Volltextsuche über das Angebot:

20 ° / 12 ° Regenschauer

Navigation:
Wie nach einem Kometen-Einschlag

ICE-Neubautrasse Wie nach einem Kometen-Einschlag

Nachdem Bundestag und Bundesrat Ende vergangenen Jahres grünes Licht für das Schienenwegeausbaugesetz gegeben haben, ist es in der öffentlichen Wahrnehmung vergleichsweise still um die Pläne für eine ICE-Neubautrasse durch das Schaumburger Land geworden. Viel zu still, findet die Bückeburger SPD.

Voriger Artikel
Überfall am Bethelweg
Nächster Artikel
Ena zieht glückliche Gewinner

Eckhard Meisel (links) schildert die Auswirkungen eines Trassenneubaus auf die Umgebung und insbesondere den Rethof.

Quelle: jp

Denn nach wie vor sei das Vorhaben des Verkehrsministeriums für den viergleisigen Schienenlückenschluss zwischen Hannover und Porta Westfalica mittels einer (vom exakten Verlauf noch nicht festgelegten) Neubautrasse noch hoch aktuell.

Die Sozialdemokraten luden deshalb die Öffentlichkeit sowie die eigene Bundestagskandidatin Marja-Liisa Völlers zu einer Fahrradexkursion durch die Bückeburger Niederung ein, um die Auswirkungen eines derartigen Bauprojekts an Ort und Stelle unmittelbar vor Augen zu führen.

Die Bundestagskandidatin aus Münchehagen brachte dabei ein ganz besonderes Interesse mit, denn die 32-Jährige stammt gebürtig aus der Ex-Residenz. Dass das Thema aber inzwischen bei vielen anderen Bückeburgern auch wieder ins Bewusstsein gerückt ist, zeigte die unerwartet hohe Zahl an Teilnehmern. Darunter befanden sich auch viele Mitglieder der Bürgerinitiative gegen den trassenfernen Ausbau der Bahn in Schaumburg, Minden und Porta Westfalica (Bigtab), die sich wie vor zwölf Jahren an vorderster Front gegen die Bahnpläne stemmt.

Besonders prägnant ließen sich die Folgen eines Trassenneubaus auf dem Grundstück des Rethofes verdeutlichen. Kaum mehr als 200 Meter misst der Abstand des zu Scheie zählenden landwirtschaftlichen Anwesens zum nördlich davon gelegenen Naturschutzgebiet „Bückeburger Niederung“. Und genau dieser schmale Korridor ist eine der wenigen Möglichkeiten, in möglichst gerader Linie Tallensen-Echtorf und Porta Westfalica mit einer neuen Schnellbahntrasse zu verbinden.

Wie sich das konkret auf die direkte Umgebung auswirken werde, dazu nahm Bigtab-Sprecher Eckhard Meisel kein Blatt vor den Mund: „Wir wissen aus Luftbildern von der ICE-Neubaustrecke in Thüringen, was ein solches Bauprojekt für unglaubliche Zerstörungen anrichtet. Die Massen an Erdbewegungen, an Lkws, an Dreck, Staub und Lärm – und das über Jahrzehnte – kann man sich gar nicht vorstellen.“ Meisel ist überzeugt: „Wenn die Neubautrasse kommt, wird ein kompletter Landstrich verwüstet. Dann sieht es hier 15 Jahre lang aus wie nach einem Kometeneinschlag.“ Keine guten Aussichten für den seit 16 Generationen von den Familien Hornung und Loose bewirtschafteten Rethof: „Der ist dann schlicht und einfach weg.“

 Irreparable Schädenzu befürchten

Noch deutlicher wurde SPD-Ratsherr und Umweltexperte Wolfhard Müller: Durch den enormen Bodenaushub für die Betonstelzen, auf denen die neue ICE-Trasse zwangsläufig verlaufen müsse, werde die Tonschicht im Boden durchstoßen und dadurch das Grundwasser in die darunter liegende Kiesschicht ablaufen. Als Folge des Wasserverlustes würden nicht nur die Landwirtschaft sowie der Schaumburger Wald irreparabel beschädigt, es sei sogar ein Bruch des Mittellandkanals zu befürchten, da dieser zwischen Bückeburg und Minden nicht gedichtet sei.

Auch der Ratsvorsitzende Reinhard Luhmann hält diese Szenarien nicht für übertrieben, im Gegenteil: Außer den katastrophalen Auswirkungen für Natur, Umwelt und Landwirtschaft befürchtet er in Folge der Grundwasserabsenkung massive Gebäudeschäden an der Wohnbebauung der Großgemeinde Evesen. Und er sorgt sich um die nach wie vor bei vielen anzutreffende Gelassenheit beim Thema Bahntrasse: „Viele Bürger glauben, dieses Thema sei offensichtlich noch so weit entfernt, dass sie es nicht für nötig halten, sich damit auseinanderzusetzen. Wenn es dann aber wirklich konkret wird, ist es zu spät.“

Müller sieht nach dem Votum von Bundestag und Bundesrat die Naturschutzgesetzgebung als verbliebene Möglichkeit, den Bahnneubau noch wirksam zu verhindern. Das bestehende Naturschutzgebiet „Bückeburger Niederung“ müsse sowohl nach Süden als auch nach Norden vergrößert werden, um alle möglichen Korridore für die Dobrindt-Trasse zu sperren. Da ein solches Verfahren oftmals Jahre beanspruche, müsse der Landkreis Schaumburg jetzt aktiv werden und mit einer sogenannten „einstweiligen Sicherstellung“ eine Veränderungssperre bewirken. „Diese hat gleiches Gewicht wie ein Naturschutzgebiet“, so Müller, „zeitlich aber nur einen Bestand von maximal vier Jahren.“ Der SPD-Ratsherr wünscht sich dazu einen Schulterschluss aller Beteiligten – Naturschützer, Landwirte und Flächeninhaber.

Natürlich gebe es da sehr stark widerstreitende Interessen. „Aber die Bahntrasse bedroht uns alle. Und die Schäden, die ein solches Bauvorhaben für die Region hätte, werden für viele schlicht existenzvernichtend sein.“ Vor allem sei es notwendig, schnell zu handeln: „Wenn der Bund erst mit einem Raumordnungsverfahren kommt und das Gebiet für die Neubautrasse als vorrangig für Verkehr einstuft, ist alles zu spät.“

 Müller übt harte Kritikan Beermann

Hart ins Gericht ging Müller mit dem heimischen Bundestagsabgeordneten Maik Beermann (CDU) wegen dessen Zustimmung zum Bundesverkehrswegeplan: „Wie kann man sich als heimischer Abgeordneter hinstellen und behaupten, man unterstütze den Kampf gegen die Neubautrasse, und dann den eigenen Parteifreunden hier vor Ort derart in den Rücken fallen?“ Das Argument Beermanns für sein Abstimmungsverhalten, der Bundesverkehrswegeplan habe auch viele sinnvolle Maßnahmen enthalten, ließ der Sozialdemokrat nicht gelten: „Dann schickt man ein solches Gesetz eben in den Vermittlungsausschuss, damit es ohne die Trasse wieder herauskommt.“

 Keine Zweifel ließ Völlers an ihrer Haltung: „Wäre ich zu dem Zeitpunkt im Bundestag gewesen, hätte ich dagegen gestimmt.“ jp

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Möchten Sie uns zu diesem Artikel Ihre Meinung sagen? Dann schicken Sie uns einen Leserbrief.

Leserbrief schreiben

Die SN suchen kreative Schaumburger. Ob Fotografie, Farbe, Skulpturen oder was die Kunst sonst alles hergibt: Unter dem Motto „Schaumburg kreativ“ suchen die Schaumburger Nachrichten auch in diesem Jahr nach Künstlern in der Region. mehr

Online suchen, Angebot finden, einkaufen gehen: Das steckt in Kurzform hinter „Kauf hier – lokal & digital“. Eine Auswahl aktueller und preislich besonders attraktiver Produkte finden Interessierte stets auf unserer Homepage... mehr

Schaumburg