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Schwächere gehören zu Gewinnern

Ausbildungsmarkt für junge Schaumburger Schwächere gehören zu Gewinnern

Jahrelang galt das gesellschaftliche Mitgefühl den jungen Leuten, die es schwer hatten, einen Ausbildungsplatz zu finden. Man wusste, da gab es welche, die schrieben unglaublich viele Bewerbungen und bekamen nichts als Absagen zurück. Andere mussten ihre Leistungsfähigkeit erst in aufwendigen Prüfverfahren beweisen, wo nur die Nervenstärksten und schulisch Besten sich durchsetzen konnten.

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Tischlermeister und Obermeister der Schaumburger Innung, Rüdiger Altfeld, redet Klartext über seine Erwartungen an Auszubildende. 

Quelle: cm

Rinteln. Hört man sich heute um, hat sich das Blatt vor allem im handwerklichen Bereich gewendet.
Ingo Gödecke kann davon ein Lied singen. „Bei den Schülern heute ist das Handwerk als Berufswunsch längst nicht mehr erste Wahl“, meint der Malermeister, der als Obermeister der Schaumburger Innung einen guten Überblick über die Situation in den regionalen Betrieben hat.  Gerade das Malerhandwerk hätte ein Imageproblem. Es würde wohl eher als Beruf für die nicht so Begabten gelten. Dabei bestünden viele interessante Möglichkeiten zur Weiterqualifikation, erklärt Gödecke. Man könne als Meister in der Hierarchie aufsteigen, in der Industrie arbeiten und mit wachsender Erfahrung auch Farbeimer und Pinsel ganz hinter sich lassen und als Kundenberater tätig werden.

Schwächere Schüler sind Gewinner

Gewinner in der heutigen Situation, wo es mehr Betriebe gibt, die Auszubildende suchen, als junge Leute, die einen handwerklichen Beruf erlernen wollen, seien schwächere Schüler. Auch in der Firma Gödecke beginnt jetzt ein junger Mann seine Ausbildung, der als Förderschüler in diese Kategorie gehört. „Schulische Leistungen sind längst nicht alles“, meint der Malermeister. „Ich schaue eher, wie sich die jungen Leute in der Praxis anstellen. Ohne vorheriges Praktikum stelle ich niemanden ein.“

Das würde auch Rüdiger Altfeld so unterschreiben. „Ehrlich gesagt war ich selbst in der Schule eine völlige Katastrophe“, meint der Tischlermeister, der ebenso wie Gödecke in seiner Abteilung der Schaumburger Innung als Obermeister fungiert. „Meine Überzeugung ist es, dass man alles erreichen kann, wenn man nur will. Auszubildende, die dieses ‚Ich will‘ mitbringen, können ungeahnte Fähigkeiten entwickeln. Ich habe schon Menschen erlebt, die quasi als Analphabeten eingestiegen sind, und heute beinahe auf Gesellenniveau eingesetzt werden können.“

Nachhilfemöglichkeiten sind gegeben

Mancher Schüler bekäme zudem erst wieder Lust zum Lernen, wenn er den praktischen Nutzen dabei erkennen könne. Schulisches und fachliches Wissen könne man sich aneignen, so die beiden erfahrenen Ausbilder. „Hier gibt es auch zuverlässige Unterstützung durch das Arbeitsamt. Die bieten, wenn nötig, Nachhilfemöglichkeiten an“, erklärt Ingo Gödecke.
Was den beiden Obermeistern jedoch richtig Kopfzerbrechen bereitet, ist die fehlende soziale Kompetenz bei den Bewerbern. „Wir sind ein Betrieb, der von guten Kundenkontakten lebt“, hebt der Malermeister hervor. „Unsere Angestellten arbeiten in privaten Räumen, im ‚Allerheiligsten‘ unserer Kunden. Da ist ein höflicher Umgangston, freundliches, rücksichtsvolles Auftreten und eine gepflegte Erscheinung eine wichtige Grundvoraussetzung für jede Einstellung.“

Piercing und Tattoo sind weniger erwünscht - Höfflichkeit umso mehr

Gödecke geht sogar so weit, dass er mit Blick auf seinen Kundenkreis, der auch sehr viele ältere Menschen umfasst, nicht so gern stark tätowierte und gepiercte Auszubildende einstellen würde.  Was die beiden Handwerksmeister als Erwartung formulieren, hört sich eigentlich nicht kompliziert oder schwierig an. „Es sind so ganz einfache aber grundsätzliche Dinge, die den jungen Leuten heute manchmal fehlen“, klagt Altfeld. „So etwas wie Grüßen, wenn man reinkommt, sich mit Namen vorstellen, den Gesprächspartner anschauen und dann sagen, in welcher Angelegenheit man kommt. Das erwarte ich von meinen Bewerbern.“

Im Arbeitsalltag ginge es dann auch nicht darum, gleich alles perfekt zu können. „Aber so eine Bereitschaft, sich zu bemühen, die wird gebraucht. Auch Kollegialität, sich gegenseitig unterstützen, ist wichtig. Sonst sind die Neuen im Team schnell außen vor. Zuverlässigkeit und Pünktlichkeit gehören auch in diese Reihe von Kulturtechniken, ohne die eine Zusammenarbeit keine wirkliche Freude macht“, spricht Altfeld aus leidvoller Erfahrung.

Diese Probleme sind nicht neu. Auch an den Berufsbildenden Schulen sind sie bekannt. Und so umschreibt Schulleiter Habenicht die Situation in den Klassen der Berufseinstiegsschule vorsichtig: „Da sind noch längst nicht alle so weit, dass sie die nötige Reife haben, um eine Ausbildung zu beginnen.“
Solange unser Bildungssystem so viele Schüler ohne die notwendigen Fähigkeiten im Bereich elementarer Kulturtechniken und sozialer Kompetenz hervorbringt, sind es die ausbildenden Handwerksbetriebe, die die Suppe auslöffeln müssen. Keine einfache Situation. cm

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