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Die Scherben zusammen gekehrt

40 Jahre - 40 Köpfe Die Scherben zusammen gekehrt

Nicht wenige Künstler gelten gemeinhin als kauzig. Doch dass man sie zum Interviewtermin vom Schleiereulen-Nachwuchs auf dem Dachboden loseisen muss, kommt wohl weniger oft vor. Doch bei Frieder Korff zu Hause in Mittelbrink gehört das quasi dazu – zum nun schon fast 80 Jahre währenden Leben.

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Frieder Korff hat sich in Mittelbrink eine Idylle geschaffen. soe

Mittelbrink. Hier, inmitten des Schaumburger Waldes, pendelt der Glaskünstler zwischen Natur und heißem Brennofen. Hier hat er sich mit Ehefrau Doris die Idylle geschaffen, um die ihn viele hektische Zeitgenossen beneiden dürften.

Korff wurde die Liebe zum Glas in die Wiege gelegt. In vierter Generation begann 1950 seine berufliche Laufbahn auf der Hütte Stoevesandt in Rinteln. Schon Vater, Großvater und Uropa hatten ihren Lebensunterhalt dort verdient. Noch heute legt er Wert darauf, dass man ihm dort schon bald als „Glasmaschinenführer“ große Verantwortung übertragen hatte. Dazu gehörte der Besuch der Glasfachschule in Zwiesel im Bayerischen Wald, „der besten in Deutschland“, wie er einwirft.

Als er 1990 in Rinteln ausschied, begann nicht etwa der Ruhestand. Nach der deutschen Wiedervereinigung half er bis 1998 als Gewerkschaftssekretär in Sachsen-Anhalt beim Aufbau Ost. Parallel dazu lief im beschaulichen Wald-Dreieck zwischen Niedernwöhren, Wiedensahl und Pollhagen die „behutsame“ Renovierung des 1789 erbauten „Vierständer-Durchgangsdielenhauses“, wie es ein Schild des „Kulturpfades Schaumburg“ ausweist. Man kann den Erhalt dieses bauhistorischen Kleinods mit dem zentralen Lehmofen auch als künstlerisch wertvoll einstufen.

Schon seit früher Jugend schöpfte Frieder Korff aus seiner künstlerischen Ader. Immer stärker in den Vordergrund traten Zeichnen, Malerei und vor allem Fotografie, als der Bückeburger Künstler und Kunsterzieher Herbert Klingst (1913-1998) ihn einlud, mit anderen Schaumburger Künstlern die Jahresausstellung im Torhaus der Schaumburg zu beschicken.

Doch der Glasmacher kommt auch im künstlerischen Paralleluniversum von dieser ebenso harten wie zerbrechlichen Materie nicht los. Anfang der Achtziger Jahre macht er in einem kleinen Brennofen erste Versuche mit der aus Amerika herübergeschwappten Fusingtechnik. Während beim Glas-Blasen und beim Glas-Guss zähflüssiges Glas aus einer Schmelze entnommen und vor seiner Erstarrung im heißen Zustand geformt wird, findet beim Glas-Fusing die kreative Arbeit am kalten Rohstoff statt.

Diese Technik hat Frieder Korff am eigenen Ofen in der Atelierhütte im Garten in den zurückliegenden Jahren immer mehr verfeinert, sich an immer neue Prozesse herangewagt.
Doch immer wieder kommt der 1936 in einer antifaschistischen Arbeiterfamilie geborene rüstige Senior zurück auf sein wichtigstes Anliegen. „Gegen das Vergessen“ arbeitet Korff immer wieder, nie nachlassend, direkt und provokant wie in jungen Jahren. Seine „Glasarbeiten zur Pogromnacht“ nannte sein Freund im Geiste, der viel zu früh verstorbene Rolf-Bernd de Groot eine „durchweg schnörkellose Anklage gegen politischen Terror, gegen Gewalt und Krieg“.

So gilt Korffs Engagement über die eigene Kate, die eigene Werkstatt, über die eigenen Arbeiten hinaus der Resozialisierung der zum Lagerhaus verkommenen Synagoge in Stadthagen. Als Beisitzer im Vorstand des Fördervereins geht ihm vieles zu langsam, zu bürokratisch – manchmal auch zu kleinlaut. 13 neue Fenster sollen hier Licht ins Dunkel der Vergangenheit bringen. Dafür hat der Glasmacher aus dem Walde künstlerisch und auch politisch überzeugende Entwürfe vorgelegt. Die sollen bis zum kommenden Sommer realisiert sein. Frieder Korff hofft, dass dieser Zeitplan eingehalten werden kann. Doch der Ausdruck in den wachen, klugen Augen über dem Stoppelbart verrät Skepsis.

Der Blick ins Atelier, sogar in den noch nicht angeheizten aber schon beschickten Brennofen. Ein Gang durch den Garten mit vielen Objekten aus ganz verschiedenen Schaffensperioden. Und mittendrin ein Glaspavillon. Darin neben dem Lehnsessel auf dem Tisch ein Nachtsichtglas. „Damit beobachte ich in der späten Dämmerung die Fütterungsflüge der alten Schleiereulen. Und manchmal schlafe ich dabei auch ein“. Frieder Korff, doch ein „Kauz“? Ein Könner allemal. Und ein Mahner, der weiß, dass nicht nur Glas zerbrechlich ist. soe

Aktuelle Ausstellung: Galerie Winkelmann, Wunstorf (bis zum 6. September) .

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