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„Das hier ist für uns keine Neuland“

SN-Interview mit Brauerei-Chef Christoph Barre „Das hier ist für uns keine Neuland“

Vor 175 Jahren gegründet, beschäftigt die in Lübbecke ansässige Brauerei Barre heute rund 120 Mitarbeiter. Nach der Insolvenz der Schaumburger Brauerei ist sie eine der letzten Privat-Brauereien in der Region. Geleitet wird sie in sechster Generation von Christoph Barre. SN-Chefredakteur Marc Fügmann sprach mit dem geschäftsführenden Gesellschafter über die schwierige Lage der Branche und über das Engagement des Unternehmens im Landkreis Schaumburg.

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Hier wird seit 175 Jahren Bier gebraut: die Brauerei Barre im westfälischen Lübbecke.

Quelle: pr.

LANDKREIS. Herr Barre, es ist nicht zu übersehen, dass Sie nach dem Aus für die heimische Brauerei kräftig auf den Schaumburger Markt drängen. Mit welchem Erfolg?

In Absatzmengen kann ich das gar nicht genau beziffern, weil solche Entwicklungen immer ein längerer Prozess sind. Was wir aber schon feststellen können, das ist ein enorm gestiegenes Interesse an unserer Marke und unseren Produkten. Das gilt sowohl für das Fassbier in der Gastronomie, als auch für das Flaschenbier im Handel. Viele Schaumburger orientieren sich jetzt offenkundig neu. So lange es in Stadthagen noch die Brauerei gab, haben wir uns etwas zurückgehalten. Jetzt, wo sie faktisch nicht mehr da ist, hat sich eine neue Situation ergeben. Und da nutzen wir unsere Chance als regionale Familienbrauerei, das Feld nicht den Konzernbrauereien zu überlassen.
Regionale Brauerei betonen stets, dass sie über den Bierverkauf hinaus eine wichtige Rolle spielen – weil sie eine große Kundennähe haben, identitätsstiftend für die Region sind und so etwas wie ein Heimatgefühl vermitteln. Glauben Sie, dass eine westfälische Brauerei dem in Schaumburg gerecht werden kann?

Dazu muss man sich fragen, was eine regionale Brauerei ausmacht. Wir sprechen ja nicht ohne Grund vom „Barre-Land“, weil die Landesgrenze für uns praktisch nie eine Bedeutung hatte. Wenn man auf die Landkarte schaut, sieht man, dass der Kreis Minden-Lübbecke wie eine Ausbuchtung nach Niedersachsen hineinragt. Historisch haben wir uns immer schon stark nach Norden und auch in Richtung Hannover orientiert. Mehr als die Hälfte unserer Umsätze realisieren wir traditionell in Niedersachsen. Gerade in ländlich-konservativ geprägten Gegenden legen viele Menschen großen Wert darauf, Produkte bei Lieferanten aus der Region zu kaufen. Diese Rolle fällt nun uns automatisch zu, weil es weit und breit keine andere eigenständige Brauerei mehr gibt. Hinzu kommt, dass das Schaumburger Land für uns kein Neuland ist. Hier haben wir in der Gastronomie traditionell eine starke Position. Zudem gibt es viele persönliche und freundschaftliche Verbindungen.
Warum hatten Sie kein Interesse an einer Übernahme der Schaumburger Brauerei?

Ein schwieriges Thema. Zunächst einmal können Sie mir glauben, dass sich bei mir die Freude über das Verschwinden der Schaumburger Brauerei sehr in Grenzen gehalten hat. Als ehemaliger Präsident des Verbandes Freier Brauer empfinde ich das Sterben jeder kleinen oder mittelständischen Brauerei als großen Verlust. Die Lobby der wenigen unabhängigen Privatbrauereien gegenüber den übermächtigen Braukonzernen wird dadurch immer weiter geschwächt – mit jedem Standort, der verschwindet. Gerade bei uns im Norden Deutschlands ist der Markt schon enorm ausgedünnt. Das ist schon makaber. Nach meiner Einschätzung hatte die Schaumburger Brauerei eine kritische Größenordnung unterschritten – und dann wird es wirklich schwierig.
Davon abgesehen haben Sie sich auch mit Alteigentümer Friedrich-Wilhelm Lambrecht nicht einigen können?

Nein, so weit waren wir noch gar nicht. Irgendwann haben sich die Ereignisse dann überschlagen. Aufgrund des Zeitdrucks waren wir nicht mehr in der Lage, da tiefer einzusteigen.
Was braucht eine mittelständische Brauerei denn heute, um überleben zu können?

Gegenüber den Großbrauereien können kleine Unternehmen den Wettkampf hinsichtlich der Produktivität niemals gewinnen. Deshalb ist es für sie umso wichtiger, auf anderen Feldern zu punkten: mit Regionalität, Glaubwürdigkeit der Marke, Leidenschaft und ihrer Verbundenheit zu den Menschen. Und, ganz entscheidend: mit Qualität. Sie müssen als lokale Brauerei kein Bier anbieten, das sich in ganz Europa verkauft, sondern eines das dafür umso mehr den Geschmack in der Region trifft. Hier bei uns wird ein Pilsener traditionell anders gebraut als etwa in Baden-Württemberg. Eine nationale Marke kann dem nicht gerecht werden. Vor ein paar Jahren konnte ein Bier gar nicht global genug sein, heute haben wir es glücklicherweise zunehmend mit einer Rückbesinnung auf regionale Produkte zu tun. Insofern ist die Großwettterlage für uns besser als vor ein paar Jahren.
Andererseits geht der Bierkonsum immer weiter zurück, die Konzentration in der Branche hat die Bildung gigantischer Braukonzerne zur Folge, der Wettbewerb ist ruinös...

Das stimmt. In Deutschland sind rund 60 Prozent des Marktes in der Hand der Großbrauereien. Im ersten Moment hört sich das sehr gefährlich an. Aber im weltweiten Vergleich stehen wir noch recht gut da. In Nachbarländern wie Frankreich, Spanien oder Belgien liegt der Anteil bei 80 und teilweise sogar schon über 90 Prozent. Immerhin haben wir in Deutschland noch 1 200 Brauereien mit über 5 000 unterschiedlichen Biersorten. Kein anderes Land bietet eine solche Vielfalt. Wichtig ist nur, dass diese auch in Zukunft noch von Privatbrauereien dargestellt wird und nicht von zwei, drei Konzernen, die den Konsumenten Vielfalt nur durch geschicktes Marketing vorgaukeln. Mit dem bevorstehenden Zusammenschluss der Giganten ABInBev und SAB Miller wird künftig weltweit jedes dritte Bier aus diesem einen Konzern kommen. Und die kaufen weiter zu, wo immer sich eine Gelegenheit bietet.
Sie haben das Nord-Südgefälle von Brauereien in Deutschland angesprochen. Woher rührt das?

Zunächst mal: 800 der 1200 deutschen Brauereien befinden sich in Bayern. Dort gibt es noch viele kleine Familienbetriebe mit einem Ausstoß von fünf- oder sechstausend Hektolitern. Im Norden war das nie vergleichbar ausgeprägt. Hinzu kommt, dass es hier historisch sehr früh eine Konzentration durch Aufkäufe gegeben hat, etwa in den Großräumen Hamburg und Bremen.
Und dann gibt es da auch noch eine andere Mentalität: Ich war kürzlich in einem Getränkemarkt in Bayern, in dem es ausschließlich lokale Biermarken gab. Auf meine Nachfrage hat mir der Inhaber versichert, er habe es auch mal mit nationalen Marken versucht. Doch die habe partout niemand gewollt. Die Kunden sind im Süden konservativer und markentreuer. Für die kommt nur ein Bier aus ihrer Region in Frage. Eine Einstellung, die hier im Norden leider nicht so ausgeprägt ist.

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