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Aus dem Landkreis „Am schlimmsten war die Ungewissheit“
Schaumburg Landkreis Aus dem Landkreis „Am schlimmsten war die Ungewissheit“
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16:31 07.01.2019
Symbolbild Quelle: dpa
Landkreis/Lauenhagen

„Ich kann das alles immer noch nicht fassen“, sagt der junge Familienvater. Er ist es, der von einem Jäger in Lauenhagen beinahe erschossen wurde. Seine Erinnerungen an besagten Nachmittag sind deutlich. Er joggt nach Hause. Mit dabei sein vierjähriger Sohn auf dem Fahrrad und die beiden kleineren Kinder, ein und zwei Jahre alt, im Cruiser. Die Sonne scheint, alles duftet nach abgeernteten Feldern. Auf Höhe des Silos trifft den Mann plötzlich ein Schlag, er wird umgerissen.

Er schaut sich um. Hat ihn etwa jemand mit einem Stein beworfen, oder war es ein Greifvogel? Er kann nichts feststellen, außer Blut, das an seinem Nacken runterläuft. Einen Feldweg weiter fährt langsam ein Geländewagen weg. Der damals 31-Jährige versucht, seine Wunde vor den Kindern zu verdecken. Sie gehen nach Hause.

Arzt sichert die Splitter

Daheim angekommen verarztet den Lauenhäger seine Ehefrau, eine Medizinerin. Sie entdeckt die Wunden, die nach einer Schussverletzung aussehen – ein Eintritts- und ein Austrittsloch an der Seite des Kopfes. Freunde stoßen dazu, sie alarmieren die Polizei. Die Beamten kommen, doch auch sie gehen von einem aggressiven Vogel aus. Am Abend fährt das Ehepaar doch ins Klinikum. Dort diagnostiziert der Arzt die Schussverletzung und sichert die Splitter, die im Kopf des Mannes stecken. Der Vorfall wird Sache der Polizei.

Es folgen monatelange Ermittlungen. „Die Zeit war furchtbar, ich habe mich zeitweise nicht lange im Garten aufgehalten“, erinnert sich der Lauenhäger. „Ich habe mich gefühlt wie ein Tier, das in seinem Bau gefangen ist.“ Der unverbaute Blick aus seinem Wohnzimmerfenster direkt auf die Felder, den er einst so schätzte, ist getrübt. Er schaut direkt auf das Silo. Auf die Stelle, an der er hätte sterben können.

„Am schlimmsten war die Ungewissheit“, sagt er. Immerhin wusste er in der Zeit nicht, ob jemand ihn absichtlich angeschossen hat, ob der Unbekannte es auf Jogger abgesehen hat oder aber Kinder mit einer Waffe hantiert haben und alles nur ein schlimmer Zufall war. Während der 32-Jährige trotz allem versucht, das Geschehene nicht an sich rankommen zu lassen und den Vorfall mit Humor zu verarbeiten, leidet seine Frau sehr. Den Kindern erzählen sie, dass ihr Vater gestürzt sei und sich dabei am Kopf verletzt habe. Trotzdem hat der Vorfall im Juli auch ihre Seele berührt. „Sie haben danach vermehrt schwarze Bilder gemalt“, erläutert der Familienvater seine Beobachtungen.

Beschuldigter verstrickt sich in Widersprüche

Nach etwa 14 Wochen dann die Erleichterung. Die Polizei hat den Schützen. Es soll sich um den Mann handeln, der damals mit dem Geländewagen vor Ort war. Ein erfahrener Jäger. Er gesteht. Alles soll nur ein Unfall gewesen sein, sagt der Tatverdächtige nach Polizeiangaben bei seinen Vernehmungen, verstrickt sich in Widersprüche. Gegen ihn wird nun wegen fahrlässiger Körperverletzung ermittelt.

Vier Wochen nach seiner Überführung steht er plötzlich vor der Tür des Opfers. Er versucht sich an einer Entschuldigung, erinnert sich der Lauenhäger. Doch Sätze wie „Entladungsfehler passieren der Polizei andauernd“ machen den Versuch zu Nichte. „Jeder kann mal Mist bauen, aber dann muss man dafür auch geradestehen“, sagt der Familienvater. Dennoch verspüre er kein Vergeltungsbedürfnis. Er erwarte lediglich, dass dem mutmaßlichen Täter die Waffen weggenommen werden vom Landkreis. Denn so oder so beherrsche er den Umgang mit Waffen nicht. „Ich will nur, dass durch diese Maßnahme so etwas nicht noch mal passiert.“

Von Verena Gehring

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