Volltextsuche über das Angebot:

6 ° / 4 ° Regen

Navigation:
„Eine offene Rechnung“: Die Wahrheit und ihr Preis

Landkreis / Kino „Eine offene Rechnung“: Die Wahrheit und ihr Preis

So eine Geschichte könnte für ein ganzes Heldenleben reichen: Die junge Mossad-Agentin liegt schon am Boden, sie blutet stark im Gesicht, aber sie rappelt sich noch einmal auf, schleppt sich zur Treppe – und dann erschießt Rachel mit letzter Kraft den flüchtenden Mann, den „Chirurgen von Birkenau“, der im Zweiten Weltkrieg Tausende von Juden bei bestialischen Versuchen gequält und gefoltert hat.

Von Stefan Stosch
1965 im grauen Ostberlin soll sich diese ruhmreiche Episode ereignet haben, für die Rachel (Jessica Chastain, soeben noch als ätherische Mutter in Terrence Malicks Familiendrama „The Tree of Life“ im Kino) noch drei Jahrzehnte später in ihrer Heimat verehrt wird (nun gespielt von der Oscar-Preisträgerin Helen „The Queen“ Mirren). Soeben hat Rachels Tochter ein Buch über ihre Mutter geschrieben, halb Israel hat applaudiert.

Seltsam nur, dass die sonst so toughe Frau mit der Narbe im Gesicht beinahe unangenehm berührt dreinblickt, wenn sie nun erneut ins Scheinwerferlicht gerückt wird. Stimmt an Rachels Geschichte womöglich etwas nicht?

Das ist der Knackpunkt in John Maddens Politthriller „Eine offene Rechnung“, der im Schatten des Holocausts steht, aber noch viel mehr von den Schwierigkeiten im Umgang mit der Wahrheit handelt. Rachels weiteres Leben und das der beiden anderen Spione Stefan (Marton Csokas) und David (Sam Worthington, bekannt aus „Avatar“) gründet auf einer aus der Not heraus geborenen Lüge. Damit hat die Agentin Rachel aber nicht nur sich selbst, sondern auch ihr Land Israel hinters Licht geführt, das erst vor weniger als zwei Jahrzehnten mit hohem moralischem Anspruch in die Weltgeschichte getreten ist.

„Eine offene Rechnung“ basiert auf einem originär israelischen Stoff, dem Thriller „Ha-Hov“ von 2007 (Regie: Assaf Bernstein). Man kann sich vorstellen, wie diese Geschichte am Selbstverständnis Israels kratzt. Nun nimmt sich der britische Film- und Theaterregisseur John Madden („Shakespeare in Love“) mit einem internationalen Team der Geschichte an – die nationale Selbstvergewisserung fällt folglich aus.

Stattdessen schildert der Regisseur ein unglamouröses und psychisch belastendes Agentenleben im Kalten Krieg, so ähnlich wie das bereits Steven Spielberg in seinem Thriller „München“ getan hat. Zugleich setzt Madden auf ein Beziehungsdrama zwischen den drei blutjungen Agenten, das bis in die erzählte Gegenwart hineinreicht.

Elegant wechselt der Regisseur dabei zwischen den Zeitebenen. Nun, Mitte der neunziger Jahre, holt die Vergangenheit die früheren Agenten wieder ein. Berichte über einen ehemaligen NS-Arzt in der Ukraine sind aufgetaucht. Könnte es sich tatsächlich um den „Chirurgen von Birkenau“ handeln? Noch einmal steht Rachel vor der Frage, ob sie reinen Tisch machen soll. Noch einmal bricht sie auf, um die Sache zu einem Ende zu bringen. So oder so.

„Eine offene Rechnung“ ist ein handfester und schnörkellos erzählter Politthriller, dem man gerne über beinahe zwei Kinostunden folgt. Nur am Ende in der Ukraine lässt der Regisseur allzu viel Blut fließen. Das wäre nicht nötig gewesen bei einem so feinfühlig aufspielenden Ensemble. Schuld, die nicht vergeht: Solide Agentenstory.

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Möchten Sie uns zu diesem Artikel Ihre Meinung sagen? Dann schicken Sie uns einen Leserbrief.

Leserbrief schreiben

Online suchen, Angebot finden, einkaufen gehen: Das steckt in Kurzform hinter „Kauf hier – lokal & digital“. Eine Auswahl aktueller und preislich besonders attraktiver Produkte finden Interessierte stets auf unserer Homepage... mehr

Schaumburg