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Aus dem Landkreis 25 Jahre Substitution in Schaumburg
Schaumburg Landkreis Aus dem Landkreis 25 Jahre Substitution in Schaumburg
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17:09 21.02.2018
Thomas Eriksen und Henrike Wittum haben in ihrer Praxis in Obernkirchen etwa 90 Patienten, die mit Methadon (gelbe Flüssigkeit) substituiert werden. Quelle: col
Landkreis

Die Gemeinschaftspraxis von Thomas Eriksen und Henrike Wittum in Obernkirchen ist eine dieser Anlaufstellen für Substituierende. Die Praxis dort hatte Peter Bügge aufgebaut, der im vergangenen Jahr in den Ruhestand gegangen ist.

Anlässlich seines Abschieds hatte er damals zur Substitution – die er ein Vierteljahrhundert praktiziert hat – erklärt: „Ich wollte nützlich sein und man hat hier das Gefühl, dass man etwas wirklich Nützliches tut.“

Eine Erfolgsgeschichte

Etliche seiner Patienten seien ganz von der Sucht losgekommen, „und dazu hat eben auch die Substitution beigetragen“. Für Bügge ist diese deshalb „ganz klar eine Erfolgsgeschichte“. Seinen Nachfolger Eriksen habe er inständig gebeten, die Substitution – sein „Kind“ – fortzuführen.

Wie Detlef Haffke, Sprecher der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen (KVN) erklärt, gibt es für diesen speziellen medizinischen Bereich keine Bedarfsplanung. Es ist also anders als bei Augen- oder Hautärzten, deren Zahl in einem bestimmten Radius pro Einwohner heruntergebrochen wird.

Dass es nur wenige Ärzte gibt, die dieses Angebot machen, liege laut Haffke an mehreren Faktoren. So verfügen in Niedersachsen zwar rund 800 Ärzte über die notwendige suchttherapeutische Qualifikation, von denen jedoch nur 247 Mediziner auch wirklich substituieren.

Zehn Ärzte in Schaumburg qualifiziert

Nach Informationen der KVN gibt es im Landkreis zehn Ärzte, die die Qualifikation haben. Aber nur vier Ärzte führen Substitutionen durch. Insgesamt werden in Schaumburg 159 Patienten betreut, 7183 in ganz Niedersachsen (Stand Ende 2017).

Haffke räumt ein, dass das Regelwerk rund um die Substitution zu den kompliziertesten im Gesundheitswesen zählt. „Kritiker, vor allem Ärzte, sagen, dass man immer mit einem Bein im Gefängnis steht, weil die Richtlinien gar nicht einzuhalten seien“, so der KVN-Sprecher.

Tatsächlich sei der KVN vor etwa sechs Jahren bei einer Abrechnungsstichprobe aufgefallen, dass viele Ärzte die sogenannte „Take-Home-Regelung“ nicht korrekt angewendet haben.

Viel Bürokratie

Dabei geht es darum, ob und wie lange die Patienten das Methadon mit nach Hause nehmen dürfen. „Das mussten wir den Staatsanwaltschaften melden.“ Rund 100 Ärzte waren betroffen. Damals haben etwa 20 Prozent von ihnen die Substitution eingestellt.

Methadon

Seit den sechziger Jahren wird Methadon (zuerst in den USA) als Substitutionsmittel bei Heroinabhängigkeit eingesetzt. Wie Ärztin Henrike Wittum erklärt, habe Methadon eine längere Halbwertszeit als Heroin, wirkt also über einen längeren Zeitraum, sodass der Suchtdruck nicht so hoch ist. Deshalb genüge in der Regel eine einmal tägliche Verabreichung. Aufgrund der interindividuell variablen Pharmakokinetik muss die Dosis bei jedem einzelnen Patienten individuell eingestellt werden. Bei vielen Patienten wird die Dosis schrittweise gesenkt, damit sie letztlich komplett davon loskommen.

Der bürokratische Aufwand, den die Ärzte betreiben müssen, sei hoch, bestätigt der Obernkirchner Hausarzt Eriksen während einer Führung durch seine Praxis: „Wir brauchen laut der KV zum Beispiel einen separaten Raum für die Patientengespräche und zusätzlich für die Methadonausgabe.“ Dieser Raum müsse zudem über einen eigenen Eingang verfügen. Und natürlich müssen die Medikamente in einem Safe gesichert sein.

Dokumentieren müssen die Ärzte jeden Schritt, lange Listen liegen im Ausgaberaum, jeder Patient muss abgehakt werden. Jeder Substituierende muss zudem eine psychosoziale Betreuung nachweisen, die beispielsweise von der Drogenberatung angeboten wird.

Die Vergütung ist mäßig

Alle drei Monaten würde die KVN eine Zufallskontrolle von zwei Patienten durchführen. „Da müssen wir nachweisen, ob wir alles richtig gemacht haben“, erklärt der Arzt. Eine Arzthelferin sei allein mit diesen Patienten beschäftigt.

Und dafür sei die Vergütung „eher mäßig“. Aber er mache es aus Leidenschaft, ebenso wie seine Kollegin, die im Oktober 2016 in die Praxis gekommen ist. Wittum sagt: „Das Klientel ist zwar schwierig, aber auch dankbar. Alle bringen ihre eigene Geschichte mit, und es ist bewundernswert, was sie erreichen können.“

Man habe aber auch schon Patienten rausschmeißen müssen, im vergangenen Jahr beispielsweise einen Mann, der die ganze Flasche Methadon gestohlen habe.

Drei Patienten sind clean

Es gebe aber auch immer wieder Erfolgsergebnisse, freut sich Eriksen: „Wir hatten in den letzten zwei Monaten drei Patienten, die clean geworden sind.“ Dies sei letztlich natürlich auch das politische Ziel. „Aber dem muss man auch die Realität gegenüberstellen“, schränkt Wittum ein. Viele Patienten kämen auch schon seit 20 Jahren.

Anfang Oktober 2017 ist die Dritte Verordnung zur Änderung der Betäubungsmittel-Verschreibungsverordnung (BtMVV) in Kraft getreten. Damit ändern sich zahlreiche Bestimmungen zur Substitution.

Beschaffungskriminalität eindämmen

Der Arzt könne jetzt freier darüber entscheiden, ob er seinen Patienten die eigenverantwortliche Einnahme für zwei oder mehr Tage gestattet. Dies sei immer insofern problematisch, als dass die Einnahme nicht gewährleistet werden könne.

Das wissen auch die beiden Obernkirchener Ärzte. Substituiert werden nur Patienten mit einem festen Wohnsitz, die mehrere Jahre Heroin konsumiert haben, keine Minderjährigen. Der Sinn dahinter sei, die Beschaffungskriminalität einzudämmen.

„Die Menschen können wieder sozial integriert werden und einer Arbeit nachgehen. „Die Hälfte unserer Patienten geht arbeiten“, weiß Eriksen. Rund 90 Patienten kommen in die Praxis nach Obernkirchen. Maximal 50 darf ein Arzt substituieren.

Einmal im Monat eine Urinprobe

Verpflichtend einmal im Monat müssen die Konsumenten eine Urinprobe abgeben – unter Aufsicht. Dabei wird der sogenannte Beigebrauch überprüft, die Patienten dürfen nämlich keine weiteren Drogen oder Alkohol konsumieren. „Wir haben hier nicht nur Sonntagskinder“, schmunzelt Wittum. Vor allem Alkohol sei ein großes Problem, „denn die Kombination kann verheerend sein“, könne zu schweren körperlichen Reaktionen wie Atemdepression führen.

In den ersten drei Monaten müssen die Patienten täglich in die Praxis kommen, um ihre Dosis zu erhalten. Auch sonnabends und sonntags. Danach ist auch eine Abgabe per Rezept möglich – also für mehrere Tage. Dafür müsse der Betroffene jedoch über längere Zeit stabil sein. „Das knüpfen wir außerdem an strenge Vorgaben wie einen Arbeitsvertrag“, ergänzt Wittum.

Verstärkung gewünscht

Es bedürfe schon eines Vertrauensverhältnisses. Denn schließlich könne man mit Methadon auf dem Schwarzmarkt gut Geld verdienen. „Wir hatten auch schon Patienten, die damit kamen, ihnen wäre die Flasche runtergefallen“, erinnert sich die Medizinerin.

Dennoch denken die beiden nicht dran, mit der Drogenersatztherapie aufzuhören. Lieber würden sie ihre Praxis weiter ausbauen. „Wir hätten gerne noch Verstärkung durch eine Ärztin in der Praxis“, sagen die beiden zum Abschied. col