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Zwischen Herzkönigin und Herzbube

„Alice im Anderland“ Zwischen Herzkönigin und Herzbube

„Eine Schlacht habe ich verloren, aber der Krieg geht weiter!“, verkündet Alice. Ein Licht wird entzündet. Zoe Pape, die Heldin des Abends, steht alleine auf der Bühne wie eine Ikone, ganz in Weiß gewandet und stumm.

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Traumata aus Kriegszeit und Kindheit: Phillip Köster und Zoe Pape.

Quelle: pr.

Bückeburg. In „Alice im Anderland“, einem viel gespielten Jugendtheaterstück von Stefan Altherr, hat sie eine außergewöhnliche Leistung hingelegt, die auch die anderen Akteure dieses DS-Kurses beflügelte. Fast auf sich alleine gestellt hatte man Woche für Woche geprobt, selbst an den Wochenenden.

Herzbube mit Schlagstock

„Anderland“ ist eine psychiatrische Anstalt mittelalterlicher Schule, man setzt auf die chemische Keule, hat aber für alle Fälle auch noch den „Herzbuben“ mit dem Schlagstock. Maik Lehmkühler weiß den rohen Burschen als nüchternen Zyniker zu spielen. Sein Lächeln ist nicht ohne Liebreiz, das macht ihn so gefährlich. An der Spitze der Anstalt steht die „Herzkönigin“, alles andere als eine Königin der Herzen.

Kalt und unerbittlich klingen die sauber gesetzten Worte von Louisa Bänsch und Catarina Knauer. Synchron gesprochen bekommt mancher der Sätze etwas von Peitschenklang. Unter dieser Macht wird ein innerlich ungefestigter Psychiater schnell zum bloßen Erfüllungsgehilfen mit einem Weltbild aus Textbausteinen (Marlon Beneke).

Fabian Patzwaldt wusste als älterer Psychiater durch große Rhetorik zu überzeugen. Er scheint das System zu durchschauen, das reicht ihm. Diagnosefest und belesen lässt sich der Pseudo-Freudianer nicht erschüttern von dem bisschen Seelenleid. Alexander Jack indessen kam so richtig in Fahrt, als die Patienten seine gut gemeinte Gesprächsrunde sprengten – ein schönes Stück Comedy im absurden Theater.

Hutmacher mit Kriegstrauma

Phillip Köster als großartig aufspielender kaputter NATO-Soldat „Hutmacher“ mit Kriegstraumata, Florian Mühlke als eitel verblödete adelige Kindsmörderin mit einem eingebildeten Stück Baby auf dem Arm, eine Köchin (Tabea Faulhaber) ohne Rezepte gegen den Irrsinn dieses Hauses und eine durchgeknallte „Raupe“ mit Identitätsproblemen (Ines Bachmann) – da hilft auch keiner dieser „Gesprächsbälle“ mehr, um klaren Kopf zu bekommen und Gelegenheit zum Erzählen zu geben. Zugehört wird nicht.

Besondere Heiterkeit weckte Katharina Stark als „Kaninchen“, Typ Angsthase. Sein Ende ist grausam: Wo eben noch mit Elektroschock „geheilt“ wurde, wird nun nach einer Art Mutprobe für Mimosen mit Stromstoß hingerichtet. Langohr krepiert, Heiterkeit verfliegt. Das Böse siegt.

Gut geht die Sache nicht aus. Die „Grinsekatzen“ (effektvoll abgestimmt in Maske, Platzierung und Mimik: Annsophie Sokoll und Mathilda Vogt) hatten Alice gewarnt. Die aber entschied sich, als in der einen Ecke die elende Medikamentenabhängigkeit wartete und am vergitterten Fenster die Idee der Selbstbestimmung lockte, für den Widerstand.

Brisante Botschaft des Racheengels

Wer die Geschichte der Psychiatrie kennt, mag an die „Antipsychiatrie“ der siebziger Jahre denken. Doch in „Anderland“ knicken die gebeutelten Gestalten ein, allesamt – und natürlich nur mit guten Gründen: „Ich habe ein Kind!“ So bleibt Alice allein, als Hasenfuß zur Strecke gebracht ist. Die Botschaft dieses Racheengels ist politisch und ethisch brisant.

Alice erwartet kein „Wunderland“ mehr, sie weiß, dass das angekündigte Feuer der Vergeltung keine Unterschiede machen wird. Von der Idee der Rache entflammt wie eine religiös redende Fundamentalistin, droht diese „Heilige Johanna“ womöglich selbst unterzugehen, einem „Danton“ aus der Feder Georg Büchners nicht unähnlich. vhs

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