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„Ärgerlich“ – aber kaum vermeidbar

Barrierefreier ÖPNV „Ärgerlich“ – aber kaum vermeidbar

Elly Winter mag Bückeburg, hat selbst lange in der Ex-Residenzstadt gelebt. Nach ihren jüngsten Ausflügen in die alte Heimat blieb die heutige Obernkirchenerin länger als geplant, allerdings nicht freiwillig. An der Haltestelle Stadtkirche erfuhr die Rollstuhlfahrerin die Grenzen des ÖPNV.

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Symbolbild

Quelle: Archiv

Landkreis. Winter hatte sich zwei Tage vor der Fahrt bei der Schaumburger Verkehrsgesellschaft (SVG) angemeldet. Für die trotz ihrer Querschnittslähmung unternehmungslustige Frau bereits ein etwas umständliches Verfahren, an das sie sich aber nach eigenen Angaben gehalten hat. So soll gewährleistet sein, dass der Busfahrer auf die Mitnahme eines Rollstuhls vorbereitet ist.

Bei der Rückfahrt aus Bückeburg gegen 18 Uhr von der Haltestelle Stadtkirche hat das nicht funktioniert. „Das Busunternehmen hatte zwischendrin gewechselt“, wie Winter später erfuhr.

So verkehrte die Linie 2026 Bückeburg-Krainhagen mit einem nicht rollstuhlgerechten Bus. Zur Mitnahme verpflichtet wäre die Fahrerin ohnehin gewesen. Darauf hinweisen musste Winter aber nicht.

Vier hilfsbereite Männer zur Stelle

„Die Frau war sehr hilfsbereit und trommelte vier Männer zusammen, die mich in den Bus hievten“, sagt sie. Allerdings dauerte das seine Zeit. Am Ende hatte der Bus laut Winter gut eine Dreiviertelstunde Verspätung. „Und ich will wirklich hoffen, dass die Männer sich nichts verhoben haben.“

Die gebürtige Niederländerin selbst hat 30 Jahre lang schwer gehoben – bei der Pflege ihres an Parkinson erkrankten und inzwischen verstorbenen Mannes. Dabei trugen Winters Halswirbel Schäden davon, weshalb sie heute auf den Rollstuhl angewiesen ist.

Ein paar Tage später stand Winter dann wieder vor der Stadtkirche. Diesmal war der Fahrer weniger nett, riet ihr, „einfach Gas zu geben“ und half selbst mit Gewalt nach. Winters Rollstuhl wurde dabei beschädigt, derzeit wartet sie darauf, dass er aus der Reparatur zurückkommt.

Barrierefreiheit braucht Zeit und Geld

„Ärgerlich“ findet Sozialdezernent Klaus Heimann den Fall. „Das ist ja gar keine Frage.“ Viel machen lässt sich akut aber nicht. Das Projekt Barrierefreiheit braucht Zeit und Geld „und lässt sich nicht von heute auf morgen überall gleichzeitig umsetzen“.

Für eine Haltestelle fallen rund 20000 Euro an, so Heimann. Ein bedeutender Teil der 600 Haltestellen im Landkreis soll entsprechend ausgestattet werden oder wurde bereits modifiziert, darunter wichtige, zentrale Punkte – an Bahnhöfen etwa, am Stadthäger Viehmarkt und auch an der Stadtkirche in Bückeburg.

Dort, wo die Haltestellen nicht umgebaut werden, verkehrten die ohnehin barrierefreien Anrufbusse, sagt Heimann. Der Schaumburger ÖPNV-Experte Knut Utech ergänzt: „Außerdem kaufen die Unternehmen bei Ersatzbeschaffungen jetzt nur noch rollstuhlgerechte Busse.“

Nahezu komplett barrierefrei soll der Schaumburger ÖPNV ab 2022 sein. Vielleicht gehören dann „ärgerliche“ Fälle wie der von Elly Winter der Vergangenheit an. Bis dahin will sie allerdings nicht warten – und in Kürze wieder nach Bückeburg ziehen. jcp

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