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Luhden Kritisch, schlagfertig,reich an Pointen
Schaumburg Eilsen Luhden Kritisch, schlagfertig,reich an Pointen
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21:15 09.09.2015
Lutz Gräber und Dieter Gutzeit in einem auf Bayrisch vorgetragenen Sketch: Sie erinnern damit daran, dass für den Niederschlesier Dieter Hildebrandt München zu seiner zweiten Heimat geworden ist. Quelle: sig

Luhden. Das Stammpublikum war doch wieder vollständig vertreten, der Abend über Dieter Hildebrandt konnte beginnen. Es wäre schon etwas unverständlich gewesen, wenn ausgerechnet Deutschlands beliebtester politischer Kabarettist beim Eilser Heimat- und Kulturverein (HKV) seine Zugkraft verfehlt hätte. Einige der Zuhörer dürften sogar Hildebrandts letzten Auftritt im Schaumburger Land miterlebt haben. Bei dem „Satirischen Abend“ im Stadthäger Ratsgymnasium war der Saal bis auf den letzten Platz gefüllt. Damals schoss der gut gelaunte Kabarettist und Autor wieder eine Fülle von Pfeilen gegen die Mächtigen und Privilegierten ab sowie gegen jene, die sich am zuweilen doch eher zweifelhaften eigenen Ruhm berauschen konnten.

Es lag auf der Hand, dass sich das „Literarische“ Kabinett des HKV irgendwann auch mit diesem Mann beschäftigen würde, der dem Fernsehen einst hohe Zuschauerquoten beschert hatte und der in Deutschland zum Inbegriff des scharfzüngigen politischen Satirikers geworden ist.  Mit seiner Biografie und seinem Wirken befasste sich das „Literarische Kabinett“ diesmal auf eine besondere Weise. Friedrich Winkelhake schlüpfte in die Rolle des Kabarettisten, und Lutz Gräber sowie Dieter Gutzeit spielten zwei Journalisten, die ihn interviewten.

Hildebrandt wurde 1927 im ehemals niederschlesischen Bunzlau geboren. Seine schauspielerisches Talent trat schon in der Schulzeit zutage. Als Sechzehnjähriger wurde er Flakhelfer und geriet am Kriegsende in die Gefangenschaft der Alliierten. Nach seinem Abitur studierte Hildebrandt Theaterwissenschaften sowie Kunstgeschichte. Als Platzanweiser in einem Münchener Kabarett lernte der Student unter anderem Erich Kästner kennen, sein großes Vorbild. Mit dem bekannten Sportmoderator Sammy Drechsel gründete der mittlerweile in München lebende Schlesier die dortige „Lach- und Schießgesellschaft“, deren Fernsehauftritte in der Folgezeit zu Straßenfegern wurden.

Wer erinnert sich nicht auch noch der Silvesterauftritte „Schimpf vor zwölf“, der Sendungen „Notizen aus der Provinz“ und „Scheibenwischer“. Zusammen mit dem Österreicher Werner Schneyder trat Hildebrandt sogar zur DDR-Zeit in der Leipziger „Pfeffermühle“ auf.

Das „Dreigestirn“ des HKV zitierte temperamentvoll eine Reihe von Texten des Satirikers, der vieles aufs Korn nahm und dabei durchaus seine Nähe zur Sozialdemokratie nicht verleugnete. Kein Wunder, dass sich das Bayerische Fernsehen einmal aus dem ARD-Programm ausblendete. Kein Wunder auch, dass Produktionen mit und von Hildebrandt überwiegend aufgrund von Einsprüchen aus der Politik gestoppt oder abgesetzt wurden. Häufig ins Schussfeld geriet Franz-Josef Strauß, der Hildebrandt sogar als „Giftmischer“ bezeichnete. Zur Atomkraft nahm der Neu-Münchener kritisch Stellung. Sinngemäß formulierte er einmal so: „Kernkraftwerke hinzustellen, ohne zu wissen, wo der Atommüll hinkann, ist wie das Abziehen einer Handgranate, ohne zu wissen, wo man sie hinwerfen wird.“

Hildebrandts Stärken waren seine Schlagfertigkeit, sein Pointenreichtum, seine geschliffene Sprache sowie seine rhetorische Sicherheit und hintersinnige Formulierungskunst. Er war zweifellos der einflussreichste Satiriker Nachkriegsdeutschlands und auch als Autor hoch geschätzt: Vier Grimme-Preise und Bestseller-Publikationen unterstreichen das.

Die Besucher erlebten in Luhden einen vergnüglichen, aber auch nachdenklich stimmenden Abend. Das bajuwarische Gericht Leberkäse mit Spiegelei, Rührkartoffeln und Sauerkraut, einmal mehr von Günther Bergmann zelebriert, war eine dazu passende Stärkung, die auch Hildebrandt nicht verachtet haben dürfte. sig