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„Es gefährdet Menschenleben“

DRK-Mitarbeiter klagen über zu wenig Rettungswagen „Es gefährdet Menschenleben“

Die Situation, wie sie von DRK-Mitarbeitern geschildert wird, ist fatal. „Wir arbeiten auf 110 Prozent“, berichten sie, „es gibt zu wenig Rettungswagen“.

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An diesen Standorten befinden sich im Landkreis die Rettungskräfte.

Quelle: jak

RINTELN. „Die Zustände gefährden Menschenleben.“ Unter Zusicherung der Anonymität schilderten mehrere langjährige Mitarbeiter dieser Zeitung ihre Sicht. Seit dem 1. August steht in Rinteln nachts ein Rettungswagen weniger zur Verfügung. Der Unmut in der Belegschaft sei groß, berichten die Insider, „die Motivation ist auf null.“

Schon vor dem 1. August sei man eigentlich unterbesetzt gewesen. Aber spätestens jetzt gefährde die Situation Menschenleben. Doch der zweite 24-Stunden-Rettungswagen in Rinteln war nur aufgrund der zusätzlichen Fahrten durch die Prince Rupert School eingesetzt worden. Bezahlt wurde er direkt vom Innenministerium. Nach Schließung der Erstaufnahmeeinrichtung wurde auch der Vertrag aufgelöst.

„Natürlich hätten wir auch gerne mehr Rettungskräfte“, betont Kreissprecher Klaus Heimann, „aber wir sind an Gesetze gebunden.“ Derzeit werde gerade von einem externen Gutachter ein neuer Bedarfsplan erstellt. Allerdings nicht, weil der Landkreis einen akuten Mangel in der derzeitigen Situation sehe. Sondern weil mit dem neuen Klinikum in Vehlen eine neue Situation entstehe.

Theoretisch sind 95 Prozent viel – in der Praxis nicht immer 

Das Rettungswesen ist ein komplexes Thema. Es kann aus zwei Perspektiven betrachtet werden. Theoretisch oder praktisch. Vom Schreibtisch aus, oder von der Straße. „Zahlen, Daten, Fakten, oder gefühlte Temperatur“, wie es DRK-Geschäftsführer Bernd Gerberding ausdrückte.

Auf der einen Seite sitzt der Landkreis, der einen Bedarf ermitteln und bedienen muss. Wie viele Einsätze welcher Art finden wann statt und wie viele Rettungskräfte müssen an welchem Standorten bereitgestellt werden. Das lässt sich am Schreibtisch gut entscheiden. Gesetze regeln genau, was gewährleistet werden muss. Die Kostenträger (in erster Linie sind das die Krankenkassen) bezahlen nicht mehr als das, was notwendig ist.

In 95 Prozent der Fälle sollen Einsatzkräfte innerhalb von 15 Minuten vor Ort sein, das regelt das Niedersächsische Rettungsdienstgesetz. Der Landkreis Schaumburg erfüllt diese Aufgabe haarscharf. Im Zeitraum Juli 2015 bis April 2016 lag der Durchschnittswert bei 95,68 Prozent. 2016 gab es rund 12000 Rettungsdiensteinsätze.

Das bedeutet im Umkehrschluss, bei 4,32 Prozent der Notfälle im Landkreis kommt der erste Rettungswagen erst nach mehr als 15 Minuten. Das sind mehr als 500 Notfälle, bei denen der erste Rettungswagen erst nach mehr als 15 Minuten angekommen ist. Für den Gesetzgeber ist das okay.

Druck in den vergangenen Jahren gestiegen

Die andere Perspektive ist die der Einsatzkräfte vor Ort. Jene Rettungssanitäter und Notärzte, die verletzten, manchmal sterbenden Menschen beistehen müssen. Die in 95,68 Prozent der Fälle rechtzeitig kommen. Aber bei 500 Notfällen im Jahr eben nicht. Und wenn es sich auch nur bei einem kleinen Teil dieser 500 um lebensbedrohliche Fälle geht, gefühlt ist das schrecklich. „Natürlich haben sie den berechtigten Anspruch, jedes Menschenleben zu retten“, sagt Kreissprecher Klaus Heimann.

Doch aus planerischer Perspektive sei das als unmöglich sicherzustellen. Auch ein zusätzlicher Rettungswagen würde die Hilfsfrist nicht in 100 Prozent der Fälle einhaltbar machen– auch fünf zusätzliche Wagen nicht.

Dennoch, die Frustration und der Stress im Rettungsberuf sind real. Obwohl alle Gesprächspartner betonen, dass sie ihren Job an sich gerne ausüben, sei der Druck in den letzten Jahren und Jahrzehnten deutlich gestiegen.

Manche Mitarbeiter sprechen davon, dass die Zahlen „geschönt“ sein müssten. Zu sehr driften persönliches Erleben auf den Wachen und „offizielle“ Zahlen auseinander.

Landkreis und DRK betonen, sie hätten doch gar kein Interesse daran, Zahlen zu schönen. „Wir sparen damit kein Geld ein“, betont Kreissprecher Heimann. Die Krankenkassen seien gesetzlich verpflichtet, die Kosten zu übernehmen. Allerdings nur im Rahmen dessen, was der Gesetzgeber (in diesem Fall das Land Niedersachsen) vorsieht.

Zahlen wurden vierteljährlich überprüft 

Vorwerfen könnte man dem Landkreis vielleicht, nicht früh genug einen neuen Bedarfsplan aufgestellt zu haben. Die Situation mit den drei Kliniken im Landkreis veränderte sich in den letzten Jahren so schnell, dass vielleicht schneller hätte gehandelt werden müssen. Doch Heimann weist darauf hin, dass die Zahlen vierteljährlich überprüft würden. Anfang 2015 wurde im Rahmen dieser Überprüfung der Einsatzzeitraum eines RTW in Sachsenhagen auf die Nachtstunden ausgewiesen. Weitere Nachjustierungen seien nicht notwendig gewesen. Auch Rettungsdienst-Geschäftsführer Bernd Gerberding sah bisher keinen weiteren Bedarf zu handeln.

Etwa 550000 Euro würde ein zusätzlicher, 24 Stunden lang besetzter Rettungswagen an einem bestehenden Standort kosten. Etwa 250000 Euro würde es kosten, die Einsatzzeit eines Rettungswagens in Rinteln auf 24 Stunden zu erweitern.  jak

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