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„Wahllos die Hälfte aller Bäume gefällt“

Bückeburg / Kritik „Wahllos die Hälfte aller Bäume gefällt“

Wenn der Gymnasiallehrer Franz-Josef Adrian im Harrl unterwegs ist, dann packt ihn mitunter die Wut: Insbesondere im Bereich unterhalb des Idaturms sehe es „furchtbar“ aus, schimpft er im Gespräch mit dieser Zeitung.

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Dass in dem in der Kritik stehenden Waldstück nur noch wenige Altbuchen stehen, liegt nach Auskunft des Fürstlichen Forstamtes daran, dass sich dieser Revierteil forstwirtschaftlich in der „Endnutzung“ befindet und hier bereits eine Naturverjüngung eingeleitet worden ist. wk

Quelle: Michael Werk

Von Michael Werk. „Da haben die massiv Holz eingeschlagen – viel mehr als in früheren Jahren.“ Und: „Das ist mit Sicherheit nicht nachhaltig – die holen da mehr Holz raus als nachwächst.“ Mit „die“ meint er das Fürstliche Forstamt.

 Zielscheibe von Adrians Kritik ist besonders Revierförster Alfred Matthaie. Dieser mache eine „ganz schlechte Buchenwaldbewirtschaftung“, behauptet der Naturschutzaktivist, der wochentags berufsbedingt in Bottrop und an den Wochenenden in Bückeburg lebt. Auf seiner Homepage im Internet findet er noch deutlichere Worte, indem er dort gar behauptet, „der von Matthaie bewirtschaftete Wald gleicht einem Schlachthaus“. Auch, weil der Waldboden durch den Einsatz von großen Forsterntemaschinen (Harvester) und schweren Forstrückeschleppern (Forwarder) so stark verdichtet werde, dass auf diesen Schneisen „in den nächsten Jahrhunderten kein Baum mehr wachsen“ werde. Adrian: „Für den kurzfristigen Gewinn opfert man den langfristigen Ertrag.“ Zudem erinnere das, was unterhalb des Idaturms entstehe, „weniger an einen naturnahen Wald denn an eine Streuobstwiese – nur nicht mit Obstbäumen, sondern mit Buchen“.

Weiter kritisiert Adrian, dass die bei Durchforstungen zu erhaltenden „Zukunftsbäume“, die eines Tages als Wertholz an etwa die Möbelindustrie verkauft werden sollen, mit Ausnahme der Bäume entlang der Rückegassen nicht mit farbigen Markierungen versehen seien. Die Waldarbeiter hätten somit „wahllos einfach die Hälfte aller Bäume gefällt“.

 Harte Worte – doch warum meint Adrian, die forstwirtschaftlichen Vorgänge im Harrl beurteilen zu können? „Das ist keine Geheimwirtschaft – dafür braucht man nicht studieren“, erklärt der Wochenend-Bückeburger selbstbewusst. So habe er etwa viele Bücher zum Thema gelesen und auch an von Fachleuten geführten Exkursionen teilgenommen. Außerdem arbeite er ehrenamtlich beim Bund für Umwelt- und Naturschutz (BUND) in Essen mit.

 Alfred Matthaie, der das Forstrevier im Harrl bereits sein 1990 leitet, kann über derlei Anschuldigungen verständlicherweise nicht lachen, und auch beim Fürstlichen Forstamt ist man sozusagen „not amused“. Der Bitte nach einem Pressetermin vor Ort kommt man zwar gerne nach, zur Sache selbst wollen sich der Revierförster und Hofkammerdirektor Christian Weber indes nicht groß äußern. Nur so viel: Adrians Ausführungen seien „stark ideologisch geprägt“ und basierten auf einem „Halbwissen“, das vor einem Fachpublikum nicht haltbar wäre, sagt Weber. Daher werde man sich damit inhaltlich auch nicht auseinandersetzen. Gleichwohl habe er aber mit Alexander zu Schaumburg-Lippe über diese Angelegenheit gesprochen, der sich gleichermaßen „sehr erschrocken“ gezeigt habe, „wie mit Herrn Matthaie umgesprungen wird“. Von daher behalte man sich vor, die Zulässigkeit der auf der betreffenden Homepage gemachten Aussagen juristisch prüfen zu lassen.

 Nach mehrfachem Nachhaken gehen die beiden Forstexperten dann aber doch noch etwas detaillierter auf die von Adrian erhobenen Vorwürfe ein: Eines sei doch wohl klar, sagt Weber: Der Harrl sei ein Wirtschaftswald. Dabei habe sich das Fürstliche Forstamt allerdings freiwillig dem internationalen „Programme for the Endorsement of Forest Certification Schemes (PEFC)“ – übersetzt: „Programm für die Anerkennung von Waldzertifizierungssystemen“ – unterworfen, dessen Qualitätssiegel nur diejenigen Forstbetriebe führen dürfen, die nachweislich nachhaltige und naturnahe Waldbewirtschaftung betreiben.

 Der Nachhaltigkeitsgedanke besage ja, dass maximal so viel Holz aus dem Wald herausgeholt werde, wie auch wieder nachwachse, ergänzt Matthaie. „Und das ist schon seit 1800 so.“ Dementsprechend werde auch beim Fürstlichen Forstamt „seit Generationen“ nachhaltig gearbeitet. Erst später hinzugekommen sei dagegen das Prinzip der naturgemäßen Waldbewirtschaftung, die aber schon sein Amtsvorgänger vor rund 25 Jahren im Harrl eingeführt habe. In der Forst herrsche ein „langfristiges Denken über Generationen. Deswegen ist kurzfristige Profitmache gar nicht angesagt“, bekräftigt Weber.

 Und was das – von vergleichsweise nur noch wenigen hohen Altbäumen bestandene – „Schlachthaus Harrl“ (Zitat aus der Adrian’schen Homepage) betreffe: Bei diesem Revierteil handele es sich um einen alten Buchenbestand, der sich inzwischen in der „Endnutzung“ befinde, nachdem die alten Bäume bereits in der Masse entnommen und dort sukzessive eine Naturverjüngung eingeleitet worden sei, erklärt Matthaie. Den hier noch verbliebenen Altbuchen gebe man zwar noch ein paar Jahre, damit sie vom Stammumfang noch etwas zulegen, dann aber würden auch diese Exemplare gefällt. Die jetzt gefällten Bäume seien übrigens markiert gewesen.

In diesem Zusammenhang weist Förster Matthaie darauf hin, dass es aus betriebswirtschaftlicher Sicht trotz eigener Waldarbeiter heutzutage „keine Alternative“ für den Einsatz von schweren Maschinen gebe. Die Verwendung von Rückepferden beispielsweise biete sich allein schon deshalb nicht an, da ein solches Pferd als Dauerleistung gerade einen Festmeter Holz ziehen könne, die massiven Buchenstämme aber ein Gewicht von mehreren Tonnen auf die Waage brächten. Zudem sei der Einsatz von Rückepferden auch aus Gründen des Tierschutzes nicht sinnvoll, da das Herausziehen von Holzstämmen insbesondere in abschüssigem Gelände eine „extrem gefährliche Arbeit“ für die Pferde sei.

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