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Vier Tage voneinander lernen

Pilotprojekt Vier Tage voneinander lernen

Nicht übereinander, sondern miteinander reden: das wollen Flüchtlinge und Helfer bei der aktuellen „Woche der Begegnung“ auf Schloß Baum. „Zusammen leben lernen“ lautet das Motto des Pilotprojekts, das maßgeblich vom heimischen Rotary Club gefördert wird.

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Grüße aus „Balkonien“: Die Teilnehmer des Camps (Flüchtlinge und der Unterstützerkreis der Kirchengemeinde Seggebruch) sowie Christa Harms und Vertreter des heimischen Rotary Clubs auf Schloss Baum. Fotos:

Quelle: mig

Bückeburg.  „Fordern und fördern“: Das ist längst zu einem Leitgedanken der Flüchtlingshilfe geworden. Kaum ein Politiker, der diesen Grundsatz nicht vertritt. Und obwohl die meisten Flüchtlinge möglichst schnell deutsch lernen wollen, ist das nicht so ohne Weiteres möglich. Mal fehlt das Geld, mal die Lehrer, kurz: Es könnte besser laufen.

 Da lohnt ein Blick nach Schloss Baum, wo die Schaumburg-Lippische Landeskirche und das Diakonische Werk einen „Versuchsballon“ gestartet haben. Vier Tage leben hier Flüchtlinge und Helfer zusammen – es gibt ein Programm für Erwachsene und Kinder und einen verpflichtenden Deutschunterricht. Und noch etwas ist für das Pilotprojekt entscheidend: dass Deutsche und Flüchtlinge Kontakt aufnehmen. „Das ist für eine gelingende Integration enorm wichtig“, sagt die Koordinatorin für Ehrenamtliche in der Flüchtlingsarbeit, Christa Harms. Als Pilotgruppe für den Modellversuch wurde der von Pastor Burghard Peter und Rita Brützel koordinierte Ehrenamtskreis der Kirchengemeinde Seggebruch ausgewählt. Dieser habe sofort zugesagt, auch die 35 Flüchtlinge (aus dem Irak, Afghanistan, Syrien und Sudan) seien an der Teilnahme interessiert gewesen. „Über die gute Resonanz haben wir uns gefreut.“

 Für die Tage auf Schloss Baum haben sich alle viel vorgenommen: Kochaktionen, eine Fahrrad-AG, Chorproben und ein Wald-Spaziergang. „Wir wollen miteinander leben und voneinander lernen“, sagt eine Helferin aus dem Unterstützerkreis. Eine andere ergänzt: „Es werden sicher für beide Seiten anstrengende, aber auch sehr schöne Tage.“

 Das sieht Silvia May ähnlich: „Man muss etwas investieren, damit man etwas zurück bekommt“, gibt die Helferin zu bedenken. Und betont: „Wir können genauso viel von denen lernen, wie die von uns.“ Ohnehin sei „mit am wichtigsten“, „dass die Menschen Deutsch lernen: das ist das A und O, ohne das gibt es keine Integration.“ Ähnlich wichtig sei es, „dass die Flüchtlinge mit uns leben, ins Gespräch kommen, und so auch etwas über unsere Lebensweise lernen.“ Laut May sind alle Teilnehmer, „sehr motiviert und lernwillig“: „Sie saugen das förmlich auf, sie wollen lernen und weiterkommen, und manche wollen sich auch von Klischees freimachen.“ Gerade in Afghanistan hätten die Taliban viele am Schulbesuch gehindert.

 Aufgefallen ist May, dass viele Flüchtlinge traumatisiert sind, ob durch die Flucht oder durch andere Ereignisse. „Da braucht es einige Zeit, um anzukommen. Wir fragen sie aber nicht danach, wir warten, bis sie uns etwas erzählen.“ Auf Schloss Baum hätten sie Gelegenheit, auch über diese Themen zu reden, wobei: „Der Deutschunterricht steht schon im Vordergrund.“

 Einer der Teilnehmer ist Marwan Yusef, ein Flüchtling aus Syrien. Der 18-Jährige ist ein begeisterter Fußballer und spielt beim TuS Südhorsten – erste Tore inklusive. Dass er im August – also nach den Ferien – in eine sogenannte Sprint-Klasse kommt, findet Marwan großartig: „Ich fühle mich hier richtig wohl, habe schon Freundschaften geschlossen.“ Er freue sich auf die Schule und werde „hart an sich arbeiten“, um die Sprache noch besser zu lernen“. Sein Ziel für die Zukunft: „Ich möchte eine Ausbildung machen und richtig deutsch sprechen können.“

 Darin unterstützt wird er von Dorothea Schulte-Girr, die den morgendlichen Deutschunterricht leitet. Schulte-Girr gestaltet den Unterricht möglichst praktisch, sie stimmt die Vokabeln auf Themen des Nachmittags ab (also auf den Erste-Hilfe-Kurs, den Bau einer Gartenbank, oder den Mal-Workshop) und schafft so einen direkten Bezug zum handwerklichen Tun. „Unser Ziel ist es, dass das Gelernte sofort im Gespräch angebracht wird“, erläutert Harms. „Auf diese Weise verhindern wir, dass die Deutschkenntnisse in der langen Zeit der Ferien verloren gehen.“

 May und die anderen Helfer werden die Sprach-Schüler ebenfalls unterstützen. „Wir werden viel miteinander reden, wir werden viele Kontakte knüpfen“, sagt die ehrenamtliche Helferin. Man dürfe die Flüchtlinge nicht allein lassen. Niemann, der Präsident des hiesigen Rotary Clubs, stimmt ihr zu. „Integration ist Beziehungsarbeit“, sagt er. Und: „Die Flüchtlinge dürfen nicht isoliert, sondern müssen integriert werden.“

 Für Niemann ist der Deutschunterricht, der im Camp angeboten wird, entscheidend. „Wer die Sprache nicht spricht, wird sich zurückziehen – das müssen wir verhindern.“ Der Rotary Club habe sich bewusst dazu entschlossen, das Camp zu unterstützen. Ob der Modellversuch 2017 fortgeführt wird, darüber ist noch nicht entschieden. „Ein zweites Camp wäre aber wünschenswert“, sagt Harms. „Wir sind von der Notwendigkeit überzeugt.“ Darüber hinaus würde sich Harms „sehr freuen, wenn andere diese Idee aufgreifen“.

mig

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