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Es fehlen Förderschullehrer

Inklusion: Eine Bilanz Es fehlen Förderschullehrer

Seit zwei Jahren werden auch in Schaumburg behinderte und nicht behinderte Kinder gemeinsam unterrichtet. Eine Bilanz.

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Quelle: ber

Von Matthias Berger  

Landkreis. Christoph Wilke stellt das Laufband an und erhöht die Geschwindigkeit. Während neben ihm seine Mitschüler joggen, schwingt sich der 13-Jährige auf das Laufband und prescht auf den Händen gegen die Maschine, sein einziges Bein vor sich gestreckt. Das Training im Fitnessstudio ist Teil des Nachmittagsprogramms der IGS Schaumburg, an der Christoph als Siebtklässler unterrichtet wird

Dass behinderte und nicht behinderte Kinder in einer Klasse unterrichtet werden, ist seit rund zwei Jahren Realität an deutschen Schulen. Doch eine Umfrage des Forsa-Instituts hat gezeigt: Viele Lehrer stehen der Inklusion skeptisch gegenüber. In Schaumburg überwiegt allerdings der Optimismus.

„Inklusion an Schulen ist eine Frage der Haltung“, betont die Leiterin der IGS Schaumburg, Astrid Budwach. „Wir sind als Integrierte Gesamtschule ein auf Heterogenität spezialisiertes System, wir selektieren nicht. Unser Grundverständnis ist inklusiv, durch Schüler mit besonderem Unterstützungsbedarf wird unser Spektrum nur erweitert.“

Christoph hat sich nie für das Thema Inklusion interessiert. „Ich will einfach mein Ding machen und keine Sonderrolle zugewiesen bekommen“, erklärt er nach seiner Laufeinheit.

Eva Wilke freut sich, dass ihr Sohn an der IGS ernst genommen wird. „Mit einer Behinderung fällt man immer auf. Er muss sich immer beweisen und zeigen, dass er auch ein cooler Kerl ist.“ Umso wichtiger sei für ihn, dass die Lehrer ihn machen lassen. Seine Eltern haben sich von Anfang an dafür eingesetzt, dass ihr Sohn, der mit einem Bein geboren wurde, keinen Sonderweg beschreiten muss. „Wir haben einen Antrag bei der Stadt gestellt, dass er in den Stadtkindergarten kommt. Das war nicht ganz einfach. Aber Christoph hat überzeugt“, erzählt Eva Wilke. Auch an der Grundschule am Stadtturm wurde Christoph angenommen, obwohl „Inklusion zu dieser Zeit noch nicht groß geschrieben wurde“, wie Eva Wilke sagt.

Nach Angaben von Georg Bittner, Leiter des Förderzentrums Hans-Christian-Andersen-Schule, führe eine Gesetzesänderung nicht automatisch dazu, dass „alle Beteiligten auch ihre Haltung verändern“. Allerdings „arbeiten wir an den Schaumburger Schulen bereits seit über zehn Jahren daran, Inklusion umzusetzen“.

Eva Wilke hat allerdings die Erfahrung gemacht, dass es „sehr vom Lehrer abhängt, ob ein Kind integriert wird. An der Grundschule hat sich Christoph oft ausgebremst gefühlt, weil er nicht normal mitmachen durfte. Einige Lehrer waren sehr fürsorglich.“

Die IGS Schaumburg ist nach Angaben von Budwach darum bemüht, Kinder mit Unterstützungsbedarf – auch I-Kinder genannt – von Lehrern unterrichten zu lassen, „die sich das zutrauen“. 50 I-Kinder sind derzeit an der IGS Schaumburg, je nach Unterstützungsbedarf bekommt die Schule drei bis fünf Lehrerstunden pro Woche zusätzlich zugewiesen.Dabei wirkt sich allerdings der Fachkräftemangel zuungunsten der Schulen aus. Laut Bittner gebe es einfach zu wenige Sonderpädagogen. Deshalb fordert er: „In der Ausbildung aller Lehrkräfte muss Inklusion fester Bestandteil sein.“

Auch Budwach hat festgestellt, dass es auf die von der Landesschulbehörde frei gegenen Stellen kaum Bewerber gebe. „Förderschullehrer können sich die Stellen aussuchen. Wir profitieren dabei noch von der Nähe zum Uni-Standort Hannover. Es gibt Regionen, in denen der Mangel noch größer ist.“

Die größte Herausforderung, da sind sich Bittner und Budwach einig, liege im Förderbereich emotional-soziale Entwicklung. „Die Schulen sind dadurch aufgefordert, neue Konzepte zu entwickeln. Auch sollte überlegt werden, welches Fachpersonal ergänzend zu den Lehrern die Schüler unterstützen muss“, erklärt Bittner.

Budwach spricht von einem „massiven Förderbedarf“ bei Schülern, die Unterstützung im emotional-sozialen Bereich benötigen. „Unser Ziel ist es, jeden Schüler zum bestmöglichen Abschluss zu führen. Schwierig wird es dann, wenn ein Schüler die anderen stört und aggressiv ist.“ Zwar sei dies ein gutes Sozialtraining für die Mitschüler, „aber irgendwann ist die Grenze erreicht. Wir können nicht alle flüsternd durch den Flur schleichen, weil sich ein Schüler ansonsten gestört, bedroht oder angegriffen fühlt. Die Rechte der anderen dürfen nicht inakzeptabel beschnitten werden.“

Damit Inklusion an ihrer Schule gelinge, brauche sie „wirklich gute Lehrer, die die Herausforderung annehmen, und einen Grundsockel an kompetenten Förderschullehrern“, erklärt Budwach.

Alexandra Prochnow, Leiterin des Geschäftsbereichs Bildung & Qualifizierung der Paritätischen Lebenshilfe Schaumburg-Weserbergland, geht noch einen Schritt weiter. „Das herkömmliche Schulsystem sollte überdacht werden.“ Tief greifendere Veränderungen seien erforderlich. Als möglichen Ansatz nennt Prochnow den Ausbau von Kooperationen zwischen Tagesbildungsstätten und Regelschulen. Die Lebenshilfe sei sehr interessiert daran, derartige Kooperationen mit Schaumburger Schulen einzugehen.

Rücksichtsvolle Mitschüler 

Sonderpädagogische Beschulung ist an der Grundschule am Sonnenbrink bereits seit zehn Jahren eingeübt – eine gute Voraussetzung für den weitergehenden Schritt. Im zweiten Jahrgang wird inklusiv unterrichtet. Neu dabei sind drei Kinder mit Unterstützungsbedarf im Bereich geistige Entwicklung. Zwei besuchen eine erste Klasse, ein Kind die zweite Klasse. Für alle drei zusammen steht eine Lehrkraft von der Rodenberger Förderschule am Deister zur Verfügung, insgesamt für 15 Stunden in der Woche. Hinzukommt eine pädagogische Mitarbeiterin für zehn Wochenstunden.

In Fächern wie Sachunterricht, Kunst und Sport bleiben die Kinder mit Unterstützungsbedarf ständig in der Klassengemeinschaft. Geht es um Lesen, Schreiben und Rechen sitzen die Kinder zwar auch mit ihren Kameraden in einer Klasse, können diese aber für eine Spielzeit verlassen, wenn die Konzentration arg nachlässt. Dieses ruft in der Klasse keinen Neid hervor. Im Gegenteil: „Die Mitschüler sind sehr rücksichtsvoll“, sagt Schulleiterin Petra Ammon. In der Klasse entwickele sich ein besonderes Sozialverhalten. sk

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