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Welterfolg für die „Engel mit Zöpfen“

Bückeburg/Obernkirchen / Märchensänger Welterfolg für die „Engel mit Zöpfen“

Wie war das damals? Heute, vor genau 60 Jahren – als ein bis dahin völlig unbekannter kleiner deutscher Chor aus der Provinz mit einem im Nachkriegsengland auf Deutsch gesungenem Lied über Nacht die englischsprachige Welt eroberte.

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Erinnerung an die ersten Erfolge der Märchensänger: Hier bei einem Konzert mit Dirigentin Edith Möller, dem Komponisten vom „Wandersmann“, Friedrich-Wilhelm Möller (mit Gitarre).

Quelle: pr.

Bückeburg/Obernkirchen. Die Geschichte klingt wie ein Märchen, ist jedoch wahr. Sie ereignete sich beim „International Eisteddfod Festival“ in der Zeit zwischen dem 7. und 11. Juli 1953.

 Um diesem Märchen auf die Spur zu kommen, müssen wir drei Jahre vorgreifen und einer Entwicklung berichten, die als „Obernkirchener Wunder“ die Runde machte. Im Spätsommer des Jahres 1950 bereiste der Ipswicher Junior Choir das englisch verwaltete Norddeutschland und gab einige Konzerte mit ausgesuchten deutschen Partnerchören in diversen Großstädten. Für Hannover konnte kein geeigneter Chor gefunden werden. Auf Empfehlung zweier britischer Jugendoffiziere, Militärs, die mit der deutschen Jugendarbeit betraut waren, fiel die Wahl auf einen in der Öffentlichkeit völlig unbekannten, zumal gerade erst gegründeten Kinderchor: die „Obernkirchener Stadtmusikanten“. Riesenaufregung in Obernkirchen! Der unbekannte Chor bekam eigens zu diesem Zweck eine einheitliche Chorkleidung und benannte sich in „Schaumburger Märchensänger“ um.

 Dreiwöchiger Besuch in England

 Das Konzert in Hannover fand statt – Begeisterung! Ein Sonderkonzert in Obernkirchen musste organisiert werden. Ergebnis: Von den vielen deutschen Partnerchören wurde daraufhin als Vertreter der deutschen Jugend diese junge und begeisternde Gruppe ausgewählt, einen fast dreiwöchigen Besuch in Ipswich sowie in London, Felixtowe und Cambridge zu absolvieren. Nach allgemeiner Einschätzung waren die Schaumburger Märchensänger damit der erste deutsche Chor, vielleicht sogar die erste Kinder- und Jugendgruppe, der England nach dem Zweiten Weltkrieg offiziell bereiste.

 Nach einem Gegenbesuch, vermutlich im Jahre 1952 in Obernkirchen, reisten die Schaumburger Märchensänger am 1. Juli 1953 wieder nach Ipswich und anschließend nach Wales zum International Eisteddfod Festival in Llangollen. Allein die fantastische Atmosphäre dieser Riesenveranstaltung war ein Erlebnis. Die zig tausend Besucher, die vielen weltberühmten Stars wie Yehudi Menuhin, Denis Matthewis , Paolo Silveri, die Londoner Symphoniker und das Londoner Staatsballett, die unzähligen Chöre und Tanzgruppen aus aller Welt waren ein Bild, welches den Schaumburgern unvergesslich bleiben sollte.

 Dabei darf man vor allem nicht vergessen, dass der Krieg gerade mal acht Jahre vorbei war und dass das Wort „Deutschland“ oder „Germany“ verschmäht und gemieden wurde. Trotzdem entdeckte die BBC den Chor und nahm ihn kurz für eine Fernsehreportage mitten auf einer Wiese im Festivalgelände auf. Am nächsten Tag war der Besuch der Queen mit Gemahl und Gefolge angesagt, und das Festivallied (eine Motette von Johann Sebastian Bach) sowie die englische Nationalhymne, Spalierstehen und Hofknicks mussten geübt werden. Doch vor Aufregung wurde dann der Hofknicks total vergessen, als die Queen und Prinz Philip direkt an den Märchensängern vorbei schritten.

 Am Donnerstag, 11. Juli, um 9 Uhr startete endlich der Wettbewerb der Kinderchöre (Children’s Choirs of not more than 60 singers, not over 16 years of age). Zwei Pflichtlieder standen auf dem Programm: „Syr Barrug“ von William Sidney Gwynn Williams (der auch persönlich in der Jury saß) und „Huszárnóta“ von Bela Bartók, die beide in Englisch oder Walisisch gesungen werden mussten.

 Auszug aus dem Tagebuch einer mitgereisten Märchensängerin: „Heute ist für uns der große Tag! Der Wettkampf zwischen 21 Kinderchören mit zwei Pflichtliedern. Wir kamen als Fünfte dran. Der erste Chor versagte. Wir summten leise bei den anderen Chören hinter der Bühne mit. Hoffentlich versagten wir nicht. Als wir unsere beiden Lieder gesungen hatten, kam uns Herr Möller entgegen und sagt, dass wir bisher am besten gesungen hätten. Ob das jetzt so bleibt? Nein, denken wir, dieser Chor hat jetzt eben besser gesungen. Ach, wenn wir wenigstens an dritter Stelle wären. Und dann kam der große Moment. Die Punktezählung. Wer wohl die meisten Punkte hat?!“

 Spannend diese Zählung, denn ein Chor war ausgeschieden und wurde namentlich nicht benannt. Mit 136 Punkten ging es aufsteigend los. Doch keine „Schomborger Martschensingers“ dabei. Ausgeschieden? Der dritte Preis mit 175 Punkten ging an die „Musselburgh Jonior Singers“ aus Schottland – das Publikum raste. Der zweite Preis mit 179 Punkten fiel an den Whitehaven School Choir“ aus England – der Saal war am Explodieren. Und dann kam die Sensation: Der erste Preis mit 180 Punkten ging an die Schaumburger Märchensänger.

 1200 Menschen tobten vor Begeisterung

 Es dauerte eine Weile, bis die Sieger ihr Glück begriffen hatten und sich fast ihren Weg zur Bühne erkämpfen mussten, um ihren Preis entgegenzunehmen (eine Urkunde, eine Teller-Trophäe und 50 Pfund). „Ein Lied, singt ein Lied!“, hieß es – und verwirrt, ja fast eingeschüchtert sangen die Schaumburger Märchensänger „Mein Vater war ein Wandersmann“. Der Tumult, der dann ausbrach, als mehr als 1200 Menschen vor Begeisterung auf den Stühlen tobten, war unbeschreiblich. Die Märchensänger konnten es nicht begreifen. Keiner wusste zu diesem Zeitpunkt, dass dieses, auf Deutsch gesungene Lied schon längst berühmt war und jedermann im Festival es bereits kannte: Bei dem kurzen Fernsehauftritt auf der Festivalwiese eineinhalb Tage zuvor war es nämlich entdeckt worden. Die BBC hatte das Lied noch am gleichen Abend um die Welt gefunkt.

 Das „Märchen von Wales“ wurde wahr, die Schaumburger Märchensänger gewannen nicht nur den ersten Preis der Kinderchöre und landeten einen Welthit, sondern wurden zudem die Lieblinge des ganzen Festivals – heute würde man vom „Sieger aller Herzen“ sprechen. Der Poet Dylan Thomas schrieb über dieses Festival: „The girls from Obernkirchen sang like pigtailed Angels (Die Mädchen aus Obernkirchen sangen wie Engel mit Zöpfen).“

 1960 besuchten die Schaumburger Märchensänger nochmals das Festival, doch diesmal nicht als Teilnehmer, sondern als Ehrengäste. Sie bestritten das Eröffnungskonzert. Bis heute sind die „Angels in pigtails“, wie sie seitdem liebevoll in England genannt werden, in Llangollen nicht vergessen.

 Die Märchensänger, die in den fünfziger Jahren nach Bückeburg umgezogen waren, werden nach wie vor in allen Festival-Festschriften erwähnt. Voriges Jahr kam die BBC extra nach Obernkirchen und Bückeburg. Und vor zwei Wochen war der walisische Fernsehsender Rondo noch einmal da, um über das „Märchen von Wales“ zu berichten. Auch nach 60 Jahren ist von Vergessen keine Spur – zum 67. International Eisteddfod Festival 2013 wurde eine Delegation ehemaliger Märchensänger geladen, um in der Eröffnungsgala an diesen Riesenerfolg zu erinnern.r

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