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„Es ist viel hektischer geworden“

40 Jahre - 40 Köpfe „Es ist viel hektischer geworden“

Die Schaumburger Nachrichten blicken in diesem Jahr auf eine 40-jährige Geschichte zurück. In unserer Serie „40 Jahre - 40 Köpfe“ lassen wir Menschen zu Wort kommen, die uns in dieser Zeit auf die eine oder andere Weise begleitet haben. Schaumburger, die in den zurückliegenden vier Jahrzehnten eine wichtige Rolle im öffentlichen Leben und damit auch in der Berichterstattung der SN gespielt haben.

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Ernst Kastning 1981 mit Willy Brandt bei einer SPD-Versammlung in Bad Nenndorf.

Quelle: pr.

Landkreis. Als 1975 die erste Ausgabe der Schaumburger Nachrichten erschien, gehörte Ernst Kastning in der hiesigen Region zu den prägenden politischen Köpfen. Zu dieser Zeit war der spätere SPD-Landtags- und Bundestagsabgeordnete hier Vorsitzender des SPD-Unterbezirks und Fraktionschef im Kreistag des damaligen Landkreises Schaumburg-Lippe.

Von diesen Positionen aus hatte er die Gebietsreform von 1977 mit zu managen, bei der die Landkreise Schaumburg-Lippe und Grafschaft Schaumburg verschmolzen. „Eine „tolle, aber sehr stressige Aufgabe“ sei das gewesen, erinnert sich der heute 76-Jährige. Beispiel Personalien: Es konnte statt bis dahin jeweils zwei Landräte und Oberkreisdirektoren nur noch je einen geben. „Diese kniffligen Personalentscheidungen waren letztlich rein parteiintern zu klären, weil es alles Sozialdemokraten waren.“

Es habe gegolten, „verschiedene innerparteiliche Strömungen zu berücksichtigen“, so Kastning. Viele lange Sitzungen, Telefonate und Einzelgespräche seien nötig gewesen. „Und ich war der junge Spucht, der zwischen den vielen Älteren zu moderieren hatte“. Kastning im Rückblick zufrieden: „Am Ende stand ein Personalkonzept, das meine Handschrift trug.“

„Eine schlaflose Nacht“ verbrachte der Müsinger 1978, als er „über die Landesliste gerade noch so in den Landtag hineinrutschte“. Seine fünf Jahre im Landesparlament seien vor allem durch schulpolitische Themen geprägt gewesen. Im Mittelpunkt stand der Streit um die aufkommende Gesamtschule.

„Wir haben mit großem Einsatz dafür gekämpft, diese Schulform hoffähig zu machen“, erinnert sich der überzeugte IGS-Befürworter. Auf Kreisebene habe er zeitgleich an der Bildung von so genannten Mittelpunktschulen in den Samtgemeinden, etwa in Helpsen, mitgewirkt. „Das sollte die Bildungschancen von Kindern auf dem Land erhöhen und war strategisch angelegt als eine pragmatische Vorform der IGS“, reflektiert der Sozialdemokrat.

1983 wechselte Kastning in den Bundestag, dem er bis 1998 angehörte. Acht Jahre davon war er im wichtigen Haushaltsausschuss Berichterstatter für den Verteidigungsetat. Das eindrücklichste Erlebnis während seiner Zeit in Bonn? „Noch heute bekomme ich eine Gänsehaut, wenn ich an den 9. November 1989 denke, als die Sitzung unterbrochen wurde, weil die Mauer geöffnet worden war und alle aufstanden und die Nationalhymne sangen.“

Als Kastning 1998 aus persönlichen Gründen nicht wieder antrat, folgte ihm Sebastian Edathy als hiesiger Mandatsträger nach. Fünf Jahre lang hatte dieser zuvor in Kastnings Bonner Abgeordnetenbüro gearbeitet. Obwohl Kastning sich gegen diesen Begriff wehrt, gilt er verbreitet als „Ziehvater“ Edathys. Heute zeigt er sich bitter enttäuscht über seinen Nachfolger: „Ich fühle mich politisch von ihm betrogen wie sicher auch viele Wähler, die ihn unterstützt haben.“ Nach wie vor fehle eine angemessene Entschuldigung, „für die es mittlerweile auch schon zu spät ist“, wie Kastning hinzufügt.

„Es ist viel hektischer geworden“, antwortet der Polit-Rentner auf die Frage, was den heutigen Politikbetrieb von dem vor 40 Jahren unterscheidet. Man verliere sich heute viel in Details. „Um über die großen Linien von Entwicklungen nachzudenken, nimmt man sich zu wenig Zeit“. Daher passiere vieles sprunghaft, Kontinuität von Entscheidungen sei oft nur schwer erkennbar. „Es geht mir heute oft ein bisschen hoppla-hopp“, kommentiert Kastning.

Er selber kann als Rentner Ruhe genießen und tut das auch ganz bewusst. Ein Jahrzehnt als ehrenamtlicher Awo-Kreisvorsitzender ist 2012 zuende gegangen. Eines seiner Hobbies ist die Pflege des Plattdeutschen: „Ich gehe regelmäßig zu zwei Kreisen, wo das gesprochen wird“, erzählt er mit zufriedenem Lächeln. ssr

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