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Warme Kleidung für Tausende

Bückeburg/Irpin Warme Kleidung für Tausende

Grau, trist, ungemütlich: So wirkt Irpin auf seine Besucher. Touristen verirren sich eher selten in die 50.000-Einwohner-Stadt aus Plattenbauten und kleinen, dem Verfall preisgegebenen Häusern aus der Stalin-Zeit.

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Kleiderausgabe in der Ukraine: Die Interhelp-Mitglieder Alexander zu Schaumburg-Lippe und Ulrich Behmann suchen gemeinsam mit Nadia Filimonova nach Kinderkleidung für Christina und Alexandra. Die Kinder sind mit ihren Eltern vor dem Bürgerkrieg in der Ostukraine in den radioaktiv belasteten Sektor 4 bei Irpin geflüchtet, in dem nicht gekämpft wird.

Quelle: pr.

Bückeburg/Irpin. Seit der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl soll die radioaktive Strahlung in der Region stark angestiegen sein. Von 70 Prozent spricht Chefarzt Andrey Tumasov. Brustkrebs und Leukämie seien häufige Erkrankungen, erzählt der Chef der Poliklinik. Nicht umsonst sei Irpin seinerzeit zur Zone 4 erklärt worden.

Inna Holodova, ihr Mann Vladislav und deren Töchter Christina (9) und Alexandra (3) haben im August vergangenen Jahres Zuflucht an diesem Ort der Tristesse gesucht. Sie sind geflüchtet vor einem Bürgerkrieg, der im Osten der Ukraine ausgebrochen ist und schon mehr als 9000 Tote und ungezählte Verletzte gefordert hat. Innas Heimat, das Donezk-Delta, liegt nur ein paar Hundert Kilometer weit entfernt von hier. Etwa zwei Millionen Menschen haben ihre Städte und Dörfer verlassen, fünf Millionen sind auf humanitäre Hilfe angewiesen.

Die Maschinenbau-Ingenieurin ist glücklich, dass Fremde aus Deutschland an sie und die anderen 5000 Flüchtlinge aus den Provinzen Luhansk und Donezk gedacht haben. „Neue Kleidung, und dazu noch von so guter Qualität, haben wir noch niemals zuvor bekommen“, sagt Inna. Es sei wie in einem Weihnachtsmärchen: „Menschen mit Herz helfen Menschen in Not. Sie kennen uns nicht einmal, und dennoch schenken sie uns so schöne Dinge.“ Die Hilfsorganisation Interhelp hat überwiegend neue Kleidung im Wert von mehreren 100000 Euro nach Irpin gebracht. Aber auch gut erhaltene gebrauchte Bekleidung, die Spender aus den Landkreisen Hameln-Pyrmont und Schaumburg zur Verfügung gestellt haben, hat die Flüchtlinge erreicht. Die Hilfsgüter, darunter auch lebensrettende Medikamente, haben einen 40-Tonnen-Sattelzug gefüllt.

In einem von einer Glühbirne schwach ausgeleuchteten Keller eines Plattenbaus, der aussieht wie ein Bunker aus der Zeit des Kalten Krieges, werden heute Jacken, Hosen und Blusen aus Hameln an Flüchtlinge ausgegeben. Inna Holodovas Augen leuchten. „Es gibt keine Worte, mit denen wir unsere Dankbarkeit auch nur annähernd ausdrücken könnten“, meint die junge Frau. In ihrer vom Krieg zerrissenen Heimat sieht sie keine Zukunft mehr. Inna Holodova will im Frühjahr am Goethe-Institut in Kiev Deutsch lernen und einen Job finden - irgendwo im sicheren Deutschland. Sie will nicht länger Angst haben um das Leben ihrer Töchter.

Wenige Autominuten von der Kleiderausgabe entfernt, steht ein Gebäude, von dem der Putz abfällt. Dort leben Flüchtlinge auf engstem Raum. In einem Zimmer, das nur halb so groß ist, wie eine deutsche Gefängniszelle, sitzt Larissa Kodochova aus Luhansk. Die 58-Jährige hat Hunger. Sie lebt von dem Wenigen, was ihr Menschen aus der Nachbarschaft zustecken. Meist sind es ein paar Scheiben Weißbrot. Seit Monaten sitzt sie bei Wasser und Brot auf einem durchgelegenen Bett und hofft, aus diesem Albtraum zu erwachen. Ihr rechter Fußknöchel ist vor mehr als zwei Jahren gebrochen. Das Bein hat sich entzündet, Larissa Kodochova hat kann sich kaum noch vom Fleck bewegen – sie hat große Schmerzen, jedoch kein Geld für die Behandlung. 800 Griwna Flüchtlingsunterstützung, umgerechnet 31 Euro, stünden der alleinstehenden Frau zu, aber sie hat keine Papiere, die beweisen, dass sie aus Luhansk stammt. Also ist sie mittellos.

Ehrenamtliche Helfer der Interhelp-Partnerorganisation „Die guten Hände“ haben Larissa Kodochova an einer Bushaltestelle aufgesammelt. Mit Spenden bezahlen die „helfenden Hände“ das völlig überteuerte Zimmer. „1200 Griwna für dieses Loch“ – Interhelp-Schirmherr Alexander zu Schaumburg-Lippe, der mit mit Ulrich Behmann, dem Vorsitzenden der heimischen Hilfsorganisation, in die Ukraine gereist ist, um direkt vor Ort Hilfe von Mensch zu Mensch zu leisten und die Verteilung der Spenden zu überwachen, nennt das „Mietwucher“. Er ist entsetzt, sagt sofort Hilfe zu.

„Fälle wie Larissa gibt es bei uns leider sehr viele“, sagt Nadia Filimonova, die Chefin der ehrenamtlichen Flüchtlingshelfer von Irpin. Auf Facebook und in anderen Medien will der Bückeburger Schlossherr zu Spenden aufrufen und zugleich dafür sorgen, dass die Opfer dieses Konflikts, der mitten in Europa Leid und Elend produziert, nicht in Vergessenheit geraten,

Larissa Kodochova weint, als sich die Interhelper von ihr verabschieden. Sie hat keine Hoffnung mehr, will nur noch in Würde sterben.

Weitere Infos: im Internet unter www.interhelp.info. r

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