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„So haben wir nicht gewettet“

Wolfgang Bosbach zu Gast bei Bückeburger Senioren-Union „So haben wir nicht gewettet“

„Es gibt keine Politikverdrossenheit, sondern eine Politikerverdrossenheit“, hat Wolfgang Bosbach anfangs eines im großen Saal des Bückeburger Rathauses gehaltenen Vortrags erklärt (wir berichteten).

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Wolfgang Bosbach

Quelle: bus

Bückeburg. Die Aufgabe von Politikern sei es, das in sie gesetzte Vertrauen zu rechtfertigen. „Und dazu gehört für mich in ganz überragender Weise Verlässlichkeit, also die Übereinstimmung von Wort und Tat, und, dass nach der Wahl nicht anderes gilt als vor der Wahl.“

 Im Anschluss an dieses Eingangsstatement erntete der auf Einladung der Bückeburger Senioren-Union vor rund 300 Zuhörern vortragende Redner den ersten Applaus. Und diesem folgten im weiteren Verlauf der Veranstaltung etliche weitere Beifallsbekundungen. Selbst als er beteuerte, kein Rebell zu sein, klatschte das Auditorium im Anschluss an das für den einen oder anderen zunächst womöglich etwas enttäuschende Eingeständnis: „Früher war man Rebell, wenn man eine revolutionäre Bewegung angeführt hat, heute bist du schon Rebell, wenn du bei deiner eigenen Meinung bleibst.“

 Der im Juni 1952 in Bergisch-Gladbach geborene Christdemokrat gilt derzeit als derjenige Politiker, der mit am häufigsten in Fernseh-Talkshows zu sehen ist. Bei den Sendern heißt es, dass er ein Garant für hohe Einschaltquoten sei. Bei seinem ersten Besuch in Bückeburg war der Rechtsanwalt Garant für hohe Zustimmungsquoten. Etwa als er feststellte: „Politik verdirbt nicht den Charakter, aber es gibt Charaktere, die die Politik verderben.“

Dass Bosbach das Publikum zügig auf seiner Seite hatte, lag nicht zuletzt an seiner weitgehend von Fremdwörtern freien und mitunter ins Joviale tendierenden Ausdrucksweise. „Jetzt kommt die Passage ‚Oppa erzählt vom Krieg‘, aber da müssen Sie jetzt durch, weil ich damals schon im Bundestag war, als wir zu Bonner Zeiten über die Einführung des Euro gesprochen haben. Ich weiß auch noch, wie es bei uns zu Hause war, meine Eltern haben sich mit der Abschaffung der D-Mark schwergetan“, leitete er einen Exkurs über die Griechenland-Thematik ein.

 Zu Griechenland hielt der Referent fest, dass es dem Land nicht an europäischer Solidarität, sondern an Wirtschaftskraft, an Wettbewerbsfähigkeit und an einem wirklich effizienten Staat fehle. Eine Schuldenkrise sei nicht dadurch lösbar, indem man dem Schuldner immer neue Kredite einräume. Mit Blick auf den Zusammenhang von Handlung und Haftung meinte Bosbach: „Ich möchte nicht, dass die Steuerzahler in anderen Staaten für politische Entscheidungen haften, auf die sie keinen Einfluss haben.“ Deshalb könne er in dieser Causa nicht mit der Mehrheit der CDU-Bundestagsfraktion konform gehen.

 Zum Thema Wiedervereinigung führte er aus, dass „das Allermeiste“ gelungen sei. Daher wundere er sich über das schnelle Hinweggehen über deren 25. Jahrestag. „Vielleicht liegt das daran, weil wir häufig ein schwieriges Verhältnis zu unserem Land haben. Genau betrachtet sind wir nur glücklich, wenn wir auch ein Problem haben. Wenn man sich so richtig freut, kommt einer um die Ecke und fragt nach den blühenden Landschaften.“ Diese seien indes sehr wohl zu finden.

 Zur Zuwanderung merkte Bosbach an: „Vor 250 Jahren war jeder dritte Berliner und Brandenburger ein französischer Protestant, vor 100 Jahren kamen Hunderttausende Fremde als Bergbaubeschäftigte und Stahlarbeiter ins Ruhrgebiet.“ Allerdings habe man in den vergangenen Jahrzehnten überwiegend Menschen aus anderen Kulturkreisen in die Bundesrepublik einreisen lassen. „Ich persönlich kann den Satz, wonach der Islam zu Deutschland gehöre, nicht unterschreiben“, sagte Bosbach.

 „Der Islam war und ist nicht Teil unserer nationalen Identität. Wir haben eine christlich-jüdische kulturelle Tradition.“ Aber: „Der überwiegende Teil der mehr als vier Millionen in Deutschland friedlich und rechtstreu lebenden Muslime gehört zu uns.“ Er hoffe hingegen, „dass wir nicht an der falschen Stelle tolerant sind“.

 Zur Flüchtlingskrise gab er zu verstehen: „Bei den Staaten, die sich nach wie vor weigern, ihren Anteil bei der Aufnahme von Flüchtlingen zu tragen, handelt es sich fast ausschließlich um Staaten, die mit weitem Abstand die größten finanziellen Hilfen in der Europäischen Union erhalten. So haben wir nicht gewettet.“ Solidarität könne nicht nur im Nehmen bestehen. In Europa sei gegenwärtig ein riesengroßer Unterschied zwischen Rhetorik und Realität auszumachen.

 Abschließend ließ Bosbach versöhnliche Töne anklingen: „Während wir unser Land sehr kritisch sehen, sind wir für die Meisten ein Ort der Hoffnung und der Sehnsucht. Sie wollen so leben wie wir“, so Bosbach. „Uns geht es immer noch besser als den meisten Menschen auf dieser Erde.“ bus

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