Volltextsuche über das Angebot:

11 ° / 6 ° wolkig

Navigation:
Fleischern geht der Nachwuchs aus

Keine Auszubildenden bislang Fleischern geht der Nachwuchs aus

Erstmals in diesem Jahr, meldet die Fleischerei-Innung im Schaumburger Land, gibt es bisher keinen einzigen Schulabgänger, der Fleischer werden will. Obermeister Walter Hardekopf aus Lindhorst ist zwar optimistisch, manchmal melde sich da jemand noch in letzter Minute. Aber das klingt eher wie Pfeifen im dunklen Wald.

Voriger Artikel
Weicht Schule auf Pavillons aus?
Nächster Artikel
Banken zunehmend unter Druck

Die Wurstabfüllmaschine, an der Veit Rauch arbeitet, wird von einem Computer gesteuert.

Quelle: wm

Landkreis. Es ist paradox. Der Fleischkonsum hat sich in den vergangenen 50 Jahren fast verdoppelt, gleichzeitig ist die Zahl der selbstständig handwerklich betriebenen Fleischereien geschrumpft. Je nachdem, wie man die Statistiken lesen will, um die Hälfte oder sogar zwei Drittel.
Das zweite Problem: Weil es kaum mehr Nachwuchs gibt, verschlechtern sich die Rahmenbedingungen. Hardekopf schildert, Azubis müssten zur Schule nach Hannover fahren, die Klasse in Stadthagen gebe es nicht mehr. „Viele Betriebe bilden nicht mehr aus, sogar Bauerngut in Bückeburg hat die Ausbildung eingestellt. Ausgebildet wird nur noch in der Niederlassung in Sachsen-Anhalt.“
Dass die handwerklich betriebenen Fleischereien weniger werden, da muss Hardekopf bloß auf die Mitgliederliste schauen: Gerade mal acht Betriebe gehören in Schaumburg noch zur Innung, darunter auch Edeka und Bauerngut. Bleiben sechs Fleischer im klassischen Sinn.
Wie drastisch sich das Handwerk gewandelt hat, dafür bietet Rinteln ein Bild, das man auch auf das ganze Land übertragen kann. Vor allem in den vergangenen zehn Jahren haben Fleischereien mit bekannten Namen geschlossen: Bei Lehmeier hängt noch das Schild zu vermieten, bei Hartmann ein paar Häuser weiter, wird jetzt Kleidung verkauft. Die Fleischerei Knübel heißt jetzt „Haus Kerstin“ und gehört zum Hotel Stadt Kassel. Geschlossen hat im Vorjahr die Fleischerei Seifert in Steinbergen.
Das ist die eine Seite. Die andere: Es gibt auch eine Zukunft. Wie das funktionieren kann, zeigt Veit Rauch, der eine 125-jährige Tradition in 5. Generation weiterführt und sich mit seiner Fleischerei in der Markthalle erfolgreich gegen die Konkurrenz der Discounter, Supermärkte und Hofläden stemmt.
Rauch sagt: „Die Lösung war wachsen.“ Und er wagte den Schritt vom Verkauf belegter Brötchen zu einem richtigen gastronomischen Angebot und gab ihm gleich einen pfiffigen Namen, den man im Kopf behält: „WeserCurry“. Allein der Mittagstisch, schildert Rauch, mache heute rund 25 Prozent des Umsatzes aus, dazu kommt noch Catering und Partyservice. Dann müsse man eine Marke aufbauen: Die Rauch-Bratwurst kennt man auch im Nordkreis.
Was Rauch außerdem wichtig ist: „Ein Handwerker muss heute wie ein Kaufmann denken.“ Er macht gerade Teewurst und erläutert es an diesem Beispiel: Um große Chargen zu verarbeiten, die sich wirtschaftlich rechnen, braucht man Maschinen. Die kosten viel Geld. Dann braucht man Filialen, um eine so große Menge verkaufen und den Umsatz generieren zu können.
Rauch hat vier Fachgeschäfte, das Stammgeschäft in der Ritterstraße, das zweite in der Markthalle in Rinteln, dann Filialen in Rodenberg und Haste. Eine fünfte Filiale kommt in Lauenau dazu, die er voraussichtlich nach dem Umbau eines Fachwerkhauses im Frühjahr nächsten Jahres eröffnen will. Heute beschäftigt Rauch 36 Mitarbeiterinnen. „Auf der Meisterschule in Landsberg hat man uns erzählt: Die Besserverdienenden schätzen handwerkliche Fleischerkunst und können sie sich auch leisten, Geringverdiener gehen zum Discounter, Kampfgebiet ist also der Mittelstand. Das gilt noch heute.“
Rauch ist nach wie vor überzeugt, dass das klassische Fleischerhandwerk Zukunft hat und damit auch eine Ausbildung als Fleischer. Die Frage sei nur: „Wie junge Leute für den Job begeistern?“ Leider hätten viele Schulabgänger noch ein falsches Image über den Metzgerberuf im Kopf, die glaubten man wate durch Blut und Dreck. „Es ist nicht mehr so wie vor hundert Jahren.“ Deshalb werde das Fleischerhandwerk oft als letzte Option gesehen, „nachdem der junge Mann bereits ein Berufsgrundbildungsjahr Holz und dann ein Jahr Metall hinter sich hat“.
„Schauen sie sich hier um“, sagt Rauch, „wir sind ein Lebensmittel verarbeitender Betrieb und Dienstleister. Rauch zeigt auf den Wurstfüllautomaten, den er gerade bestückt: „Der Fleischer gibt noch das spezielle Rezept vor, die Zutaten, den Rest macht die Maschine, der Computer.“ Und mit dem könnten seine jungen Mitarbeiter fast schon besser umgehen als er selbst. wm

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Möchten Sie uns zu diesem Artikel Ihre Meinung sagen? Dann schicken Sie uns einen Leserbrief.

Leserbrief schreiben

Unternehmen quer durch alle Branchen haben sich auch in diesem Jahr wieder an der Aktion der Lions Clubs beteiligt, deren Erlös auch der „Weihnachtshilfe“ der Schaumburger Nachrichten zugute kommt. Hier finden Sie ab dem 1. Dezember die täglich aktuellen Gewinnnummern. mehr

In Ruhe einkaufen, erholsam Urlaub machen, in die Stadtgeschichte eintauchen oder einfach mal in einem der vielen Restaurants und Kneipen die Seele baumeln lassen. Lernen Sie Stadthagen von einer ganz anderen Seite und auf ganz besondere Weise kennen. mehr

Schaumburg