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Autorin rückt Lyriker in anderes Licht

Börries Freiherr von Münchhausen Autorin rückt Lyriker in anderes Licht

Der Name Münchhausen lässt vermutlich zunächst an den Lügenbaron denken. Jutta Ditfurth geht es in ihrer umfangreichen Studie „Der Baron, die Juden und die Nazis“ aber um einen kaum weniger bekannten Verwandten: Um Börries Freiherr von Münchhausen, ihren Urgroßonkel.

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Quelle: pr.

LANDKREIS. Dieser Münchhausen war ein Balladendichter, der durch das Anwesen in Apelern, wo er immer wieder weilte, auch mit dem Schaumburger Land in Verbindung stand. In diesem Monat erinnert die Schaumburger Landschaft an den Lyriker. Im Kalender „De Schaumbörger“ schreibt Otto von Blomberg: „Heute ist er leider beinahe vergessen.“

Rolle des Dichters in der NS-Zeit

Teils mit der Akribie einer Historikerin, teils mit der Betroffenheit einer Verwandten skizziert die als Mitgründerin der „Grünen“ bekannt gewordene, später angesichts der „Realo“-Erfolge aber ausgetretene Publizistin den Lebenslauf des 1874 in Hildesheim geborenen Vorfahren. Im Mittelpunkt steht dabei die Rolle des Dichters in der NS-Zeit. Die Tatsache, dass er 1900 eine eigene Gedichtsammlung mit dem Titel „Juda“ herausgibt, die zahlreiche alttestamentliche Motive und Figuren enthält und darüber hinaus von Ephraim Moses Lilien, einem Künstler jüdischen Glaubens, illustriert wurde, lässt Ditfurth nicht als Indiz für ein positives Verhältnis zum Judentum gelten – im Gegenteil.

Der wegen seiner Volkstümlichkeit und seiner völkisch geprägten Balladen in der NS-Zeit hoch angesehene Dichter äußert sich zum Vorwurf des Philosemitismus im Jahre 1941 selbst: „Ich habe im Zionismus die einzige damalige Möglichkeit gesehen, Europa von den Juden zu befreien.“ An Thomas Mann, einen der verfemten Autoren, richtet er 1937 die Worte ins Exil: „Noch niemals hat eine Regierung in so kurzer und so schwerer Zeit eine solche Fülle von Segen über ein Volk ausgegossen wie das Hitlertum seit seinem Bestehen über Deutschland.“

Attribut adeliger Abstammung

Der Begriff „Volk“ ist ansonsten nicht eben die Lieblingsvokabel des Adeligen. Auch da setzt die Sezierende an, die ihr Attribut adeliger Abstammung vor einigen Jahren selbst ablegte, um als „Ditfurth“ ein Zeichen zu setzen. Der Baron gebe sich dünkelhaft, betrachte die Menschen vom hohen Ross herab und halte noch über das Jahr 1918 hinaus ein überkommenes Standesdenken aufrecht.

Vehement argumentiert Ditfurth in diesem Zusammenhang gegen die These, der Widerstand gegen die NS-Diktatur sei in Adelskreisen verwurzelt gewesen – von untypischen Ausnahmen abgesehen. Besonderes Gespür für Verstrickung und ihre Folgen zeigte übrigens Ehefrau Anna, eine geborene von Breitenbuch: „Womöglich wird man dann aufgehängt, wenn wir den Krieg verlieren.“

Ehe es dazu kommt, stirbt die in dieser Ehe – laut Ditfurth durch Untreue, Unaufrichtigkeit und Umtriebigkeit des Gatten– hart Geprüfte. Börries, der bei Goebbels und Konsorten am Ende doch noch fast in Ungnade gefallen wäre, wählt im Frühjahr 1945 den Weg der Selbsttötung.

Teils geschickt, teils tölpelhaft

Man kann diese ambitioniert dargebotene Familiengeschichte auch als Psychogramm eines überaus eitlen Mannes lesen, eines Privilegierten, der gegen andere Künstler wie Dehmel, Döblin und später auch Benn teils geschickt, teils tölpelhaft intrigiert; der immer wieder zwischen verführerischer Großstadt und erdender Provinz schwankt und changiert, der die Moderne mit allen Mitteln bekämpft, aber als kulturkonservativer Neoromantiker auch nicht voll erfasst wird und der insbesondere Frauen vom Schlage einer Agnes Miegel oder Lulu von Strauß (am Ende von Liebschaften) düpiert oder durch Protektion besticht. Ditfurth spannt den Bogen von den familiären und ideologischen Wurzeln ihrer Verwandtschaft bis hin zu den ihr verhassten Neonazis, die das Anwesen Münchhausens zu Sahlis in Sachsen womöglich nicht zufällig erwarben.

„Börries verkaufte zu Lebzeiten mehr Bücher als Goethe überhaupt“, wird eine Stimme aus der Familie auf dem Kalenderblatt zitiert. Eine Überprüfung hat vermutlich nicht stattgefunden. Jutta Ditfurth schreibt über den Dichter, der mit Titeln wie der „Lederhosen-Saga“ immer noch seinen Platz hat in Lesebüchern, Bücherschränken und Netzanthologien: „Münchhausen wendete seinen Hals mit jeder Böe.“ Auch wenn das Kalenderblatt am 1. Juli 2017 umgeblättert wird, bleiben Fragen – gerade in der gegenwärtigen Debatte über Traditionspflege und Leitkultur. vhs

Jutta Ditfurth; Der Baron, die Juden und die Nazis – Reise in eine Familiengeschichte; Hamburg 2013, 396 S.; zahlreiche Abbildungen; ISBN 978-3-455-50273-2

De Schaumbörger

Er ist der Kalender mit der höchsten Auflage im Landkreis, und doch kann man ihn nicht kaufen: „De Schaumbörger“. Die Sparkasse Schaumburg und die Schaumburger Landschaft stellen jährlich zwölf reizvolle Ansichten zwischen Weser und Steinhuder Meer zusammen. Versehen werden sie mit informativen Texten von Autoren aus der Region. Die Schaumburger Landschaft möchte den Besitzern so einen Anstoß geben, das Schaumburger Land auf immer wieder neue Weise zu entdecken. Dank der Unterstützung der Sparkasse kann dieser Bildkalender im Format 32 x 32 Zentimeter von der Schaumburger Landschaft herausgegeben werden und ist kostenlos bei der Sparkasse Schaumburg erhältlich – der 2017er Kalender ist bereits vergriffen. Der neue Kalender kommt am 31. Oktober – pünktlich zum Weltspartag – auf den Markt. vin

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