Volltextsuche über das Angebot:

8 ° / 3 ° Regenschauer

Navigation:
Wo die Experten Backsteine entziffern...

Bückeburg / "Tag der Archive" Wo die Experten Backsteine entziffern...

Fast auf den Tag genau drei Jahre, nach dem der Einsturz des Historischen Archivs der Stadt Köln die Aufbewahrungsorte unikaten Kulturgutes auf spektakuläre Weise in den Blickpunkt der Öffentlichkeit rückte, hat der am Sonntag veranstaltete „Tag der Archive“ bundesweit große Besucherströme in die Arbeitsstätten der Archivare ziehen lassen. In Bückeburg war der Andrang dermaßen groß, dass die Zahl der ursprünglich vorgesehenen Führungen verdoppelt werden musste.

Voriger Artikel
Selbst Wagner kommt im Dixielandsound daher
Nächster Artikel
52. Sportabzeichen und noch fit wie ein Turnschuh

Bei historischen Urkunden kommt dem Schutz der Siegel eine wichtige Rolle zu.

Quelle: bus

Bückeburg. Bückeburg (bus).  Treffpunkt des unter dem Motto „Feuer, Wasser, Kriege und andere Katastrophen“ stehenden Tages war diesmal nicht wie in den Vorjahren das auf dem Schlossareal angesiedelte eigentliche Staatsarchiv sondern dessen an der Ahnser Straße zu findende Werkstatt. In dem 1990 errichteten Zweckbau sind rund 20 Mitarbeiter mit der Erledigung der beiden dem Bückeburger Ableger des niedersächsischen Landesarchivs zugewiesenen Sonderaufgaben beschäftigt. In der Ex-Residenz wird seit 1961 im Auftrag und auf Kosten des Bundes zentral die Mikroverfilmung des wichtigsten Archivgutes für alle Archive in Niedersachsen und Bremen zu Sicherheitszwecken vorgenommen. Seit 1968 ist dort zudem die Massenrestaurierung von Akten der staatlichen niedersächsischen Archive konzentriert.

 In Köln war am 3. März 2009 der gesamte Archivbestand verschüttet worden. Die Trümmer hatten rund 30 Regelkilometer an Dokumenten unter sich begraben. Darunter befanden sich 1800 mittelalterliche Handschriften, 10000 Testamente und 65000 Urkunden. Experten schätzten die Höhe des Schadens auf viele Hundert Millionen Euro. Möglicherweise führte eine löchrige Wand in 30 Meter Tiefe dazu, dass schließlich große Mengen Wasser, Kies und Schlamm dem Archivgebäude buchstäblich den Boden entzogen.

 „Was in so einem Fall aus den Akten entstehen kann, nennen wir Backstein“, erläuterte Ernst Koetsier den Gästen der Bückeburger Werkstatt. „Die feuchten Dokumente verblocken“, ergänzte der Restaurator, der als einer von zahlreichen Sachkundigen die Führungen begleitete. Der Fachmann führte an einem Beispiel aus dem Jahr 1946 (damals waren die Räume des Staatsarchivs Hannover durch das Hochwasser der Leine überflutet worden) vor Augen, wie die Experten die „Backsteine“ gewissermaßen „entziffern“. Dabei steht, wie der stellvertretende Staatsarchiv-Leiter Hendrik Weingarten darlegte, nicht die Schönheit, sondern die Benutzbarkeit des Materials im Vordergrund.

 Koetsier gab überdies beredt Auskunft über etliche Detailaspekte des Restauratoren-Handwerks. Beispielsweise, dass nasses Papier am besten durch Gefriertrocknung vor weiteren Schäden geschützt wird – weshalb das Archiv über einen Vertrag mit einem bekannten Speiseeishersteller verfügt. Oder dass die angelieferten Schätzchen häufig unter Pilzbefall leiden. „Sobald Papier feucht wird, bilden sich Pilzsorten, die gerne Zellulose und den im Papier befindlichen Leim mögen.“

 Und dass das früher aus Baumwolle, Flachs, Hanf oder Lumpen gefertigte Papier der holzhaltigen Ware von heute um Längen überlegen ist. 400 oder 500 Jahre altes sogenanntes Hadern-Papier würden jedes heute hergestellte Papier überleben.

 Darüber hinaus wusste der fachkundige Mitarbeiter auf Nachfrage über weitere aufschlussreiche Begebenheiten zu berichten. Etwa über die Herstellung von Pergament: „In diesem Fall wird ein Tierfell nicht gegerbt, sondern gekalkt; anschließend hängt man das gespannte Fell zum Trocknen in der Sonne auf; danach wird einmal die Fettseite und einmal die Haarseite mit einem Schabeisen abgenommen; und auf dem, was in der Mitte übrig bleibt, kann man schreiben.“ Ober über die Verwendung bestimmter Zutaten. „Unser Kleister ist so rein, dass man ihn zur Bindung von Tabletten einsetzen könnte“, erklärte Koetsier dem interessierten Publikum. Aber: „Pattex und Tesafilm sehen wir hier nicht gern.“ Alle in der Werkstatt ausgeführten Arbeiten müssten reversibel, also umkehrbar sein.

 Dass bei so viel Informationen über schriftliches Kulturgut auch die anschließenden, etwas weniger spektakulären Verfilmungsabteilungen auf ungebrochenes Interesse stießen, erfreute vor allen Dingen Stefan Brüdermann. „Es ist schlichtweg phänomenal, wie lange die Besucher durchhalten“, meinte der Leiter des Staatsarchivs.

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Möchten Sie uns zu diesem Artikel Ihre Meinung sagen? Dann schicken Sie uns einen Leserbrief.

Leserbrief schreiben

Online suchen, Angebot finden, einkaufen gehen: Das steckt in Kurzform hinter „Kauf hier – lokal & digital“. Eine Auswahl aktueller und preislich besonders attraktiver Produkte finden Interessierte stets auf unserer Homepage... mehr

Schaumburg