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Wo sind die Insekten geblieben?

Sorge um massives Sterben Wo sind die Insekten geblieben?

Es ist Fakt: in so manchen Gebieten gibt es sehr viel weniger Insekten als noch vor wenigen Jahren.Fliegen, Falter und andere Krabbeltierchen sind anscheinend in ihrer Existenz bedroht. Obwohl keine genauen Studien vorliegen, wird in der Politik und den Medien von einem massiven Insektensterben gesprochen.

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Quelle: hil

BÜCKEBURG.  Handelt es sich dabei um eine tatsächliche Bedrohung der Insektenwelt? Welche Gründe kann diese Entwicklung haben? Und ist die Ursache tatsächlich allein in der Agrarwirtschaft zu suchen? Unsere Zeitung hat Maria Rollinger vom Naturschutzbund (Nabu) Schaumburg sowie Kreislandwirt Dieter Wilharm-Lohmann und Thomas Wille vom Landvolk-Bauernverband Weserbergland zum Thema befragt.

 Der Meinser Wilharm-Lohmann nimmt das Thema „Insektensterben“ sehr ernst und ist sich der enormen Verantwortung gegenüber der Natur durchaus bewusst: „Über die große Bedeutung der Insekten sowie die Notwendigkeit ihres Schutzes sind sich die Landwirte sehr wohl im Klaren – und dafür wird einiges getan.“ Die Auflagen im Bereich der Anwendung von Pflanzenschutzmitteln für Landwirte seien noch nie so hoch gewesen wie heute. Verstöße würden schon seit Jahren schnell aufgedeckt und mit hohen Geldstrafen belegt. Jeder Landwirt müsse seit 2015 einen „Pflanzenschutzführerschein“ ablegen, so Wilharm-Lohmann. Die Landwirte würden in verpflichtenden, regelmäßigen Kursen alle zwei Jahre erneut geschult und mit den neuesten Vorschriften vertraut gemacht.

 Dabei verlassen sich die Landwirte auf die Fachkompetenz der Kontrollorgane. Zulassung, Vermarktung und Einsatz von Pflanzenschutzmitteln werden von zahlreichen internationalen und nationalen Gesetzen und Bestimmungen geregelt. Ziel aller Maßnahmen sei es, Risiken von Pflanzenschutzmitteln für Mensch und Umwelt, also auch für die Großzahl von Insekten auszuschließen oder sie zumindest so gering wie möglich zu halten, betont der Kreislandwirt. „Ich persönlich kenne keinen Landwirt, der unkontrolliert Insektizide ausbreitet, alleine schon aus Kostengründen“, so Wilharm-Lohmann.

Ökonomischer Zwang

 Es sei allerdings nicht von der Hand zu weisen, dass die Landwirtschaft einem ökonomischen Zwang unterliegt. Mit Blick auf den wirtschaftlichen Ertrag sei es in der konventionellen Landwirtschaft leider nicht möglich, komplett auf Pflanzenschutz zu verzichten. Als Beispiel dafür berichtet Thomas Wille vom Landvolk über einen Fall aus dem vergangenen Jahr. „Durch den besonders milden Herbst stieg die Blattlauspopulation im September 2016 noch einmal ungewöhnlich hoch an. Der durch die Blattläuse übertragene Virus schädigte die jungen Gerstenpflanzen so stark, dass etliche Ackerflächen noch einmal neu angesät werden mussten, oder die Landwirte hätten Ertragseinbußen von 40 bis 50 Prozent in Kauf nehmen müssen.“ Den wirtschaftlichen Schaden, der aus so einem Befall entstehe, könnten viele landwirtschaftliche Betriebe im Landkreis nicht auffangen. „Denn im Schaumburger Land sprechen wir ja von mittelgroßen Betrieben und nicht von Agrarkonzernen mit riesigen Flächen, wie im Osten Deutschlands.“

 Wilharm-Lohmann und Wille würden es begrüßen, wenn auch die Hobbygärtner, Garten- und Naturfreunde sowie die „Normalbürger“ sich ihrer eigenen Verantwortung der Natur gegenüber bewusster werden: Welcher Hobbygärtner lasse schon gerne eine Ecke im Garten „wild“ wachsen? Welcher Gartenliebhaber lasse den Löwenzahn im Rasen stehen? „In den vergangenen Jahren sind etliche Obstbäume aus den ländlichen Gärten gewichen. Viele Hecken werden durch Gitterzaun-Gabionen ersetzt. Und der immer beliebter werdende Mähroboter lässt keinen blühenden Klee auf dem Rasen mehr zu“, so Wille. Zahlen belegten, dass täglich eine Fläche von 69 Hektar, das entspricht der Größe eines kleinen Ackerbaubetriebs, dem „Landfraß“ in Form von Bebauung zum Opfer falle. Welche Auswirkungen der ungeheure Anstieg des Flugverkehrs auf die Umwelt hat, wisse zurzeit auch niemand.

Besorgter Nabu

 Das Thema Insektensterben beschäftigt auch den Nabu. „Wir sehen überall Zeichen für ein Insektensterben“, so Maria Rollinger, Vorsitzende des Nabu-Kreisverbandes. Leider gebe es derzeit für unsere Region keine fundierten Zahlen. Der Naturschutzbund fordert deshalb möglichst schnell ein bundesweites Insekten Monitoring. Damit sind Untersuchungen gemeint, in denen der tatsächliche Insektenbestand dargestellt wird, um Klarheit über Umfang und mögliche Ursachen des Rückgangs zu gewinnen.

 Die Landwirtschaft pauschal anzuklagen, hält Rollinger für „wenig zielführend“. Sie blicke da eher auf gemeinsame Interessen mit den Landwirten und damit auf gemeinsame Ziele, letztlich auf gemeinsames Handeln. Dazu müsse allerdings der eine oder andere schon mal über seinen Schatten springen: „Und zwar auf beiden Seiten.“

 Weiterer Ansatzpunkt ist für den Nabu die Umweltbildung. „Wir möchten den Menschen die Schätze in ihrer Umgebung zeigen und hoffen dabei auf einen Gesinnungswandel“, so die Vorsitzende. Viele hätten Angst vor Insekten, empfinden diese als lästig und störend im eigenen Garten: „Das ist nur selten gerechtfertigt. Wer Kirschen und Äpfel ernten möchte, braucht Hummeln und Bienen. Und wer sich nicht fürchtet vor Feldwespen, Wildbienen und Schwebfliegen, bekommt spannendes Live-Kino, ganz aus der Nähe und selbst im kleinsten Garten.“ Dazu brauche man Blüten, möglichst wilde und einheimische. „Oft stellen sich diese ganz von selbst ein, wenn man nur aufhört, den Rasen zu düngen und regelmäßig kurz zu mähen“, weiß sie. „Über Dinge wie Wegraine, Ackerrandstreifen und Brachflächen wird es sicherlich noch Gespräche mit den Landwirten und mit den Gemeindeverwaltungen geben“, so Rollinger. hil

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