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„Verloren“ und wiedergefunden

Gedenktafeln „Verloren“ und wiedergefunden

„Wir werden darüber nachdenken“, kündigt Michael Pavel, Leiter des Gymnasiums Adolfinum, einen „angemessenen und vorurteilsfreien Umgang“ mit einem ungewöhnlichen, kürzlich wieder entdeckten Überbleibsel der Schulgeschichte an.

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Was tun und wohin damit? Die hauseigene, rund drei Meter hohe und knapp fünf Meter breite Heldengedenktafel des Gymnasiums Adolfinum lagert derzeit noch auf dem Boden der Jägerkaserne.

Quelle: gp

Von Wilhelm Gerntrup

Die Rede ist von einer schwergewichtigen, drei Meter hohen und knapp fünf Meter breiten Gedenktafel. Diese war der Schule drei Jahre nach Ende des Ersten Weltkriegs zur Erinnerung an die zwischen 1914 und 1918 ums Leben gekommenen Lehrer und Schüler vermacht worden. Aufgelistet und eingraviert sind 177 Namen.

 Bis zur Fertigstellung des heutigen Schulgebäudes hatte das klotzige Stück in der Aula des Altbaus an der Ulmenallee gehangen. Dann wurde es – offenbar während des Umzugs – „entsorgt“. Derzeit liegt das zentnerschwere Eichenkonstrukt auf dem Dachboden der Jägerkaserne.

 Auf das Ergebnis der von Pavel angekündigten Auseinandersetzung mit der Gedenktafel Stück darf man gespannt sein. Das mit jeder Menge Mannesehre, Heldentod und vaterländischem Pathos befrachtete Stück will so gar nicht zu den heute in der Schule vermittelten Werten passen. Andererseits könnte es, erstmals in der Geschichte des Adolfinums, zu einer offenen Auseinandersetzung mit diesem und anderen unliebsamen Kapiteln der hauseigenen Vergangenheit kommen.

 Eine vorläufige Spurensuche nach den Hintergründen und der Entstehungsgeschichte der Tafel führt exakt 100 Jahre zurück. Anfang 1914 waren in Bückeburg die Vorbereitungen für die anstehende 300-Jahr-Feier des Adolfinums angelaufen. Vorfreude und Erwartungen waren groß. Im Festkomitee war alles vertreten, was in der Fürstenresidenz Rang und Namen hatte. Doch dann kam alles ganz anders. Ab August herrschte Krieg.

 Unmittelbar nach Ausrufung der Mobilmachung meldeten sich Schulleiter Heeren und sechs weitere Mitglieder des 15-köpfigen Lehrerkollegiums an die Front. Auch viele der älteren Schüler konnten es kaum erwarten. In aller Eile wurden Notreifeprüfungen anberaumt. Von den 24 erfolgreichen Absolventen eilten die meisten sofort zu den Waffen. Ähnlich sah es in den nächstälteren Jahrgängen aus. Die Zahl der Schüler ging innerhalb weniger Monate von 300 auf 245 zurück. An die 300-Jahr-Feier dachte keiner mehr.

Die Kriegsbegeisterung am Adolfinum war kein Einzelfall. Weit häufiger als alle anderen Berufs- und Bevölkerungsgruppen seien Pädagogen und Pennäler zu den Fahnen geeilt, hat der Rintelner Historiker (und gelernte Gymnasiallehrer) Joachim von Meien herausgefunden. Viele junge Männer aus gutem Haus hätten sich den Waffengang als kurzweiliges Abenteuer und willkommene Abwechslung vorgestellt. Auffallend stark sei in Bückeburg der Drang an die Front gewesen. Die überdurchschnittlich hohe Zahl an Beamten, Offizieren, Adeligen und wohlhabenden Pensionären habe ein „besonders hohes Maß an Loyalität und Identifikation mit dem monarchischen Regierungssystem“ entstehen lassen (siehe Joachim von Meien: „Kleinststaat und Weltkrieg. Das Fürstentum Schaumburg-Lippe 1914-1918“, Band 71/2012 der Schaumburger Studien).

 Erste Dämpfer bekam die Euphorie durch die ab Mitte August beinahe täglich in der Landes-Zeitung abgedruckten Verlustlisten und Todesanzeigen. Einer der ersten Nachrufe galt einem Lehrer des Adolfinums. Der freiwillig zu den Fahnen geeilte Hermann Moeller war am 23. August, nur wenige Stunden nach seinem Eintreffen an der Front, in der Nähe der belgischen Stadt Gozée schwer verletzt worden. Er sollte nicht der Einzige bleiben. Unter den gefallenen Ex-Schülern waren mit Siegfried Benario und Max Löwenstein auch zwei junge Juden.

Die tief verwurzelte Überzeugung, das Leben für eine gute Sache hinzugeben, vermochten die rapide steigenden Todesmeldungen nicht zu erschüttern. Im Gegenteil. Das massenhafte Sterben in den Schützengräben wurde – über das Kriegsende hinaus – als heroischer Dienst am Vaterland verklärt. In fast jedem Ort schossen zu Ehren der in Feindesland gefallenen Söhne und Väter Gedenkstätten aus dem Boden.

 In Bückeburg bereitete man seit 1920 die Aufstellung eines „Denkmals für die gefallenen Helden der Stadt Bückeburg und der hier aufgestellten Feldformationen des westfälischen Jäger-Bataillons Nr. 7“ im Schlosspark vor. Das war den Hinterbliebenen und Kollegen der gefallenen Adolfiner nicht exklusiv genug. Man nahm – mit großzügiger Unterstützung wohlhabender Spender – ein eigenes Denkmal in Angriff.

 Am 17. September 1921, ein Jahr vor der Fertigstellung des Schlosspark-Projekts, war es so weit. Nach Gottesdienst, Festumzug und Begrüßungszeremonie auf dem Schulhof wurde das sperrige Epitaph in die Aula getragen.

 Die Weihe geriet zu einer mit viel vaterländischem Pathos und hehren Treuebekundungen angereicherten Veranstaltung. Die Schule dürfe stolz auf ihre Toten sein, ließ Rektor Heeren, der den Krieg heil überstanden hatte, die Festversammlung wissen, „denn schon die Zahl unserer lieben Gefallenen, fünf Lehrer und 172 Schüler, hat bewiesen, dass der Geist der Schule gut ist“.

 Den Stiftern des Denkmals, die „das Gedächtnis unserer Gefallenen gewissermaßen in die Obhut der Schule gegeben“ hätten, sagte er im Namen der Lehrer und Schüler zu, dass sich das Adolfinum „dieses Vertrauens stets würdig erweisen“ werde.

 Erstes Opfer aus den Reihen der Adolfiner war Hermann Moeller. Der Lehrer war am 23. August 1914, wenige Tage nach dem Einmarsch der deutschen Truppen in Belgien, tödlich verletzt worden.

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