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Vom Siechtum bedrohter Sport

Bückeburg / Kegeln Vom Siechtum bedrohter Sport

Kegeln ist eine vom Aussterben bedrohte Freizeitaktivität: Die letzte Bückeburger Stadtmeisterschaft ging 1988 über die Bühne. Die Veranstaltung wurde danach wegen mangelnden Interesses eingestellt. Schon damals schossen Bowlingbahnen wie Pilze aus dem Boden.

Bückeburg (bb). Wer heute in Luhden oder Minden bowlen will, muss Tage vorher vorbestellen. In Minden gibt es am Wochenende sogar Discobowling ab 22 Uhr. Um junge Bowlingspieler zu gewinnen, wird die Musik lauter gedreht und das Licht gedimmt. Im Schummer- und Schwarzlicht werden dann Spears und Strikes geworfen. Da kann das altmodische Kegeln kaum mithalten. Altersbedingt lösen sich immer mehr Kegelclubs und -vereine auf.

Riad Barakat, Geschäftsführer vom Altstadt Hotel in der Trompeterstraße, erzählt wehmütig: „Früher hatten wir hier 16 Clubs. Heute kegelt hier keiner mehr regelmäßig.“ Die Bahnen des Hotels sind aber deshalb nicht geschlossen. „Für Geburtstage, Partys und Firmenfeiern werden die noch gebucht“, so Barakat.
Drei Häuser weiter an der Wallstraße sieht es besser aus. In der „Gaststätte Fenkner“ kegeln die meisten Clubs der Stadt.

Vier Scherenbahnen hat Wirt Hermann Fenkner im Keller. Als es von 1968 bis 1988 noch Stadtkegelmeisterschaften in Bückeburg gab, fanden sie hier statt. „Damals gab es sehr viele Klubs mit den tollsten Clubnamen“, erinnert sich „Kegel“-Fenkner, der selber mehrere Male stolz den Titel „Stadtmeister“ tragen durfte – damals, vor 25 Jahren: „Reserve hat Ruh, Pumpenschreck, Holzwürmer und wie sie nicht alle hießen.“ Auch, wenn längst nicht mehr so viele Clubs wie zu Zeiten der Meisterschaften aktiv in der Gaststätte kegeln, so seien die Bahnen dennoch ständig belegt, so Fenkner.

Auch im „Jetenburger Hof“ unten am Bahnhof spürt man den schleichenden Niedergang. Erst vor wenigen Tagen hörte der Kegelclub „Die fröhlichen 16“ nach 33 Jahren auf. Hier traf sich der Club immer und räumte in fröhlicher Runde die Kegel ab. In der ehemaligen „Laterne“ gründete Christoph Siebert 1978 in gemütlicher Runde aus einer fixen Idee heraus den Verein. Ein Teil der Mitglieder wechselte seitdem, aber die fröhlichen 16 konnten bis zum Ende immer gehalten werden.

Vereinspräsident Karl Heinz Wiese ist traurig über das Ende: „Die Luft ist raus.“ Heute treffen sich die ehemaligen Mitglieder der „fröhlichen 16“ wieder, wie vor der Vereinsgründung, zu gemütlichen Plauderrunden. Die Kegel ruhen.

Im Jetenburger Hof sind die am Wochenende von Freitag bis Sonntag geöffneten Scheren dennoch gut besucht. „Die Bohlenbahnen laufen weniger gut“, stellt die Wirtin Dobrinka Stjepanovic fest. Diese sind im Gegensatz zu den Scherenbahnen stärker konkav und 5,5 Meter länger. Die Breite ist bei beiden Bahnarten gleich: 35 Zentimeter.

Im „Alten Forsthaus“ oben am Harrl gibt es nur noch zwei Kegelclubs, die aktiv an den vier Scherenbahnen kegeln. Sie stehen nicht nur im starken Kontrast zueinander, sondern stellen sich auch gegen die Trendwende: Einer ist Bückeburgs ältester Club, der andere der jüngste, der erst vor wenigen Monaten gegründet wurde. „Die Mitglieder dieses Clubs sind im Durchschnitt um die 30 Jahre alt“, weiß Forsthaus-Geschäftsführer Peter Masuch zu berichten. Dennoch, so sein Fazit: „Es ist rückläufig.“

Jedenfalls kann sich der älteste Club, „8 ums Vordereck“, erst einmal über Mitgliederzuwachs freuen. Jörg Rauter ist als Zwölfter dem Bunde beigetreten. Seit der Vereinsgründung 1895 ist er schon das 76. Mitglied. Oben im Lokal wartet Rauter gut gelaunt in zeremonieller Kleidung mit Frack und Zylinder auf die Entscheidung des Vereins, der unten auf der Bahn tagt. Und mit ihm wartet sein Fürsprecher, Bückeburgs Nachtwächter Dietmar Ostermeier.

Traditionell kann sich jedes neue Mitglied etwas ausdenken, um die Vereinsmitglieder zu beeindrucken. Ganz bewusst wählte Jörg Rauter Dietmar Ostermeier als seinen Befürworter, da ein Nachtwächter seinerzeit als unscheinbarer und unheimlicher Mensch galt. „Mit der Limousine vorfahren kann ja jeder“, sagt Rauter mit einem schelmischen Lächeln im Gesicht.

Das Rollenspiel macht dem Nachtwächter sichtlich Spaß: Mehrmals geht Ostermeier hinunter in den Vereinsraum, in dem die anderen Mitglieder über die Aufnahme Rauters diskutieren, und mahnt sie: „Entscheidet recht, denn es kann immer sein, dass der eine oder andere mir des Nachts mal über den Weg läuft.“

Zusätzlich stimmt Rauter die Gemüter der Mitglieder wohlgesonnen: „Ich muss sie auch mit Getränken beschwichtigen. Die bringt aber die Wirtin in den Clubraum.“ Nach langem Warten wird Rauter in den Raum gebeten. Der Präsident kritisiert Rauters handschriftlichen Lebenslauf: „Die Form ,hochachtungsvoll‘ ist nicht mehr zeitgemäß. Aber dennoch denken wir, dass Du Schwung mit einbringen wirst.“

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