Volltextsuche über das Angebot:

1 ° / -6 ° wolkig

Navigation:
Der Anpassungsprozess geht weiter

Eilsen Der Anpassungsprozess geht weiter

Der Bad Eilser Seelsorger, Superintendent Reiner Rinne, scheidet zum Jahreswechsel aus dem Dienst aus und wechselt in den Ruhestand. Neun Jahre hat der Geistliche im Kurort gewirkt.

Voriger Artikel
Tresor gestohlen
Nächster Artikel
Konzentriert beim Krippenspiel

Superintendent Reiner Rinne.

Quelle: pr.

Eilsen. Herr Rinne, verglichen mit Ihren Vorgängern – Pastor Erich Hinz und Pastor Hans-Peter Fiebig waren jeweils ein Vierteljahrhundert im Amt – fällt Ihre Dienstzeit mit neun Jahren eher kurz aus. Gleichwohl standen Sie in dieser Zeit vor Herausforderungen unterschiedlicher Art und von erheblichem Ausmaß. Welche Aufgabe hat Sie am meist gefordert?

Sehr viel Zeit und Kraft kostet der stetige Ausbau der Kita-Arbeit. Die Zahl der Kinder und die Zahl der Mitarbeitenden haben sich in diesen fast zehn Jahren mehr als verdoppelt. Wir haben insgesamt 57 hauptamtliche Angestellte. Da ist der Pastor in Bad Eilsen gleichzeitig der Personalchef eines mittelständischen Unternehmens. Aber die Arbeit lohnt sich, trägt Früchte und macht Spaß. Nervenaufreibender war das Schicksal des Pflegedienstes. Ich hoffe, dass es jetzt mit dem Zusammenschluss der kirchlichen ambulanten Dienste in Schaumburg-Lippe eine gute Perspektive gibt. Sie waren erst wenige Monate in Eilsen, da mussten Sie schon unangenehme Wahrheiten verkünden. Mit der im Gemeindebrief verbreiteten Nachricht „Die Aufstellung des Haushaltsplans 2007 hat die einfache Erkenntnis gebracht, dass die Gemeinde derzeit über ihre Verhältnisse lebt“ und dem Ankündigen von Maßnahmen zur schnellen Trendumkehr haben Sie die Gemeindeglieder ins Jahr 2008 geschickt. Es hat kleine und große Schritte gegeben, um die Kassenlage zu konsolidieren. Welche halten Sie für die wichtigsten?

Zwei Schritte, denke ich. Wenn man das ökonomisch sagen will, war der erste das „Outsourcen“ der Verwaltung der Kitas und des Friedhofes in Luhden. Ohne dieses Ausgliedern wären wir jetzt angesichts der permanent zunehmenden gesetzlichen Bestimmungen in unserem Gemeindebüro überfordert gewesen. Das hätten wir nicht mehr geschafft. Der zweite Schritt ist die Erhöhung des Umsatzes, also die Steigerung der Zahl der Veranstaltungen, der Events, der Gruppen. Das hat dazu geführt, dass es auch immer mehr finanziell sich selbst tragende Aktivitäten gibt oder solche, die sogar für die Gemeinde etwas einbringen. Wir wollen keine Geschäfte machen, aber es gibt zum Beispiel die Salsa-Tanzgruppe und andere Gruppen, die regelmäßig kommen und uns dafür etwas geben. Auch bei Großprojekten wie dem Jubiläum 2014 und anderen Events dieser Art achten wir darauf, möglichst kostendeckend zu arbeiten. Wenn Sie heute in die Kasse blicken: Lebt die Kirchengemeinde immer noch über ihre Verhältnisse?

Der Anpassungsprozess geht weiter. Wir hoffen, dass wir den Haushalt 2014 – noch fehlen die letzten Zahlen – so ungefähr mit einer schwarzen Null abschließen. Aber der Weg ist noch weit. In den Jahren 2006 bis 2013 hat die Landeskirche Schaumburg-Lippe 6100 Mitglieder verloren, ein Minus von zehn Prozent. Gleichzeitig ist hier der Anteil der Protestanten an der Bevölkerung von 63,3 Prozent auf 60,7 Prozent zurückgegangen. Trotzdem ist die Verwurzelung der evangelischen Kirche in der Schaumburger Bevölkerung immer noch höher als in den meisten anderen deutschen Landeskirchen.

Die Verwurzelung der Kirche in der Bevölkerung ist sehr hoch. Mein Eindruck ist: In der Vergangenheit hat das dazu geführt, dass sich Gemeinden und Pastoren ein bisschen haben täuschen lassen – als ob hier in Schaumburg-Lippe die religiöse Welt noch in Ordnung wäre. Aber der demografische Wandel ist auch bei uns angekommen. Der Rückgang des Glaubens und der Rückgang der Religion im Bewusstsein der Gesellschaft haben Schaumburg-Lippe erreicht. Auch wir müssen kämpfen. Werfen wir doch einen Blick auf das Gemeindeleben an sich. Was läuft gut? Und wo ist noch Luft nach oben?

Oh, was soll ich da alles erwähnen? Gut läuft die Arbeit der inzwischen zwei Kitas. Was da geleistet wird, ist einfach toll. Die Kita Sinai hat gerade ihr Qualitätsaudit im Rahmen des Qualitätsmanagements abgeschlossen und ein sehr gutes Ergebnis erzielt. Das funktioniert gut auch dank der hervorragenden Zusammenarbeit mit der Samtgemeinde und des Engagements von Pastor Strottmann. Jugendarbeit und Konfi-Kurs, die Ingmar Everding verantwortet, sind richtig klasse. Super finde ich auch das ehrenamtliche Engagement – da sind viele Leute dabei, die ganz viel Zeit, Arbeit und Leidenschaft investieren. Die tollen Events wie das große Jubiläum 2014 oder gerade eben der Weihnachtsmarkt sind weitere Glanzlichter. Die Seniorenarbeit macht viel Freude. Musikalisch gibt es ein sehr breites Angebot mit dem Gemischten Chor, dem Gospelchor, dem Posaunenchor, der Jugendband und der Organistin Annette Pflug-Herdrich.

Sie sprachen von der Luft nach oben: In der Erwachsenen- und Bildungsarbeit, beim Thema Glaubenskurse, bei der Weiterentwicklung der Gottesdienste – da hätten wir schon noch Wünsche und Ideen. Aber die Frage ist ja: Wie viel Luft haben unsere haupt- und ehrenamtlich tätigen Mitarbeiter noch? Ich habe den Eindruck: Sie sind oft an der Grenze. Das Gewinnen weiterer Ehrenamtlicher und das Entwickeln von Modellen finanzieller Förderung wären zwei wichtige Aufgaben für die Zukunft. Seit vielen Jahren gibt es eine weltweite Flüchtlingskrise. Spätestens im Sommer ist diese Erkenntnis bei den meisten Bürgern angekommen. Sehr viele Menschen kommen in unser Land, brauchen Hilfe. Sehr viele Menschen helfen. In Eilsen engagieren sich Ehrenamtliche seit dem Herbst 2014. Wie läuft deren Arbeit? Wo wünschen Sie sich mehr Unterstützung? Und vom wem?

Wir stellen die Arbeit gerade ein bisschen um. Begonnen hatte sie mit einem intensiven Engagement für das Übergangswohnheim an der Theodor-Heuss-Straße – mit Fahrdiensten, mit Deutschunterricht, mit Materialien zum Ausstatten der Wohnungen und so weiter. Inzwischen leben mehr Flüchtlinge in Privatwohnungen als in dem Übergangsheim. Darauf müssen wir uns einstellen. Wir sind dabei ja nicht allein: Wir arbeiten zusammen mit dem Landkreis, mit der Samtgemeinde, den Mitgliedsgemeinden und mit der Arbeiterwohlfahrt. Seit Neuestem haben wir erfreulicherweise auch einen Volkshochschul-Deutschkurs für Flüchtlinge. Dennoch finde ich: Das Engagement der Ehrenamtlichen ist nach wie vor unverzichtbar, und ich möchte denen ausdrücklich auf die Schulter klopfen. Es ist enorm, was einzelne Engagierte investieren. Rechnen Sie sich mal aus, was es an Zeit und Geld kostet, wenn jemand häufiger Flüchtlinge zu Kliniken nach Hannover fährt oder zu anderen Stellen. Enorm auch, wie gut die Mitglieder die Flüchtlinge kennen, wie vertraut sie mit ihnen geworden sind und wie schnell und effektiv sie helfen.

2016 wird auch in unserem Gemeindehaus in Eilsen das Projekt Café International anlaufen – eben weil wir einen Kontaktpunkt schaffen wollen.

Wenn ich mir was von den Behörden wünschen sollte, dann, dass sie ihren Job machen: Schneller entscheiden, nachvollziehbarer handeln. Wir schlagen oft die Hände überm Kopf zusammen, wenn wir Schreiben oder Entscheidungen beispielsweise des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge zur Kenntnis nehmen. Selbst akademisch ausgebildete Leute wie ich können das nach dreimaligem Lesen nicht verstehen. Und ich frage mich: Wie kann man so etwas einem Ausländer zustellen? Sie meinen die übergeordneten Behörden und nicht die vor Ort wie Landkreis oder Samtgemeinde?

Ja. Das ist keine Kritik an den einzelnen Beamten, die sich viel Mühe geben. Aber die Umständlichkeit und manchmal auch Realitätsferne von Verwaltungshandeln ist auffällig. Unser ganzes Verwaltungshandeln ist anscheinend auf Wohlstandsvermehrung und Besitzstandswahrung eingestellt. Wenn man das mit der Not der Flüchtlinge vergleicht, ist das manchmal schon grotesk.

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Möchten Sie uns zu diesem Artikel Ihre Meinung sagen? Dann schicken Sie uns einen Leserbrief.

Leserbrief schreiben

Unternehmen quer durch alle Branchen haben sich auch in diesem Jahr wieder an der Aktion der Lions Clubs beteiligt, deren Erlös auch der „Weihnachtshilfe“ der Schaumburger Nachrichten zugute kommt. Hier finden Sie ab dem 1. Dezember die täglich aktuellen Gewinnnummern. mehr

In Ruhe einkaufen, erholsam Urlaub machen, in die Stadtgeschichte eintauchen oder einfach mal in einem der vielen Restaurants und Kneipen die Seele baumeln lassen. Lernen Sie Stadthagen von einer ganz anderen Seite und auf ganz besondere Weise kennen. mehr

Schaumburg