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„Wer Zirkus studieren will, muss ins Ausland gehen“

Bückeburg / Spectaculum „Wer Zirkus studieren will, muss ins Ausland gehen“

Beim Jubiläums-Spectaculum 2010 waren sie die Entdeckung des Jahres. Jetzt absolvieren Lisa Rinne und Andreas Bartl, besser bekannt als „Circus Unartiq“, ihre zweite Stippvisite auf dem Mittelalterlich Phantasie Spectaculum in Bückeburg und sorgen dabei ein um’s andere Mal bei Hunderten von Zuschauern rund um die Bühne vor dem Mausoleum für angehaltenen Atem, offenstehende Münder und gebannte Blicke gen Himmel.

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Tolle Akrobatik: „Circus Unartiq“ alias Lisa Rinne und Andreas Bartl. © jp

Bückeburg (jp). Fraglos gehört die Akrobatik in luftiger Höhe der beiden studierten Zirkuskünstler zum Spektakulärsten, was das Spectaculum seit langer Zeit zu bieten hat. Handstände, Jonglage und waghalsige Schaukelartistik am schwingenden Trapez in über acht Metern Höhe, das ist der Stoff, mit dem Lisa Rinne und Andreas Bartl jetzt zum zweiten Mal beim Publikum auf der Mausoleumswiese den Atem stocken lassen.

Dabei ist ihr Programm „RapunXL“ weit mehr als nur reines, sportliches Entertainment: Lisa Rinne und Andreas Bartl zelebrieren modernen, zeitgenössischen Zirkus, der sich vom althergebrachten, konventionellen Zirkus mit Tigern und Clowns in der Manege genauso unterscheidet wie moderner Tanz von klassischem Ballett.

Das Programm, das vor zwei Jahren in einem südfranzösischen Garten entstand, ist keine aneinander gereihte Nummernrevue einzelner Kunststücke, sondern besitzt eine Dramaturgie und erzählt – gekleidet in verspielte Partnerakrobatik, athletische Handstände und luftige Trapez-Artistik – die Märchengeschichte von der holden Schönen im Turm und ihrem tollpatschigen Retter neu.

Die 23-jährige Lisa Rinne aus Sandkrug bei Oldenburg stieß eher durch Zufall auf die Möglichkeit, an der Hochschule für Kunst im niederländischen Tilburg ein Studium der Zirkuskünste und der Performance Art zu absolvieren. Eine Ausbildung, die man sich keinesfalls wie ein konventionelles Hochschulstudium vorstellen darf: Statt im Hörsaal einem dozierenden Professor zu lauschen, wurde täglich viele Stunden schweißtreibendes Training absolviert: Tanz, Akrobatik, Theater, Trapez.

Vor zwei Wochen schloss die 23-Jährige ihr Studium mit dem Bachelor ab und kennt seitdem nur ein Ziel: „Ich will auf die Bühne!“ Dabei ist sie dort längst angekommen: Vergangenen Dezember gewann die Sandkrugerin vor über 10.000 Zuschauern beim Internationalen Zirkus-Festival in Düsseldorf den ersten Platz.

Kollege und Lebensgefährte Andreas Bartl studierte an der Hochschule für Zirkuskünste in Brüssel, arbeitet auch selbst als Dozent und betreut in verschiedenen Ländern Zirkus-Sozialprojekte. Seine Spezialität sind weniger schwindelerregender Natur wie bei Lisa Rinne, dafür ungemein athletisch und geprägt von einer enormen Körperbeherrschung und Konzentration. Seine Handstandfähigkeiten vertiefte er in einem mehrmonatigen Zusatzstudium an der renommierten Zirkus-Hochschule Kiew – eine beinharte mehrmonatige Ausbildung mit sechs Stunden Handstandtraining am Tag, sechs Tage die Woche.

„Handstand gehört zum Schwierigsten, was es im Zirkus gibt, da man am langsamsten Fortschritte im Training macht und die meiste Geduld benötigt“, erzählt Bartl, und ergänzt etwas wehmütig: „Und weil es das Publikum oftmals viel zu wenig anerkennt.“

Es ist übrigens kein Zufall, dass der 34-jährige Bayer Andreas Bartl und das Nordlicht Lisa Rinne ihre Studiengänge im Ausland absolvierten. „Zirkus ist in Deutschland nicht als eigenständige Kunstform anerkannt“, so Bartl. „Wer das studieren will, muss daher ins Ausland gehen.“ Und wer das tut, bleibt in den meisten Fällen auch dort zum Arbeiten, da Zirkuskunst in vielen Ländern, insbesondere den frankophonen, einen ganz anderen Stellenwert besitzt als in Deutschland.

Lisa Rinne und Andreas Bartl versuchen es dennoch in ihrer Heimat: „Hier hat man es als zeitgenössischer Zirkuskünstler deutlich schwerer als beispielsweise in Frankreich, da dort staatliche Förderung die Finanzierung experimenteller Produktionen vereinfacht und die Durststrecke bis zum Erfolg überbrücken hilft. Hier in Deutschland muss von Anfang an alles kommerziell funktionieren, um zu überleben.“ Deutlich zu spüren bekamen die beiden „unartiqen“ Artisten dies bei ihrem zweiten Programm „ohnMacht“, welches sie derzeit gemeinsam mit einem belgischen Regisseur entwickeln und das als abendfüllendes Programm in Theatern oder Varietés gespielt werden soll.

„Die Subventionsanträge dafür haben wir alle im Ausland eingereicht, da es in Deutschland für Zirkus kaum Förderung gibt“, so Andreas Bartl. „Hierzulande hätten wir ‚Theater‘ draufschreiben müssen, um Zugang zu Förderprogrammen zu bekommen.“

• Hinweis: Zu erleben ist der „Circus Unartiq“ auf dem Mittelalterlich Phantasie Spectaculum wieder am kommenden Wochenende, am Sonnabend um 15.30 Uhr und um 19.30 Uhr sowie am Sonntag um 13.30 Uhr und um 16.30 Uhr.

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