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Flucht vor Verfolgung und Folter

Landkreis Flucht vor Verfolgung und Folter

Die Angst steht ihr ins Gesicht geschrieben. Noch immer schreckt Magdalena Z. (Name von der Redaktion geändert) zusammen, wenn sie ein Klopfen hört. Weil sie um ihr Leben fürchten mussten, hat die fünffache Mutter mit ihrer Familie Russland den Rücken gekehrt und in Deutschland Zuflucht gesucht.

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Trotz schrecklicher Erlebnisse hat die fünffache Mutter ihren Lebensmut nicht verloren. Die Sprache zu beherrschen, ist der Ökonomin wichtig, deswegen übt sie fleißig Deutsch-Vokabeln.

Quelle: tbh

Landkreis. Magdalena kann kaum aussprechen, was ihr, ihrem Mann und ihren Kindern in der Heimat wiederfahren ist. Wenn man die 40-Jährige fragt, was sie bewogen hat, Tschetschenien zu verlassen, alles zurückzulassen, ein neues Leben in der Fremde anzufangen, erzählt sie eine Geschichte, die entsetzlicher kaum sein könnte:

 „Eines Abends, mein Mann saß in der Badewanne, polterte es an der Tür.“ Als Magdalena die Tür öffnet, stürmen Soldaten in die Wohnung, zerren ihren Mann aus der Wanne und führen ihn ohne jede Erklärung ab. Vor den Augen seiner Kinder wird der heute 40-Jährige in den Kofferraum eines Autos gesperrt, das mit ihm davonfährt. Magdalena ist verzweifelt, versucht, ihren Mann zu finden. Zwei Tage lang bleibt sie im Ungewissen. Dann kommt ihr Mann wieder – gezeichnet von Folter.

 „Was ist passiert“, fragt Magdalena. Er antwortet lediglich, dass die Männer ihn hätten zwingen wollen, etwas für sie zu tun. Genaueres erfährt sie nicht. „Er hat sich kritisch gegenüber der Regierung geäußert“, erklärt sie. Um seine Familie zu schützen, schweige er zu den Vorfällen. Zwei weitere Tage später packt er seine Koffer und fährt weg. „Um sich vor den Soldaten zu verstecken“, vermutet Magdalena.

 Drei Monate blieb ihr Mann verschwunden. „Das war die schlimmste Zeit“, erzählt sie. Ständig hätte es an der Tür geklopft. Soldaten kamen und wollten wissen, wo ihr Mann sei. Ihr wurde damit gedroht, sie aus der Wohnung zu werfen, wenn sie nicht ihren Mann anriefe und ihn dazu bringe, zu kooperieren. „Wir saßen verängstigt alle in einem Zimmer und haben uns nicht getraut, das Licht anzumachen.“ Schließlich hätten Magdalena und ihre Kinder es nicht mehr ausgehalten und seien bei ihrer Schwiegermutter untergekommen.

 „Nachdem sich die Lage beruhigt hatte, kehrte er zu uns zurück“, erinnert sich die Tschetschenin. Sie wähnten sich in Sicherheit. Ein Trugschluss. Wieder kamen „Männer von der Regierung“ und kidnappten ihren Mann.

 Unter Tränen schildert Magdalena, was sich zugetragen hat: Ihrem Mann ist der Bauch aufgeschlitzt worden, er wurde in eine Grube geworfen und immer wieder herausgeholt, um weiter gefoltert zu werden. Sie zeigt ein Foto – ein mit Narben übersäter Bauch.

 Das Mobiltelefon, mit dem er seine Frau eines Nachts anruft, war das Einzige, was er noch bei sich hatte. „Er schrie nur meinen Namen“, sagt Magdalena mit zitternder Stimme. Im Nachhinein erfuhr sie erst, was ihm wiederfahren ist. Damit die Männer, die den Tschetschenen folterten, ihm das Mobiltelefon – seine einzige Verbindung zur Außenwelt – nicht wegnehmen, hat er es in seiner offenen Bauchhöhle versteckt.

 Fünf Tage dauert das Martyrium. Dass er überlebte, grenzt an ein Wunder. „Nur weil sie dachten, er würde sowieso sterben, haben sie ihn freigelassen“, mutmaßt die 40-Jährige. Im Krankenhaus wurde er behandelt, in den Akten gebe es aber keinen Vermerk über seine Verletzungen. Und das sollte auch nicht der letzte Angriff auf den Familienvater gewesen sein. Mehr als ein Jahr später – Magdalenas Ehemann hat keine Ausbildung gemacht, arbeitet derweil im Betrieb seines Bruders – bekommt Magdalena einen Anruf. Ihr Schwager sagt, dass Männer gekommen wären und ihren Mann auf der Straße niedergestochen hätten. Auch das überlebt er. Da fasst die Familie den Entschluss, zu fliehen.

 Im Koffer befinden sich lediglich ein paar warme Sachen und drei Wörterbücher – Deutsch, Englisch und Arabisch. Seit Anfang des Jahres ist Magdalena mit ihrer Familie in Deutschland. Ihr jüngstes Kind wurde hier geboren. „Nach Deutschland wollte ich kommen, weil meine Oma im Zweiten Weltkrieg Deutsche kennenlernte und sagte, Deutsche wären sehr nette und hilfsbereite Menschen.“ Ein weiterer Grund, warum sie sich für Deutschland entschieden habe, war, dass in Deutschland ein sicheres Leben möglich sei und ihre Kinder gesund aufwachsen könnten.

 Ihr Mann ist traumatisiert. „Er erzählt sehr wenig von dem, was er durchmachen musste“, sagt sie. Selbst heute, wo sie in Sicherheit leben, in einem Flüchtlingsheim in Schaumburg, liege er nächtelang wach und starre die Wand an. Seine Nieren wurden verletzt, als er niedergestochen wurde. Zudem hat er sich mit Hepatitis angesteckt. „Die haben alle Gefangenen mit dem gleichen Messer traktiert“, vermutet Magdalena.

 Die fünffache Mutter hat in Tschetschenien Ökonomie studiert, war Buchhalterin und Lehrerin für Mathematik und Physik. Deutsch hat sie sich selbst beigebracht. Es reicht noch nicht für ein fließendes Gespräch, aber Magdalena versteht ziemlich viel und übt fleißig weiter. Zur Untätigkeit verdammt zu sein, fällt ihr besonders schwer. Sie habe kaum soziale Kontakte, nur wenige Menschen, mit denen sie Deutsch sprechen könnte. Die Nachbarn beherrschen selbst kaum die Landessprache. Aber Magdalena hat ein Vokabelheft angelegt und unterrichtet auch ihre Kinder, die mittlerweile zur Schule gehen und dadurch auch öfter Gelegenheit haben, Deutsch zu sprechen.

 Die kleine Übergangswohnung ist zwar ein bisschen eng, aber für den Anfang reicht es völlig aus, sagt sie. Sollte der Asylantrag positiv ausfallen, möchte sie wieder als Lehrerin arbeiten. Sie hofft, dass ihre Abschlüsse anerkannt werden. Auch eine Weiterbildung würde sie, wenn nötig, gerne machen.

 Verwinden können Magdalena und ihre Familie nicht, was ihnen angetan wurde. Aber nun haben sie wieder eine Perspektive. „Auch wenn es nicht einfach sein wird“, darüber ist sich die fünffache Mutter im Klaren. Aber eines sei ganz wichtig: Sie und ihre Familie müssen nicht mehr um ihr Leben fürchten. Sie sind in Sicherheit, auch wenn die Angst vor Verfolgung bleibt. tbh

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