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Ein Gässchen für den „Schulrüpel ersten Ranges“

Ahnsen / Lesung Ein Gässchen für den „Schulrüpel ersten Ranges“

Niemand kommt zur Welt und erhält mit der Geburtsurkunde zugleich die Zusicherung für Erfolg im Leben. Es gibt es sehr unterschiedliche Startbedingungen, allein schon durch die Herkunft. Der Dichter Joachim Ringelnatz allerdings schien seiner Karriere selbst im Wege zu stehen und alle guten Voraussetzungen leichtfertig zu verspielen.

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Frank Suchland.

Quelle: sig

Ahnsen. Wie das zustande kam, darüber erfuhren die Besucher einer Lesung im Kunstatelier von Susanne Sander aus dem Mund von Frank Suchland. Packend, anschaulich, aber auch sensibel und zuweilen richtig mitfühlend befasste er sich mit der Vita und dem schöpferischen Wirken jenes Mannes, der als Hans Gustav Bötticher in Berlin geboren wurde und im Laufe seines Lebens zeitweilig an sich selbst zu scheitern schien.

 Die Schule bedeutete ihm nicht viel. Er schaffte gerade die Mittlere Reife. Ringelnatz soll wohl ein Dutzend Verweise bekommen haben. In seinem Abschlusszeugnis wurde ihm bestätigt, er sei ein „Schulrüpel ersten Ranges“ gewesen. Damit war für den späteren Berufseinstieg kein Staat zu machen.

 So war sein Wunsch verständlich, es mit der christlichen Seefahrt zu versuchen, aber auch die bekam ihm nicht. Er sah zwar viel von der Welt, musste jedoch eine Menge Schikanen und Erniedrigungen hinnehmen. Allein in dieser Zeit soll er an die 30 verschiedenen Berufe ausgeübt haben.

 Eine erste zaghafte Wende nahm sein Leben, als der mehr als poetisch angehauchte junge Mann die Münchener Szenekneipe „Simplicissimus“ kennenlernte. Dort durfte er seine überwiegend erheiternden, aber durchaus auch zum Nachdenken anregenden Verse vortragen, anfangs für ein Freigetränk pro Abend. In der gleichnamigen satirischen Zeitschrift erschienen unter verschiedenen Pseudonymen die ersten Gedichte des Weltenbummlers. Es folgten Kinderbücher und ein Gedichtsband.

 Weil es mit dem Salär noch immer nicht weit her war, tauchte Ringelnatz im Kurland unter und arbeitete dort als Wahrsagerin in einem Bordell. Zu Beginn des Ersten Weltkriegs meldete sich Ringelnatz freiwillig zur Marine und stieg bis zum Leutnant und Kommandant eines Minensuchbootes auf. Nach Kriegsende folgten wieder schwierige Phasen, bis er ein gefragter Vortragskünstler wurde. Einiges Geld verdiente er auch durch selbst gemalte Bilder.

 In der Hitlerzeit wurden seine Bücher sogar verbrannt, und er erhielt Auftrittsverbot. Er starb verarmt im Alter von erst 51 Jahren. Einer seiner letzten Wünsche war, dass man ein ganz kleines Gässchen nach ihm benennen sollte. Heute gibt es sogar ein Museum und eine Stiftung, die seinen Namen tragen, sowie einen Lyrik-Preis.

 Frank Suchland rezitierte, passend zu den verschiedenen Lebensstationen, humoristische Verse und lyrische Gedichte des lange verkannten Autors, darunter so mancher Vers, der vielen wohlbekannt ist und unvergessen bleiben wird – ein echter Ringelnatz, der zum konzentrierten Zuhören und zu einer Reaktion auffordert, die vom verschmitzten Schmunzeln über spürbare Nachdenklichkeit bis zum lauthals heraus geprusteten Lachen reicht.sig

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