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Einer, der sich treu geblieben ist

Zu Besuch im Autohaus Hille Einer, der sich treu geblieben ist

Das Autohaus Hille wirkt ein bisschen wie aus einer anderen Zeit. Dafür hat es sich einen ganz eigenen Charme bewahrt. Schon beim Eintreten werden Kunden von einem grinsenden Charlie Chaplin begrüßt. 

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Ihr Herz schlägt füreinander und für Autos: Waltraud und Siegfried Hille.

Quelle: pr.

Stadthagen. "Bitte bedienen Sie sich“ steht neben einem selbstgemalten Smiley auf dem lebensgroßen Pappaufsteller. Der ausgestreckte Zylinder ist voll mit Bonbons – eine süße Begrüßung für jeden, der durch die Tür kommt.

 Mit seinem langen, inzwischen grauen Vollbart erinnert Siegfried Hille im ersten Moment eher an einen Schiffskapitän denn an einen Autohausbesitzer. „Gemütlich hier, oder?“, begrüßt er uns mit einem Blick, der mehr Feststellung ist als Frage. Dass er sich sein Büro gleich neben dem Eingang gemütlich eingerichtet hat, ist nicht zu übersehen. 

 Alte Bücher stapeln sich neben Andenken aus aller Welt, und ein altes Wählscheibentelefon erinnert an die siebziger Jahre. Da gab es das Autohaus Hille an dieser Stelle schon längst. Viel, so darf man vermuten, hat sich hier seitdem äußerlich nicht verändert.

 Siegfried Hille hat sein ganz eigenes System, um nicht den Überblick zu verlieren. Frei nach dem Motto: Das Genie beherrscht das Chaos. Eine komplette Regalwand voller Fahrzeugakten macht einmal mehr deutlich, dass dieses Unternehmen nicht erst seit gestern existiert. Schon seit 71 Jahren residiert die Firma an der Habichhorster Straße. Viele der größtenteils Stammkunden sind ihr seit Jahrzehnten treu.

 Gegenüber aus dem Ausstellungsraum, der hier noch nicht Showroom heißt, dringt aus etwas angestaubten Lautsprechern poppige Musik. Im Scheinwerferlicht stehen mehrere Autogenerationen fein säuberlich poliert nebeneinander: vom selbst restaurierten Fiat Panda bis zum brandneuen Modell des Fiat 500.

 Auch bei der Dekoration regiert Vielfalt: Ostereier baumeln an den Zimmerpflanzen, im Schaufenster stehen kleine Holz-Wildschweine neben lustigen Schneemännern. Einen auffälligen Kontrast dazu bildet die vom Autohersteller gesponserte, supermoderne Lounge-Ecke mit einer beleuchteten Skyline und roten Ledersitzsäcken. „Da komm ich zwar rein, aber nicht wieder raus“, sagt Siegfried Hille schmunzelnd und deutet mit dem Finger auf das italienische Designer-Mobiliar.

 Im Nebengebäude erwartet Besucher ein Labyrinth aus Werkstätten, Büros und Lagerräumen. Was auf den ersten Blick noch recht überschaubar wirkt, entpuppt sich als 5000-Quadratmeter-Gelände.

 Siegfried Hille hat trotzdem oder vielleicht auch gerade deshalb gern alles im Blick. „Das hier war mal mein altes Büro, aber es war mir zu weit weg vom Geschehen“ erzählt er, nachdem er eine Tür am Ende des Ganges geöffnet hat. Zum Vorschein kommt eine Abstellkammer mit Bücherstapeln aus vergangenen Jahrzehnten und meterhohen Aktentürmen.

 Das Verkaufsbüro, das der 72-Jährige als „Reich meiner Frau“ bezeichnet, ist hingegen um einiges schicker und geräumiger. Kennengelernt haben sich in den Siebzigern hier im Autohaus. „Ich erinnere mich noch gut“, berichtet Waltraud Hille sichtlich amüsiert, „damals war ich hier mit meinem alten Austin. Der hatte Probleme mit dem Anlasser.“

 Es waren die Zeiten, in denen hier überwiegend englische Autos verkauft wurden. Marken wie Austin und Rover, die längst von der Bildfläche verschwunden sind. Später war das Autohaus Hille erste Adresse für Kunden mit einem Faible für die seinerzeit noch sehr kantigen Autos des schwedischen Herstellers Volvo. Seit vielen, vielen Jahren ist die italienische Autowelt nun hier zu Hause. Aber egal, welche Marke Siegfried und Waltraud Hille gerade vertreten haben, sie haben es immer aus Überzeugung und mit Leidenschaft getan.

 Das Ehepaar ist ein eingespieltes Team. Sie kümmert sich um die Bankgeschäfte, den Ein- und Verkauf. Er macht den Rest.

 Siegfried Hilles Herz hat für Autos geschlagen, so lange er zurückdenken kann. Seine Lehre begann er mit 13 Jahren dort, wo er heute sitzt. Sein damaliger Chef war nicht nur Inhaber und Gründer des Autohauses, sondern auch sein Vater: Erich Hille. 

 „Zu Hause lernen ist die Höchststrafe,“ nuschelt Hille in seinen Bart. Längst hat er das Sagen und seine eigenen Mitarbeiter wissen ihn zu schätzen. Denn hier ist im Gegensatz zu größeren Arbeitgebern alles noch sehr persönlich. Hille weiß viel Privates von seinen Leuten, beispielsweise auch, wenn es mal irgendwo zu Hause Probleme gibt. Er hat ein offenes Ohr für Sorgen und Nöte, hilft, wo er kann. Die Belegschaft – sie ist wie eine Familie.

 Doch die Zukunft des Autohauses ist noch ungewiss. In gut drei Jahren möchte Siegfried Hille sich zur Ruhe setzen. Dann ist er 75. Andere in seinem Alter haben da schon zehn Jahre und länger die Beine hochgelegt. Problem: Ein Nachfolger, der die Firma übernimmt, ist bislang nicht in Sicht. Sicher, Interessenten gibt es, sagt Hille und fügt dann etwas schnoddrig hinzu: „Leider sind viele davon Vollpfosten.“ Seiner Frau und ihm sei es eben nicht egal, wie es weitergeht. Die Persönlichkeit des „freundlichen Autohauses“ müsse gewahrt bleiben. Ebenso die Fürsorge für die derzeit acht Mitarbeiter. 

 

 „Eine Sache kann ich Ihnen noch zeigen“, sagt der Autonarr und führt uns zum gelb verputzten Haus gegenüber. Hier ist er geboren, aufgewachsen und bis heute wohnen geblieben. Aus seiner Tasche holt der 72-Jährige einen mindestens anderthalb Kilo schweren Schlüsselbund und greift zielstrebig den passenden für das Holztor. Dahinter verbirgt sich Hilles ganzer Stolz: ein selbst restauriertes Tempo-Dreirad in Knallrot. Daneben die „Ente“ seiner Frau. Darin würde Waltraud Hille am liebsten wieder durch die Gegend düsen, doch dafür fehlt momentan die Zeit. Im Urlaub erkundet das Paar lieber ferne Länder, nach Möglichkeit auf eigene Faust.

 Als wir schließlich einen Stapel Fotoalben durchblättern, wird uns klar, wie viele Jahre Tradition hinter diesem auf den ersten Blick so unscheinbaren Autohaus in Wirklich stecken. Wir entdecken ein altes Polaroid, auf dem Waltraud und Siegfried Hille posieren. „Früher waren wir aber hübscher“, sagt sie laut lachend, worauf ihr Mann schlagfertig kontert: „Ach, Waltraud, wir sehen doch heute auch noch klasse aus!“

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