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Big Ben zu Füßen

Traumberuf Modedesigner Big Ben zu Füßen

Modedesigner zu werden ist das Ziel von Hassan. Dieses Ziel verfolgt der Junge aus Afghanistan konsequent – und hat erste Erfolge auf seinem Weg vorzuweisen. Gerade kommt er von einer Woche voller Mode aus Hannover zurück. Dort hatte er sich beworben um einen Platz beim „KunstSommer 2017“ – mit Erfolg.

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Einen luftigen Traum in Schwarz trägt Hassans Modepuppe derzeit – direkt vor Londons Kulisse.

Quelle: ade

LANDKREIS/REHBURG. Hassan träumt von Perlen. Und von Blüten. Von Stoffen und Schnitten. Von tiefen Dekolletés und langen Schleppen, von extravaganten Kleidern und ausgefallenen Hemden – und davon, dass Frauen und Männer in Deutschland sich zu festlichen Anlässen auch festlich kleiden. Im Iran, dort, wo er den größten Teil seines bislang 17 Jahre währenden Lebens verbracht hat, dort sei das so, sagt er. Wer dort zu einer Party, einer Hochzeit oder zu einem anderen Fest gehe, der kleide sich sorgfältig und dem Anlass entsprechend, schminke sich mit Bedacht und lasse sich auch gut frisieren. Jeder wolle eben am schönsten aussehen, sagt er lachend.

Arbeiten mit Modestudenten

Die Kleidung für solche Anlässe hat es ihm angetan und das ist auch sein Ziel für die Zukunft: Hassan möchte Modedesigner werden. Gerade kommt er von einer Woche voller Mode aus Hannover zurück. Dort hatte er sich beworben um einen Platz beim „KunstSommer 2017“. Dass er angenommen wurde und im Landesmuseum unter Anleitung von Studierenden des Fachs Modedesign arbeiten durfte, hat ihn in seinen Zukunftsplänen noch einmal bestätigt.

In seinem Zimmer hat er an einer Wand eine Ansicht von Londons City aufgehängt. Big Ben hat er quasi zu Füßen, wenn er morgens aufwacht und das aus gutem Grund. London – das ist nämlich eine der Modemetropolen, von denen er träumt. London und München. Indien und die Türkei nennt er ebenso. Überall dort werde Mode so gemacht, wie er sie sich erträume. Und Paris? Denkt er bei Mode überhaupt nicht an Paris? Hassan zögert kurz. Nein, eigentlich nicht. Wenn das Ziel auch noch nicht vollkommen feststeht, so hat er doch schon mit dem Ausschlussverfahren begonnen.

Der Weg bis nach London oder sonst wohin dürfte noch ein relativ langer sein. Das schreckt den jungen Mann aber nicht. Lange Wege kennt er schließlich.

In Afghanistan wurde er geboren, wenig später schon lebte er mit seiner Familie im Iran. Dort blieben sie etliche Jahre, gingen dann zurück nach Afghanistan. Hassan machte sich aber bald allein zurück auf den Weg in den Iran, wo er wieder eine Weile blieb, um dann nach Deutschland zu fliehen – allein. Die Gründe für seine Flucht und die Flucht selbst, darüber möchte er nicht reden. „Zu traumatisch“, sagt Ilona Kunze.

Eine Einrichtung nahm Hassan auf

Ilona Kunze, das ist die Frau, die für Hassan fast so etwas wie eine Ersatzmutter ist. Sie arbeitet in der pädagogisch-therapeutischen Einrichtung für Kinder und Jugendliche „Die Güldene Sonne“ in Rehburg und hat vor rund eineinhalb Jahren Hassan und zwei andere junge Afghanen unter ihre Fittiche genommen. Als unbegleitete minderjährige Flüchtlinge waren diese in die „Güldene Sonne“ gekommen, lebten zunächst dort, wechselten dann alle drei gemeinsam in ein Haus in der Nähe, in dem sie nun mit Begleitung durch das Team der Einrichtung alleine leben.

Das Thema an diesem Nachmittag ist schließlich auch ein anderes: Es geht um einen jungen Mann, der ziemlich genau und schon ziemlich lange weiß, worauf er im Berufsleben hinaus will.

Sein eigenes kleines Reich

In der Einrichtung hat jeder der Jungen ein eigenes Zimmer. Hassans kleines Reich wird von zweierlei Dingen beherrscht: zum einen von Big Ben, zum anderen von der Schneiderpuppe, die in seinem Zimmer steht. Momentan trägt diese Puppe einen luftigen Traum in Schwarz aus einem kurzen Rock, dazu eine durchscheinende Schleppe, kombiniert mit einem schwarzen Oberteil, an dem Hassan demonstriert, auf wie viele verschiedene Arten es getragen werden kann. Dieses Modell hat kurz vor den Sommerferien eine Mitschülerin von ihm bei einer kleinen Modenschau im Gymnasium Stolzenau gezeigt, die Hassan organisiert hatte.

Er zeigt seine Skizzenbücher mit vielen weiteren Ideen, die er noch umsetzen möchte. Den nächsten Schritt bis zu diesem Ziel geht er ab dem kommenden Schuljahr, wenn er mit einem Jahr an der BBS Hannover im Fach Textiltechnik beginnt.

Modebegeistert seit dem 13. Lebensjahr

Für Mode und für die Schneiderei interessiert sich Hassan bereits seit seinem 13. Lebensjahr. Damals suchte er Arbeit im Iran und fand sie bei einem Schneider. Eine Lehre im hierzulande üblichen Sinne machte er dort nicht, passte aber so gut auf, dass der Schneider ihn irgendwann auch eigene Kreationen anfertigen ließ. Stich für Stich nähte er dort fein säuberlich mit der Hand. Nun jedoch rattert eine Nähmaschine oft selbst mitten in der Nacht. Eine Industrie-Nähmaschine mit noch mehr Funktionen für seine ausgefallenen Ideen – das ist einer seiner Wünsche für die nahe Zukunft.

Zu Mode und Design hatte Hassan schon vor seiner Zeit bei dem iranischen Schneider ein besonderes Verhältnis, denn eine seiner Schwestern arbeitet genau in diesem Bereich. So wie sie, sagt er, fasziniere auch ihn das Spiel mit Stoffen, Farben und Perlen – und mache ihn einfach glücklich.

Dass er mit seiner Mode auch andere glücklich machen kann, sieht Hassan an Ilona Kunze. Als sie einmal eine Jacke in seinem Zimmer vergaß, nahm er schnell und heimlich Maß und nähte dann eine festliche Jacke für sie. Die Überraschung war groß, als er ihr dieses Stück überreichte. Und sie hat bereits verinnerlicht, was Hassan sich wünscht: Zu besonderen Anlässen geht sie nun gerne fein gekleidet.  Falls jemand Interesse an einer Kreation des jungen Mannes hat, besteht die Möglichkeit, Kontakt zur „Güldenen Sonne“ aufzunehmen, und zwar unter (0 50 37) 96 30.  ade

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