Volltextsuche über das Angebot:

9 ° / 8 ° Regenschauer

Navigation:
Warum ist Vater schon im Garten?

Erinnerungen an den Bückeburger Bürgermeister Karl Wiehe Warum ist Vater schon im Garten?

Als am 25. Juni 1935 die siebenjährige Marie-Luise Wiehe mittags von der Schule heimkehrt, wundert sie sich, dass ihr Vater im Garten arbeitet, obwohl er eigentlich im Rathaus hätte sein müssen. Sehr bald erfährt sie den Grund dafür. „Dein Vater ist kein Bürgermeister mehr.“

Voriger Artikel
„Kein Trikotwechsel“
Nächster Artikel
Heeresflieger feiern 20-jähriges Bestehen

 Karl und Margarete Wiehe um 1912.

Quelle: pr.

Von klaus maiwald Bückeburg. Rückblick: Der 1882 in Braunschweig geborene Karl Wiehe wurde im Alter von 30 Jahren zum Bürgermeister der Residenzstadt Bückeburg gewählt, wozu er die damals noch übliche „höchstlandesherrliche Bestätigung“ des Fürstenhauses von Schaumburg-Lippe erhielt. Kraft seines Amtes war der Protestant Wiehe durch eine bereits 1893 erlassene fürstliche Verordnung außerdem Kirchenvorstand der evangelisch-lutherischen Landeskirche. Zusammen mit Ehefrau Margarete und den sechs Kindern lebte Karl Wiehe an der Adolfstraße 2 in Bückeburg. Als 1914 der Erste Weltkrieg ausbrach, beließen es sowohl Fürst Adolf als auch Karl Wiehe nicht bei patriotischen Reden, sondern meldeten sich zum Fronteinsatz. Das Ende des Krieges bedeutete auch die Auflösung der Monarchie, doch Wiehe behielt sein Amt und führte die Bückeburger, zunächst in einem Arbeiter- und Soldatenrat, dann auch nach der Revolution souverän durch die Weimarer Republik. Zwischen 1925 und 1930 gehörte Wiehe zusätzlich dem Schaumburg-Lippischen Landtag an und 1926/27 als Staatsrat sogar der Landesregierung.

 Wiehe, der der deutsch-nationalen DNVP angehörte, behielt sein Bürgermeisteramt auch nach dem Machtantritt Adolf Hitlers im Januar 1933, obwohl die NSDAP im Stadtrat die meisten Sitze übernahm. Es wurde jedoch schnell deutlich, dass Wiehe nicht bereit war, die antisemitische Weltanschauung der Nazis mitzutragen. Als Bürgermeister fühlte er sich auch den jüdischen Mitbürgern gegenüber verpflichtet und distanzierte sich von den antisemitischen Taten der Nazis. Dies erforderte viel Mut, denn die judenfeindliche Stimmung hatte sich schon sehr stark ausgebreitet. Wiehes Handlungsspielraum wurde jedoch immer enger, zumal viele seiner Parteifreunde die Politik der Nationalsozialisten unterstützten.

 Der Chefredakteur der NS- Zeitung „Die Schaumburg“, Adolf Manns, sorgte durch seine Hetzartikel gegen die Juden für eine stark angeheizte antijüdische Stimmung in Bückeburg.

 Als Margarete Wiehe 1935 weiterhin in jüdischen Kaufhäusern einkaufte, leitete Manns durch einpeitschende Zeitungsartikel den Sturz Wiehes ein. Am 25. Juni 1935 wurde Wiehe mit sofortiger Wirkung beurlaubt und zum 1. April 1936 in den endgültigen Ruhestand versetzt. Sein Nachfolger, der Antisemit Albert Friehe, engte den Spielraum der Juden der Stadt immer weiter ein, bis diese auswanderten oder den Weg in die Konzentrationslager antreten mussten.

 Bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges bekamen die Wiehes die gesellschaftliche Ächtung stark zu spüren. Nach Kriegsende 1945 war es für Karl Wiehe sicherlich nur eine kleine Genugtuung, als die Amerikaner ihn für kurze Zeit wieder als Bürgermeister und zusätzlich als Landrat einsetzten. Nach schwerer Krankheit verstarb Wiehe am 4. August 1947.

 Wer detailliertere Angaben zum spannenden Leben Karl Wiehes erfahren möchte, dem sei der heutige Vortrag von Klaus Maiwald im Museum Bückeburg (19 Uhr) empfohlen. Ein Aufsatz über Karl Wiehe befindet sich auch in der Festschrift „Erbauung erleben 400 Jahre Stadtkirche Bückeburg.“

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Möchten Sie uns zu diesem Artikel Ihre Meinung sagen? Dann schicken Sie uns einen Leserbrief.

Leserbrief schreiben

Unternehmen quer durch alle Branchen haben sich auch in diesem Jahr wieder an der Aktion der Lions Clubs beteiligt, deren Erlös auch der „Weihnachtshilfe“ der Schaumburger Nachrichten zugute kommt. Hier finden Sie ab dem 1. Dezember die täglich aktuellen Gewinnnummern. mehr

In Ruhe einkaufen, erholsam Urlaub machen, in die Stadtgeschichte eintauchen oder einfach mal in einem der vielen Restaurants und Kneipen die Seele baumeln lassen. Lernen Sie Stadthagen von einer ganz anderen Seite und auf ganz besondere Weise kennen. mehr

Schaumburg