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Der Krenz-Verteidiger

40 Jahre - 40 Köpfe Der Krenz-Verteidiger

In einem Alter, in dem andere längst ihre Rente genießen, sitzt Dr. Dieter Wissgott weiter unermüdlich am Schreibtisch oder im Gerichtssaal. Der 78-jährige Staranwalt bekennt: „Ich bin ein Rastloser, ohne Arbeit kann ich nicht leben.“

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Sitzt unermüdlich an seinem Anwalts-Schreibtisch: Dieter Wissgott (großes Bild). Diese Gerichtszeichnung von 1994 zeigt Wissgott (links) mit seinem Mandanten Egon Krenz (kleines Bild). 

Quelle: ssr

Landkreis. Deutlich länger als acht Stunden täglich widmet der Jurist sich seinen Mandanten. „Dabei erlaube ich mir den Luxus, am Freitag nicht zu arbeiten, sondern unter anderem mit Freunden Gymnastik zu betreiben.“ Dafür genieße er es, auch am Sonnabend und am Sonntag im Büro ungestört arbeiten zu können.
Mittlerweile beschränkt sich Wissgott, der sich seinen weit über Stadthagen hinaus bekannten Ruf als Strafverteidiger erarbeitet hat, ganz auf das Medizinrecht. „Richtig geackert, auch Klausuren geschrieben“, hat er vor zehn Jahren, um den Titel eines „Fachanwalts für Medizinrecht“ zu erwerben.
Seine Nähe zu diesem Bereich kommt nicht von ungefähr: Drei Semester Medizin hatte der junge Wissgott in München studiert, bekam dann aber keinen Laborplatz, weil diese nur bayerischen Studenten vorbehalten waren. „Deshalb wechselte ich zur Juristerei, mit der ich auch schon immer geliebäugelt hatte.“ Juristische Auseinandersetzungen im medizinischen Sektor „sind buntschillernd, da gleicht kein Fall dem anderen, jeder stellt eine ganz eigene Herausforderung dar“, begründet Wissgott seine berufliche Leidenschaft.
Seine Laufbahn begonnen hat der in Breslau geborene Jurist Ende der sechziger Jahre als Richter am Amtsgericht Stadthagen. Vor gut 40 Jahren wechselte er die Seiten und trat in die hiesige Anwaltskanzlei von Armando Gaida ein, mit dem er später eine Sozietät führte.
„Als Richter muss man sich immer sehr zurückhalten, das ist mir aber fremd“, begründet Wissgott seinen Schritt. „Ich bin ein engagierter Mensch, ich ergreife leidenschaftlich gerne Partei.“ Darum sei ihm „der Beruf des Anwalts adäquat“, unterstreicht der für seine brillante, auch schon mal flammende Redekunst bekannte Jurist. 1988 gründete Wissgott seine eigene Kanzlei, mit Sitz direkt gegenüber vom Amtsgericht. Mittlerweile hat er diese an seinen Sohn Volkmar übertragen, wobei er die Medizinsachen auch künftig weiter bearbeitet.
Unvergessliche Erinnerungen knüpfen sich an seine Rolle als Verteidiger des früheren SED-Generalsekretärs Egon Krenz. „Da habe ich ganz direkt deutsche Geschichte pur erlebt.“ Im Anschluss an eine Lesung von Krenz in Berlin hatte er diesen 1993 kennengelernt. Wenig später rief der mittlerweile wegen der Todesschüsse an der Mauer angeklagte Ex-SED-Chef an und fragte, ob Wissgott ihn vor Gericht verteidigen wolle. „Ich habe mit Parteien nichts am Hut, schon gar nicht mit dem Kommunismus“, betont Wissgott. „Insofern habe ich Krenz gleich gesagt: Sie müssen wissen, für mich ist die CSU noch zu weit links.“ Gleichwohl habe Krenz an seiner Bitte festgehalten.
Noch heute ereifert sich Wissgott darüber, dass der Krenz-Prozess aus seiner Sicht zu Ungunsten seines Mandanten „strikt politisch eingefärbt war, eines Gerichts unwürdig“. In langen Pressekonferenzen, „die ich sehr genossen habe“, habe er aus juristischer Sicht stets versucht, „die Dinge ins rechte Licht zu rücken“. Weil er seine politischen Überzeugungen auch vor Gericht vertreten habe, sei Krenz mit sechseinhalb Jahren zu einer längeren Freiheitsstrafe verurteilt worden als andere SED-Politiker. „Wer katzbuckelte und sein Mäntelchen nach dem Winde hängte wie etwa Günter Schabowski, der ist glimpflicher davon gekommen.“
Bis heute pflegen Wissgott und Krenz eine gute Bekanntschaft. Einmal jährlich besucht der Stadthäger Krenz in dessen „zum kleinen Wohnhaus umgebauten Bootshaus an der Ostsee“. Wissgott: „Der Prozess hat uns rein menschlich ein bisschen nahe gebracht, wenngleich die politischen Gegensätze zwischen uns gänzlich unüberbrückbar sind.“ Denn nach wie vor sei Krenz überzeugter Kommunist, gleichzeitig sei er im Gespräch aber sehr aufgeschlossen für andere Meinungen.
„Am meisten aufgewühlt“ hat Wissgott in seiner Laufbahn freilich ein Sammelprozess, in dem er anwaltlich die Interessen von insgesamt 22 000 ehemaligen polnischen KZ-Insassen vertreten hat. Diese mussten in dem Entschädigungsprozess ihr Martyrium schriftlich auf einer Seite schildern. „Von unbeschreiblichen Gräueltaten haben wir da gehört und gelesen, das muss einem als Deutschen die Schamesröte ins Gesicht treiben“, bekennt der Anwalt.

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