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Aus Oliver wurde Julia

Typisch Frau? Aus Oliver wurde Julia

Vor zwei Jahren hat Oliver Katzke seine Frau an der Hand genommen und hat ihr die Kisten voller Kleidung gezeigt, die er bisher vor ihr versteckt und nur heimlich getragen hatte. Frauenkleidung. Heute gibt es Oliver nur noch auf dem Papier, sie versteckt sich nicht mehr – heute lebt sie als Julia.

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Julia Katzke will anderen Menschen Mut machen, sich zu outen, die wie sie im falschen Körper geboren wurden. Früher war sie Oliver Katzke.

Quelle: tro

LANDKREIS. Und zwar noch immer gemeinsam mit ihrer Frau Kirsten, mit der sie seit fast 19 Jahren verheiratet ist. Sie liebe schließlich den Menschen und dieser habe sich ja nicht verändert. Julia Katzke weiß, wie selten solch eine Entscheidung ist, und dass sie sich glücklich schätzen kann. Die meisten Partnerschaften gingen in die Brüche, wenn sich ein Transgender beim Partner oute. Den Begriff transsexuell vermeidet Katzke, sie will das Sexuelle nicht so in den Vordergrund rücken, darum gehe es nämlich nicht. Sie bevorzugt den Begriff Transgender, weil sich dieser auf die Geschlechtsidentität bezieht, die bei gar nicht so wenigen Menschen – man geht allein in Deutschland von einer Dunkelziffer von 50.000 bis 100.000 aus, vom biologischen Geschlecht abweicht. Unabhängig von deren sexueller Orientierung.

So sah Julia als Oliver Katzke aus.

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Im Fall von Julia Katzke bedeutet dies, dass sie sich schon immer mehr als Frau gefühlt hat. „Der Leidensdruck hat mit den Jahren immer mehr zugenommen.“ Zu Hause habe sie heimlich, wenn ihre Frau nicht da war, ihre versteckten Frauenkleider angezogen – „immer voller Angst, von ihr überrascht zu werden“. Aber letztlich, nach dem Geständnis und vielen Gesprächen sei es ihre Frau gewesen, die den entscheidenden Satz ausgesprochen habe: „Du wirst nur als Frau glücklich leben können.“

„Da habe ich es dann meiner Mutter gesagt.“ „Ach musst du gelitten haben“, habe diese ausgerufen. Und dann die Kleider und Schuhe ihrer Tochter bewundert. „Sie hat sich immer einen Jungen und ein Mädchen gewünscht. Den Sohn hatte sie 44 Jahre – nun hat sie eine Tochter“, sagt Katzke schmunzelnd. So habe es ihre Mutter zumindest formuliert. Da habe sie „geheult wie ein Schlosshund. Das passiert mir häufig seit der Hormonumstellung“.

Finales Coming out im März

Ihr finales Coming out hatte die 44-Jährige, die in Meinsen-Warber lebt, im März, „da habe ich es öffentlich gemacht. Dann seien Freunde, Bekannte und der Kundenkreis der selbstständigen IT-Beraterin an der Reihe gewesen. Die Sorge, dass viele Geschäftspartner die Zusammenarbeit einstellen würden, habe sich nicht bestätigt. „Im Gegenteil, ich habe nur positive Reaktionen bekommen, habe heute mehr Kunden als je zuvor.“ Und genau deswegen habe sie sich entschieden, ihre Geschichte publik zu machen. „Ich will den Menschen zeigen, dass sie vor dem Schritt keine Angst zu haben brauchen. Je früher sie sich dazu durchringen, desto besser.“ Katzke hat die Erfahrung gemacht, dass die Menschen sehr gut damit umgehen können, auch im ländlichen Raum: „Die Schaumburger und Ostwestfalen gelten ja nicht unbedingt als locker, aber Sie werden es nicht glauben, die Leute sind mindestens so cool wie in Köln.“

Das neue Leben behutsam geplant

Nachdem sie ihrer Frau alles gestanden hatte, begann sie ihr neues Leben behutsam – und zwar sehr geplant und bewusst, wie Katzke erzählt: „Ab August 2015 habe ich meine Kleidung umgestellt, aber ganz dezent, erst später habe ich auch rosa getragen oder mal ein nicht so ganz auffälliges Paillettenshirt.“ Im Dezember habe sie dann begonnen, sich die Haare wachsen zu lassen, und zu Weihnachten gab es Ohrlöcher. Im März 2016 hat sie angefangen, sich in einer monatlichen Laserbehandlung die Barthaare entfernen zu lassen. „Das haben die Leute schon gemerkt.“

So ging es weiter – bis im März dieses Jahres das Versteckspiel ein Ende hatte. „Das war der Zeitpunkt, an dem ich mein Facebook-Profil als Oliver gelöscht und das als Julia (hi.i.am.julia; Anm. d. Red.) öffentlich gemacht habe.“ Soweit möglich habe sie ihre Kunden persönlich besucht und ihnen die neue Situation erklärt: „Es wird kein Oliver mehr zu Ihnen kommen...“ Sie selbst habe ja zwei Jahre gebraucht, bis sie den Weg von Oliver zu Julia gemeistert habe, „und diese Zeit gebe ich natürlich auch jedem in meinem Umfeld“. Der Erfahrungsaustausch mit anderen Transgendern habe ihr sehr geholfen. Daher wisse sie auch, dass es vielen schwerfalle, ihre alten Fotos anzuschauen, viele diese sogar verbrennen würden. „Ich habe damit keine Probleme, aber noch mehr Spaß macht es mir, die alten Urlaubsorte mit meinem neuen Ich zu bereisen.“

Sie kleidet sich zurückhaltend, die Schminke ist dezent

Julia Katzkes Stimme ist noch immer tiefer als die einer biologischen Frau, Sprachtraining beim Logopäden soll da weiterhelfen. Beim Äußeren hat sie Glück, wie sie selbst sagt. Ihre Gesichtszüge sind weich, und mit Schuhgröße 42 findet sie tolle Modelle. Tatsächlich wird im Vorbeigehen kaum jemand merken, dass Julia einmal Oliver war. Sie kleidet sich zurückhaltend, die Schminke ist dezent, kleine Diamantstecker stecken in den Ohrläppchen, und ein Rosentattoo ziert den rechten Knöchel. „Man läuft schnell Gefahr, so viel Frau wie möglich sein zu wollen, sodass der Rock nicht kurz genug sein kann. Mein Weg ist das nicht, ich will lieber nicht auffallen. Stattdessen fliege ich lieber unter dem Radar“, sagt sie.

Eine operative Geschlechtsangleichung möchte Katzke nicht, „mir reicht der jetzige Zustand, um das Innere und das Äußere in Einklang zu bringen.“ Durch die Medikamente, die sie seit drei Monaten nimmt und die das Testosteron unterdrücken und den Östrogenspiegel heben, werden die Poren kleiner, das Brustwachstum setzt ein und die Fettpölsterchen gleichen sich denen anderer Frauen an. „Das Bikinioberteil rutscht mittlerweile schon nicht mehr hoch“, freut sich die 44-Jährige.

Die Ehe hat Bestandsschutz

Bis vor acht Jahren hätten sich die beiden noch scheiden lassen müssen, bevor Julia ihren Vornamen und Personenstand offiziell hätte ändern dürfen. Heute hat die Ehe Bestandsschutz. Durch die Hormonbehandlung ist auch ausgeschlossen, dass Julia Katzke noch Kinder zeugen kann, „aber dafür ist es für uns sowieso zu spät gewesen. Vielleicht ist das auch besser so, ich weiß nicht, ob die Gesellschaft schon so weit ist.“

Offiziell zu „Frau Julia Katzke“ könnte sie durch eine gerichtliche Vornamens- und Personenstandsänderung ernannt werden. Bis dahin ist es für Transgender aber ein langer und kostspieliger Weg. Das Verfahren bedingt zwei voneinander unabhängige Gutachten von Sachverständigen. Die Gutachter haben auch dazu Stellung zu nehmen, ob sich das Zugehörigkeitsempfinden des Antragstellers mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht mehr ändern wird. Mit Kosten von 2000 Euro rechnet Katzke. „Es wird Zeit, dass das völlig veraltete Transsexuellengesetz geändert wird“, fordert sie. Auf Malta reiche mittlerweile ein Gang zum Standesamt.

Julia freut sich über jeden Erfolg

Heute steht auf ihrer Kredit- und EC-Karte bereits der Name Julia Katzke, während das Konto noch auf Oliver Katzke läuft. „Die Banken und Firmen sind hier schon sehr weit, ich hatte bisher kaum Probleme.“ Sie empfinde die Änderung der Anrede und des Vornamens nicht „als Marathon“, sondern freue sich über jeden Erfolg. „Und oft ergeben sich auch nette Gespräche am Telefon. Die Leute sind meist sehr interessiert.“

Typisch Frau? „Ich kriege einen Kollaps, wenn ich mir bei handwerklichen Tätigkeiten im Haus einen Fingernagel abbreche“, erzählt die 44-Jährige lachend. Sie habe sich jedoch nicht davon abbringen lassen, das Garagentor allein einzubauen, und zwar ganz demonstrativ im Minirock. „Nur um meinen Nachbarn zu zeigen, dass ich dazu sehr wohl auch als Frau in der Lage bin, was von einigen bezweifelt worden war. Brüste machen schließlich nicht dümmer.“

Julia Katzke als Model für die Modemarke Esprit.

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Aber einen Traum vieler Frauen hat sie sich bereits erfüllt: das Modeln. Ihre Frau hatte sie überredet, an einem Wettbewerb der Modekette Esprit teilzunehmen, die Menschen mit besonderen Geschichten gesucht hatte. Katzke bewarb sich unter dem Hashtag „ImTrans“ – und gewann. Einen ganzen Tag war ein Team vor Ort, ein Make-up-Artist, der schon für Hollywood-Star Angelina Jolie gearbeitet haben soll, schminkte Katzke vor dem Shooting.

Warum eigentlich Julia? „Olivia wäre mir zu blöd gewesen, und als kleiner Junge hatten wir in unserer Laubenkolonie in Berlin eine Julia. Der Name war immer ganz tief in meinem Herzen.“ Die erste Unterschrift mit diesem Namen „ging so runter, als wäre das schon immer mein Vorname gewesen“. col

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