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Tags Zeitung, nachts Gedichte

Vor knapp 150 Jahren wurde Hermann Löns geboren Tags Zeitung, nachts Gedichte

Hermann Löns gehört zu den weltweit bekanntesten Deutschen. Da war und ist die Versuchung bei Biografen und Kritikern groß, nach immer Neuem und Spektakulärem in dessen ungewöhnlichem Leben zu suchen.

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 So sahen und sehen ihn die meisten Anhänger am liebsten: Hermann Löns in Jägertracht.

Quelle: Repro: gp

BÜCKEBURG. Er sei nicht nur Autor, sondern auch Naturschützer und Gesellschaftskritiker, Journalist und Jäger, Alkoholiker und Frauenheld gewesen, so eine der jüngsten Charakterisierungen. „Ein Zerrissener zwischen Mief und Moderne, kaum einzuordnen bis heute.“ Aus heimischer Sicht interessant: Zwei Jahre seines Daseins lebte und arbeitete der so Beschriebene als Zeitungsredakteur in Bückeburg.

Löns wurde am 29. August 1866, also fast auf den Tag genau vor 150 Jahren, als Sohn eines Gymnasialoberlehrers in Kulm (ehemals Westpreußen) geboren. Die Familie hatte 14 Kinder. Der Vater wurde mehrmals versetzt. Die Familie musste des Öfteren umziehen.

Schon während der Schulzeit war Löns wegen seines Naturinteresses aufgefallen. So machte er als 16-Jähriger die Naturwissenschaftler seines Schulorts Deutsch Krone mit der örtlichen Fauna vertraut. Zwei Jahre später, die Familie lebte inzwischen in Münster, übermittelte er dem Provinzialmuseum in Danzig ein Verzeichnis mit den Namen von 134 Vogelarten, die er in der Umgebung der Stadt beobachtet und/oder entdeckt hatte. 1885 teilte sein Biologie-Lehrer am Gymnasium in Münster mit, dass der Primaner Löns eine neue Schneckenart entdeckt habe. Dem jungen Naturfreund schien eine erfolgreiche akademische Karriere bevorzustehen.

Wegen Unzuverlässigkeit rausgeworfen

Doch dann kamen, kurz nach dem Abitur, erstmals die unsteten und unberechenbar-selbstzerstörerischen Seiten des Lehrersohns zum Vorschein. Löns hatte sich auf Druck seines Vaters als Medizinstudent an der Uni Greifswald eingeschrieben, soll sich jedoch von Anfang an mehr in Kneipen und auf dem Paukboden der Verbindung „Cimbria“ als im Hörsaal aufgehalten haben. Als er Zechschulden nicht zurückzahlen konnte, flog er raus und versuchte, sich als (Aushilfs-)Journalist von Tageszeitungen über Wasser zu halten. Meist wurde er jedoch nach kurzer Zeit wegen Unzuverlässigkeit, Unpünktlichkeit und/oder Trunkenheit wieder geschasst.

Trotz aller Rückschläge und Niederlagen hörte Löns nie auf, an seine literarische und naturwissenschaftliche „Berufung“ zu glauben. Tatsächlich stellten sich um die Jahrhundertwende erste Erfolge ein. Sein Lebensschwerpunkt wurde Hannover, wo er sich aber nie richtig wohlfühlte.

So griff er sofort zu, als ihm im September 1907 der Posten des Schriftleiters der Schaumburg-Lippischen Landes-Zeitung angeboten wurde. Der langjährige Chefredakteur war kurz zuvor überraschend gestorben. Die kurzzeitige Vertretung hatte, wie schon einige Male zuvor, der schreibgewandte Lehrer und Chronist Wilhelm Wiegmann übernommen. Dieser war es auch, der die Verpflichtung seines Freundes Löns einfädelte. Standort des Verlags und der Redaktionsstube war damals noch das Haus von Hofbuchdruckermeister Heinrich Grimme an der Wallstraße. Das fürstliche Konsortium, das damals den Gang der Dinge bei dieser Zeitung überwachte, überhäufte Löns mit Vorschusslorbeeren.

Zu viel zugemutet

Löns legte sich, unterstützt von seinem Freund, anfangs mächtig ins Zeug. Der Neue habe sich viel zu viel zugemutet, ließ Wiegmann später wissen. So habe sich Löns – neben den täglichen Ausgaben – aus finanziellen Gründen um die Wochenendbeilagen „Heimat“ und „Kunst und Literatur“ des Hannoverschen Tageblatts gekümmert. „Tagsüber machte er Zeitung, nachts schrieb er Gedichte, Geschichten und Bücher.“

Die Folgen beschrieb Wiegmann so: „Es dauerte nicht lange, da klagte er über nervöses Kopfweh, Muskelschmerzen, Stockschnupfen und andere Beschwerden.“ Ratschläge und Hilfsangebote habe Löns brüsk abgelehnt. „Da er sich von keiner Seite ein Dreinreden gefallen ließ“, sei es selbst aus geringsten Anlässen zu endlosen Reibereien mit Verleger und Zeitungskonsortium gekommen.

„Eine Natur wie Löns kann nicht nach dem gewöhnlichen Maßstab abgeschätzt werden“, versuchte Wiegmann, den Freund in Schutz zu nehmen. „So weich, milde und gütig er war, so hart, derbe und herrisch zeigte er sich, wenn er gereizt wurde; sein maßloser nervöser Eigensinn raubte ihm nicht selten jede Überlegung.“ Löns selbst sah das anders. „Die Herren sind nicht zufrieden. Sie dachten, ich würde die Abonnentenzahl verdoppeln und die Ausgaben auf die Hälfte bringen“, klagte er ein Jahr nach Dienstantritt.

Scheidung folgte 1911

Laut Wiegmann hatte Löns‘ Gesundheitszustand im Frühjahr 1909 bedenkliche Züge angenommen. „Seine Nerven waren so überreizt, dass er häufig das Bett hüten musste.“ Dennoch seien Trotz und Selbstironie im Spiel gewesen. „Ich habe gestern den ganzen und heute den halben Tag in der Klappe gelegen; hatte überall, wo Muskeln sitzen, auch am Kopfe, starke Schmerzen“ habe er eines Tages erzählt. Das fürstliche Konsortium hatte für derlei Aussagen kein Verständnis. Im September 1909 wurde der Schriftleiter gefeuert.

Etwas aufgeheitert haben sollen Löns in seiner Bückeburger Zeit nur der Anblick und das Beisammensein mit dem Kindermädchen Ernestine Sassenberg. Die bildhübsche Tochter eines Kleinenbremer Mollenhauers war 1908 von den Löns zur Pflege ihres geistig behinderten Sohnes ins Haus geholt worden. Die Mutter Christines war im Hause des Schriftstellers und Prinzenerziehers Adolf Holst „in Stellung“. Vieles spricht dafür, dass Löns, der Zeit seines Lebens seinem Drang zum weiblichen Geschlecht nur schwer widerstehen konnte, die Dienste der 18-Jährigen schon bald auch anders in Anspruch nahm. Seine Ehe mit seiner zweiten Frau Lisa galt als zerrüttet. 1911 wurde das Paar auch offiziell geschieden.

Immer weiter bergab

Mit Löns ging es immer weiter bergab. Er hetzte, auch wegen unerfüllbarer Unterhaltsforderungen, ziellos und panisch durch halb Europa. Erst 1912 traute er sich nach Hannover zurück. Ernestine Sassenberg wurde seine Lebensgefährtin. Anders als die meisten anderen Frauen in Löns‘ Leben versuchte sie nie, dessen Geldbeutel und den wachsenden literarischen Ruf für sich auszunutzen. Im Gegenteil. Sie hielt den Haushalt in Ordnung und versuchte, ihn zu trösten, wenn er wieder mutlos war. „Meine Freundin ist bei mir und sorgt auf das Beste für mich“, ließ er einen Freund wissen. „Bin ich mal übellaunisch, sie nimmt mir nichts krumm.“

Hermann Löns fiel am 26. September 1914 als Kriegsfreiwilliger in der Nähe von Reims. Der große Durchbruch als Schriftsteller kam erst nach seinem Tod. Heute gehört Löns mit weit mehr als zehn Millionen verkaufter Bücher zu den meistgelesenen deutschsprachigen Autoren. gp

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