Volltextsuche über das Angebot:

11 ° / 6 ° wolkig

Navigation:
„Was sagen uns diese Zeugnisse?“

Bückeburg „Was sagen uns diese Zeugnisse?“

„Gebt Euren Toten Heimrecht, Ihr Lebendigen...“: Mehr Beschäftigung mit den Einzelschicksalen des Ersten Weltkriegs hat sich Museumsleiter Carsten Reuß im Staatsarchiv gewünscht. Vor rund 100 Zuhörern referierte Reuß zum Thema „Die Bückeburger Garnison, das 7. Westfälische Jäger-Bataillon in Frieden und Krieg“.

Voriger Artikel
„Ich werde Dich schön verprügeln“
Nächster Artikel
Geld marsch

Fürst Adolf und sein Bruder Prinz Wolrad nehmen am 2. August 1914 die Abschiedsparade des Jägerbataillons vor dem Rathaus ab. Anschließend wird das Bataillon nach Belgien verlegt.

Quelle: Archiv

Bückeburg. 100 Jahre nach Beginn des Ersten Weltkriegs sind viele Schicksale längst vergessen. Nur die Denkmale auf Dorfplätzen und Friedhöfen erinnern noch an das „große Schlachten“, das viele Millionen Tote gefordert hat. Die Deutschen, so Reuß, täten sich schwer im Umgang mit „dem kriegerischen Pathos der Vergangenheit, mit Begriffen wie Heldentum, Tapferkeit und der Berufung auf soldatische Wertbegriffe und Normen, die früheren Generationen selbstverständlich und leicht über die Lippen gingen“. Das sei nach den beiden großen Katastrophen des 20. Jahrhunderts verständlich, merkte Reuß an.

 Spendenaufrufe wie in den USA – etwa für verwundete Soldaten unter der Devise „help for our heroes“ – wären in der heutigen Bundesrepublik für ihn jedenfalls völlig undenkbar. In seinem Vortrag wirft Reuß deshalb auch die Frage auf, welchen Rang innerhalb des kollektiven Gedächtnisses die Toten dieses Krieges heute einnehmen. Oder anders ausgedrückt: „Was sagen uns heute diese Zeugnisse der Vergangenheit, und welchen Bezug haben wir 100 Jahre nach dem Ausbruch des großen Krieges noch zu den Menschen, die diese Katastrophe durchleiden und bestehen mussten? Wer unter uns vermag noch klare Aussagen darüber zu treffen, welche Angehörigen und Verwandten der eigenen Familie im August 1914 und den vier Kriegsjahren, an der Front standen, in welchen Regimentern, an welchen Orten, was sie wohl erlebt haben und wie Millionen andere Soldaten beider Seiten Tag ein Tag aus erlitten?“

 In Bezug auf ein Dichter-Zitat von Walter Flex („Gebt Euren Toten Heimrecht, Ihr Lebendigen, dass wir unter Euch wohnen und weilen dürfen in dunklen und hellen Stunden“) äußerte Reuß: „Die idealistisch-melancholische Auseinandersetzung mit dem persönlichen Kriegserlebnis bis zu Flex eigenem Soldatentod 1917 wird heute von vielen Zeitgenossen wohl eher als fragwürdig und verdächtig eingestuft, gleichwohl möchte ich aber seine Worte aufnehmen und die Frage stellen, wie viel Heimrecht wir unseren Toten des großen Krieges heute noch einräumen?“ Da es im politischen Raum üblich geworden sei, den Blick auf die Vergangenheit vornehmlich unter den Kriterien der Täter-Opfer-Analyse, „also einer moralischen ,Freund-Feind-Erkennung‘“ vorzunehmen, entledige man sich nebenbei „galant millionenfacher Einzelschicksale“ und enthebe sich so der Aufgabe einer intensiveren persönlichen Auseinandersetzung. Für Reuß steht deshalb fest, dass sich das menschliche Verhalten in existenziellen Extremsituationen nur schwerlich aus dem „bequemen bürgerlichen Plüschsessel unserer heutigen materiell wohlversorgten Konsum- und Partygesellschaft“ beurteilen lasse. Und: „Wir können von Glück sagen, dass uns die Nagelprobe auf unsere oft vernehmbare moralische Überheblichkeit in menschlichen Extremlagen, in der Masse, bislang noch, erspart geblieben ist.“

 Im zweiten Teil seines Vortrags gab Reuß einen Überblick über die Entwicklung der Bückeburger Garnison und des hier stationierten Truppenteils, „auch damit hinter Zahlen und großen Ereignissen das Einzelschicksal vielleicht ein wenig besser nachzuvollziehen ist“. Der Zuhörer, so Reuß weiter, dürfte aber keinen „militärischen Reisebericht“ der 7. Jäger unter dem Titel „von über nach, von West nach Ost und zurück“ und Details zu den zahlreichen Kämpfen des Bataillons erwarten. „Ich möchte es vielmehr unternehmen, Ihnen in einer Auswahl einige wesentliche Aspekte und atmosphärische Stimmungsbilder aus den Kriegsjahren zu vermitteln.“

 Die Geschichte des Westfälischen Jäger-Bataillons beginnt mit seiner Gründung im Jahr 1815. In den folgenden Jahrzehnten wechselte das Bataillon mehrmals seine Garnisonsorte, bis es am 2. Oktober 1867 nach zwölftägigem Fußmarsch in Bückeburg eintraf. Ein Teil der vormaligen Schaumburg-Lippischen Jäger-Abteilung wurde in das preußische Bataillon übernommen. Das Verhältnis der Bevölkerung zum Bataillon beschreibt Carsten Reuß als „außerordentlich eng“ und durch „vielfache gegenseitige Verknüpfungen verflochten“. Hierbei habe das hohe Prestige der Jäger als militärischer Elitetruppe eine Rolle gespielt, sowie gesellschaftliche, wirtschaftliche oder auch emotionale und lokalpatriotische Aspekte. Die Jäger, die seit dem 18. Jahrhundert als überaus verlässliche, eigenständig operierende, gewandte und zielsichere Soldaten galten, seien im Alltag als Schlosswache, bei Märschen, Übungen und Manövern in der Stadt und im Umfeld oder durch ihre Musiker sogar täglich präsent gewesen. Wie eng die gegenseitige Bindung war, zeigt eine Passage aus dem Tagebuch von Karl Dreier: „Zwei Dinge bestimmten in unserer kleinen Stadt das Leben: das Fürstenhaus und das Jägerbataillon. Um diese Begriffe drehte sich mehr oder weniger alles.“

 Bei Kriegsausbruch fungierten die Jäger oftmals als Reserve des kommandierenden Generals eines Armee-Korps’, oder sie wurden direkt der Kavallerie als Verstärkung ihrer Feuerkraft zugeteilt.

 Wie die Jäger den Kriegsausbruch erlebten, lässt sich im Tagebuch von Carl Krüger nachlesen, der im Mitte 1914 Folgendes notiert: „,Auf des Messers Schneide‘ stand heute als dick gedruckte Überschrift in der Schaumburg- Lippischen Landes-Zeitung. Mit besorgten Mienen sah man auf den Straßen gestikulierende Gruppen von Menschen stehen, denn heute war man im Klaren, es wird ernst.“ Beim Ausmarsch aus der Kaserne am 2. August schreibt Krüger von „brausendem Jubel. Hurra-Rufe, Tücherschwenken, aber auch verstohlene Tränen. (…) Tausende umsäumten die Straßen und winkten uns zu. Aus fast jedem Hause wehte die schaumburg-lippische Fahne.“ Dann beginnen die Gefechte (am 25. August bei Cattenieres): „Jetzt kommt hinter uns hoch zu Roß mit wehendem Mantel Leutnant von Michels angeritten, um einen Gefechtsbefehl zu bringen. (...) Leutnant von Blücher schreit ihm noch zu: ,Runter vom Pferd, Sie verraten unsere Stellung!‘ Aber es war zu spät. Ganz dicht hinter uns krepiert eine Granate. Steine und Erdklumpen fallen auf meinen Körper. Ich presse mein Gesicht auf die Erde. Leutnant von Michels will zurückreiten. (...) Wieder kommt eine Granate angefaucht. Als ich mich umschaue, sehe ich dass sich Leutnant von Michels und sein Pferd im Blute wälzen. Das Pferd bäumt sich noch einmal hoch auf. (...) Der Leutnant war sofort tot.“mig

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Möchten Sie uns zu diesem Artikel Ihre Meinung sagen? Dann schicken Sie uns einen Leserbrief.

Leserbrief schreiben

Unternehmen quer durch alle Branchen haben sich auch in diesem Jahr wieder an der Aktion der Lions Clubs beteiligt, deren Erlös auch der „Weihnachtshilfe“ der Schaumburger Nachrichten zugute kommt. Hier finden Sie ab dem 1. Dezember die täglich aktuellen Gewinnnummern. mehr

In Ruhe einkaufen, erholsam Urlaub machen, in die Stadtgeschichte eintauchen oder einfach mal in einem der vielen Restaurants und Kneipen die Seele baumeln lassen. Lernen Sie Stadthagen von einer ganz anderen Seite und auf ganz besondere Weise kennen. mehr

Schaumburg