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Landkreis / Die Psychiatrische Besuchskommission kommt meist unangemeldet / Betten auf dem Flur, Demenzkranke eingesperrt Erwischt

Sie kommt meist unangemeldet: die Besuchskommission des Ausschusses für die Angelegenheiten der psychiatrischen Krankenversorgung. Es gibt Einrichtungen, die nicht bereit sind, ihr die Tür zu öffnen.

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Auch wer dement ist und sich nicht mehr an seinen Namen erinnern kann, hat noch Rechte, die es zu schützen gilt.

Ein Mitglied der Besuchskommission für das Gebiet Hannover ist die Rintelner Ratsfrau und ehemalige Landtagsabgeordnete der Grünen, Ursula Helmhold (Bild). Auch die Landkreise Schaumburg und Hameln-Pyrmont gehören zu ihrem Bezirk. Ein weiterer Schaumburger, Andreas Landmann, Geschäftsführer der Hof Windheim GmbH aus Probsthagen, ist der stellvertretende Vorsitzende im landesweiten Psychiatrieausschuss.

Die Psychiatrie gerät immer wieder in die – meistens negativen – Schlagzeilen. Der Eindruck, der dadurch in der Öffentlichkeit entstehe, sei falsch, sagt Helmhold. Sie habe in den inspizierten Krankenhäusern, Kliniken und Heimen „viel gute Arbeit gesehen“. Es gebe zwar Missstände, aber in den meisten der betroffenen Einrichtungen sei man bemüht, diese auch zu beheben. „Grundsätzlich funktionierten die Kontrollsysteme“, sagt Helmhold.
Aber eben nicht immer. Helmhold nennt ein Beispiel: „Bei einem Besuch in einem geschlossenen Heim in Steinbergen haben wir im Keller in einer Werkstatt einen jungen Mann angetroffen, bei dem wir uns gefragt haben, warum er dort sitzt. Wir bekamen als Antwort vom Pflegepersonal, der Mann sei antriebsarm, bekomme nichts auf die Reihe, müsse unter Aufsicht bleiben.“ Hinterher habe sich herausgestellt, dass der junge Mann mit dem Zug nach Göttingen gefahren sei, um sich dort bei seinem Arzt zu beschweren, er werde in Steinbergen in den Keller gesperrt. Helmhold: „Da kann man doch kaum von antriebsarm sprechen.“

Die Probleme, auf die die Besuchskommission immer wieder aufmerksam werde, seien meist nicht in Fehlleistungen einzelner Mitarbeiter begründet, sondern eher struktureller Natur: knappes Personal, hohe Fluktuation, Überbelegung.
So seien beispielsweise in der Gerontopsychiatrie Nachtwachen häufig unterbesetzt. Da werden Betten mit schlafenden Patienten auf den Flur geschoben.

Dann gebe es Probleme, die durch schwierige bauliche Verhältnisse entstanden sind und durch begrenzte finanzielle Ressourcen. Auch dafür gebe es meist keine schnellen Lösungen. Selten seien dagegen Situationen, in denen vorsätzlich gegen geltendes Recht verstoßen werde.

Ein Vorteil der Kommission sei, dass sie „breit aufgestellt“ ist. Richter, Ärzte, Heimbetreiber, Angehörige, Betroffene und Politiker gehören ihr an. Das garantiere, sagt Helmhold, dass man eine Situation aus verschiedenen Blickwinkeln beurteilen könne. Die Kommission komme schon deshalb meist unangemeldet, „weil wir den Alltag sehen wollen, nicht das, was man speziell für uns arrangiert hat“.

Fragen können sein: Hängt ein Plan für die Beschäftigungstherapie im Flur aus? Stimmen Papier und Wirklichkeit überein? Werden tatsächlich psychisch Kranke im Bastelraum oder einer Singgruppe angeleitet und beschäftigt? „Das ist keineswegs selbstverständlich, denn Einrichtungen mit knappem Budget sparen zuerst beim Personal“.

Andere mögliche Probleme: Demente etwa hätten Bewegungsdrang und wollten an die frische Luft. Das müsse in einem Heim gewährleistet sein. Manchmal werde Wegsperren geschönt mit Begriffen wie „geschützter Bereich“. Helmhold: „Stellen wir dann fest, dass Bewohner in einem Raum eingeschlossen sind mit einem versteckten Drehknopf an der Tür, der nur vom Pflegepersonal genutzt werden kann, sprechen wir das an.“
In kritischen Fällen kann die Kommission Behörden informieren, eine Mängelrüge gegen den Träger veranlassen, die Landespolitik einschalten.

Die Besuchskommission für den Bezirk Hannover hat im Vorjahr dieses Jahres 27 Visiten durchgeführt. Sie erlebe bei der Arbeit in der Kommission immer wieder, schildert Helmhold, auf welch schmalem Grat man sich im Umgang mit psychisch Kranken, dementen und verwirrten Menschen bewegt: Da hat ein Großvater eine Frau aus Afrika kommen lassen, einen Juwelier ins Haus bestellt und ein Modegeschäft. Die Frau konnte sich Schmuck und Kleider aussuchen. Das hat den potenziellen Erben nicht gefallen, weil das Geld weg war. Aber ist das bereits die Rechtfertigung für eine Entmündigung? Ist es gar gerechtfertigt, den Mann in eine geschlossene Einrichtung einzuweisen? Zuerst müsse man sich grundsätzlich fragen: Liegt eine Eigen- oder Fremdgefährdung vor oder nicht? Wichtig sei, dass ein Richter mit dem Betroffenen spricht, bevor er entscheidet, was zu tun ist.

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