungefähr 120 in der ersten Kompagnie.“ Ludwig schreibt am 9. Oktober 1914: „Es kämpfen ungefähr vier Millionen Menschen zusammen. Wenn die Sache nicht so ernst wäre, möchte man wohl sagen, es wird einem was Alltägliches.“ Die Kugeln, ergänzt er, „pfeifen Tag und Nacht“. Carl Faudt stirbt am 17. November 1914, sein Bruder Ludwig einen Monat später am 18. Dezember 1914. Die Kondolenz ist zwiespältig. Auf der einen Seite ist immer wieder von „Heldentod“ und „schwerem Opfer“ die Rede. Auf der anderen Seite gibt es viele warme Worte der Trauer und des Mitleidens. „Der Teufel hat den Krieg angefangen“, schreibt jemand – da sei er sich sicher. In einem anderen Brief finden sich die Zeilen: „Wenn der entsetzliche Krieg doch bald zu Ende wäre.“

 Hans und Bärbel Faudt, zwei Nachfahren des Brüderpaars, zeigten sich nach der Lesung sehr bewegt. „Es ist unglaublich, was da alles zutage gekommen ist“, sagte Hans Faudt. Die Schachtel mit den Briefen habe viele Jahrzehnte auf dem Dachboden gelegen. „Leider habe ich die Schrift nie lesen können.“ Den Studenten dankte Faudt für ihr Engagement: Sie hätten den Briefen Leben eingehaucht und dabei vieles herausgefunden, „was vorher gar nicht so bekannt war“. Nebenbei: Die kleine Sonderausstellung zum Thema ist die ganze Woche über zu sehen.

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