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Bückeburg Stadt Zeugen fehlt die Erinnerung
Schaumburg Bückeburg Bückeburg Stadt Zeugen fehlt die Erinnerung
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00:17 24.06.2017
Quelle: dpa
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Bückeburg

Vor der Großen Jugendkammer unter Vorsitz von Norbert Kütemeyer muss sich ein 24-Jähriger verantworten. Er soll gemeinsam mit drei Gesinnungsgenossen aus dem linken Lager vor vier Jahren einen Rechten verprügelt haben. Leicht verletzt wurde auch ein Bekannter des Opfers, der schon damals nach eigener Aussage keinem der beiden Lager angehörte. Vor dem Amtsgericht war der Angeklagte 2016 wegen gefährlicher Körperverletzung verurteilt worden, die Verhängung einer Jugendstrafe war aber zurückgestellt worden. Verteidiger Sven Adam hatte Berufung eingelegt, die Sache landete jetzt vor der Großen Jugendkammer.

 Die Kammer müsste dem Angeklagten für eine Verurteilung nachweisen, dass er tatsächlich an dem Vorfall beteiligt war. Das scheint nach den Zeugenaussagen des ersten Verhandlungstages aber gar nicht so einfach zu werden: Vier Jahre nach der Tat gibt es bei einigen Zeugen erhebliche Erinnerungslücken, in Details auch Widersprüche. Als „bröckelig“ wertete Adam gestern den ersten Verhandlungstag.

 Zum Tathergang, wie die erste Instanz ihn festgestellt hat: Im Juni 2013 haben vier vermummte junge Männer, die der linken Szene zugerechnet wurden, vor der Sparkassenfiliale Lange Straße zwei Männer angegriffen und verprügelt. Zumindest einer der Angreifer war mit einem Stock bewaffnet.

 Ein Opfer saß in einem vor der Sparkasse geparkten Auto, damals gehörte der Mann zur rechten Szene. Nach eigenen Angaben ist er heute nicht mehr politisch aktiv. Während die Vermummten auf ihn losgingen, war der Autobesitzer (kein bekannter Rechter) in der Bank, um Geld am Automaten zu ziehen. Als er seinem Freund zur Hilfe eilte, geriet auch er in die Prügelei und wurde leicht verletzt. Der zuerst Angegriffene erlitt schwerere Verletzungen am Ellenbogen und Rücken sowie einen Nasenbeinbruch, er war eine Woche lang krank geschrieben. Zudem ging eine Autoscheibe zu Bruch, und es wurde ein nebenan parkender Wagen in Mitleidenschaft gezogen.

 Erinnerungslücken

Die Angreifer ergriffen schnell die Flucht, einer lief fast vor ein Auto. Darin saßen zwei junge Frauen, die als Zeuginnen aussagten. Die Beobachtungen der Fahrerin hatten den Angeklagten in die Bredouille gebracht: Der Polizei teilte sie 2013 mit, dass sie den Angeklagten kurz nach dem Vorfall außer Atem auf dem Unterwallweg erkannt habe – er habe gerade ein anderes T-Shirt übergestreift. Damals sympathisierte die junge Frau mit den Rechten, sie hat sich aber nach ihren Angaben von der Szene losgesagt. Vor dem Amtsgericht relativierte sie 2016 ihre Beobachtungen schon, nun konnte sie sich gar nicht mehr erinnern, überhaupt jemanden Bestimmtes beobachtet zu haben.

 Ob sie bedroht worden sei oder jetzt unter Angst aussage, wollte Kütemeyer von ihr wissen. Das verneinte die Zeugin.

 Erinnerungslücken hatte auch das Opfer aus der rechten Szene. Zum Tatzeitpunkt wollte er den Angeklagten noch zu „80 Prozent“ als einen der Angreifer identifiziert haben – allein an Größe, Statur und Kleidung. Gestern mochte der Mann sich nicht mehr so eindeutig festlegen.

 Beide Zeugen schienen ohnehin kein großes Interesse am Verfahren zu haben: Sie erschienen nicht zur vorgeladenen Zeit. Das Opfer musste erst von der Polizei gesucht, die Zeugin von ihrer Arbeitsstelle herantelefoniert werden.

 Der Prozess, der unter erheblichen Sicherheitsvorkehrungen stattfindet, wird in der kommenden Woche fortgesetzt. Am Montag soll plädiert werden. kk

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