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Suppenküche oder Freudenhaus

Herkunft von Straßennamen Suppenküche oder Freudenhaus

 Straßenschilder sorgen für Übersicht und erleichtern Einwohnern und Besuchern den Weg durch die Stadt. In Bückeburg gibt es an die 300. Die ersten wurden Anfang des vorigen Jahrhunderts aufgestellt. Gleichzeitig wurde auch die Kennzeichnung der Gebäude mit Hausnummern vorgeschrieben. Auslöser war eine im August 1907 vom Magistrat beschlossene „Polizeiverordnung über die Anbringung von Straßen- und Hausnummernschildern“.

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Der Name Petersilienstraße gibt bis heute Rätsel auf.

Quelle: gp

Bückeburg. Die Neuregelung kam nicht von ungefähr. Die Residenz hatte einen Bauboom erlebt. Die bis Mitte des 19. Jahrhunderts noch nahezu ausschließlich auf den historischen Stadtkern konzentrierte Siedlung war stellenweise weit über den Ex-Wall hinausgewachsen. Auf vielen der aus dieser Zeit stammenden Hinweistafeln stehen althergebrachte Örtlichkeitsbezeichnungen oder die Namen verdienter Persönlichkeiten. Sie dürfen von daher auch als eine Art Schlüssel zum Verständnis der Stadtentwicklungsgeschichte gelten. Wir stellen – in zwangloser Folge – einige der bemerkenswertesten, auf den Schildern verewigten Aufschriften vor. Heute, im letzten Teil unserer Serie, klären wir die Herkunft des Namens „Petersilienstraße“. Petersilienstraße

 Einen speziellen Fall in puncto Namensgebung stellt die dar. Über Herkunft und Entwicklungsgeschichte der kurzen Zubringerstrecke von Langer Straße zum einstigen Münchhausenhof (heute Hubschraubermuseum) ist viel gerätselt worden – so auch in einer stadtgeschichtlichen Gesprächsrunde, zu der vor geraumer Zeit der schaumburg-lippische Heimatverein eingeladen hatte.

 Eine Teilnehmerin konnte sich erinnern, dass die Gasse früher als „Suppenallee“ bekannt gewesen sei. Das führte zu der These, dass der Name – nicht nur wegen der sprachlichen Übereinstimmung – im übertragenen Sinne mit dem bekannten Gewürzkraut Petersilie zu tun habe. Möglicherweise seien dort einst eine koch- und/oder gewürzkundige Person oder auch ein herrschaftlicher Koch oder eine stadtbekannte Köchin beheimatet gewesen, war zu hören.

 Eine andere Erklärung klingt in einem 1995 von dem hiesigen Historiker Brage Bei der Wieden verfassten Stadtführer an. „Der Name könnte andeuten, dass hier im späten Mittelalter das Freudenhaus gestanden hat“, so der ausgewiesene Bückeburg-Kenner. Die Petersilie habe „die doppelte Wirkung, abzutreiben und zu stimulieren“.

 Für die Vermutung Bei der Wiedens spricht die Tatsache, dass es deutschlandweit auffallend viele „Petersilienstraßen“ gibt. Als Beispiel seien Hannover, Goslar, Minden und Göttingen genannt.

 Die möglichen historischen Hintergründe werden in einer Studie der Münsteraner Historikerin Almuth Salomon beschrieben. Danach gab es in fast allen Stadtsiedlungen bis in die Neuzeit hinein Viertel mit besonders miserablen Lebens- und Wohnverhältnissen. Das Gros der dortigen Einwohnerschaft war arm und lebte als mittellos-abhängige Mieterschaft in heruntergekommenen Elendsquartieren.

 Besonders schlimm war es um Witwen und andere alleinstehenden Frauen und Mädchen bestellt, die keine Mitgift aufbringen und somit nicht auf eine Ehe hoffen konnten. Sie hausten zusammen mit den Angehörigen anderer „unehrlicher Berufe“ wie Abdecker, Scharfrichter oder fahrendem Volk in verwahrlosten, übel beleumdeten Gassen zusammen. Etliche Frauen waren zum Überleben auf gelegentliche oder gewerbsmäßige Prostitution angewiesen. Kündigte sich Nachwuchs an, setzten sie auf einen Sud aus Petersilie, um den Fötus abzutreiben.

 Laut Salomon steht der Name Petersilienstraße deshalb – genau wie Bäcker-, Böttcher- oder Färbergasse – für ein „Handwerk, welches zwar verachtet und verfemt, aber stillschweigend toleriert wurde“.

 Ob es ein solches Milieu auch in Bückeburg gegeben hat, liegt noch im Dunkeln. Verwunderlich wäre es nicht. Die Stadt war über Jahrhunderte Garnison. Diskos und sonstige Begegnungs- und „Aufwärmstätten“ für junge Rekruten gab es nicht. Bis die Sache geklärt ist, müssen wir uns mit einem vielsagenden Zweizeiler des weisen Pragmatikers Wilhelm Busch zufrieden geben: „Zuweilen brauchet die Familie, als Suppenkraut die Petersilie“.

gp

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