Volltextsuche über das Angebot:

10 ° / 9 ° Regenschauer

Navigation:
Frei sein von Frondiensten und Auflagen

Thema des Tages Frei sein von Frondiensten und Auflagen

Vor 175 Jahren wagten zahlreiche Schaumburger einen Neuanfang in den Vereinigten Staaten von Amerika. In den dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts haben sich mit Ernst Schween und Johann Sunderlage auch die ersten deutschen Siedler in die Nähe der heutigen Stadt Schaumburg, 40 Kilometer nordwestlich von Chicago gelegen, niedergelassen.

Voriger Artikel
Aha-Effekt aus dem Messgerät
Nächster Artikel
Ein Mann des Handwerks

Eine typische Bahnstation in der Zeit, als die ersten Schaumburger in Amerika siedelten (Gemälde von O. Berninghaus).

Quelle: Repro: kp

Landkreis. Anfang des 19. Jahrhunderts waren es die Stämme der Sauk-, Fox-, Potawatomi- und Kickapoo-Indianer, die über das weite Prärieland zwischen Michigansee und Mississippi im Bundesstaat Illinois herrschten. Als die ersten Siedler von Osten her immer weiter nach Westen vordrangen, kam es zum Aufstand der Urbevölkerung. Black Hawk, Häuptling der Sauk- und Fox-Indianer, lehnte die Verträge mit den weißen Amerikanern ab, da bei der Vertragsunterzeichnung die Häuptlinge nach seiner Meinung betrunken gewesen und über den Inhalt des Vertrages getäuscht worden seien.

 Trotz Widerstände der Indianer begann in den zwanziger Jahren die Umsiedlung der Stämme auf die westliche Seite des Mississippi. 1832 kam es zum sogenannten Black-Hawk-Krieg. Der Aufstand wurde niedergeschlagen und der Häuptling für ein Jahr in Haft genommen. Für die Weißen war der Weg frei, von einigen Scharmützel mit den Ureinwohnern abgesehen.

 Die deutschen Siedler Ernst Schween und Johann Sunderlage sollen die ersten gewesen sein, die sich in den dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts in der Nähe des alten Zentrums der heutigen Stadt Schaumburg, 40 Kilometer nordwestlich von Chicago gelegen, niedergelassen haben. Damals hieß der Ort noch Sarah’s Grove (Sarah‘s Wäldchen), benannt nach drei jungen Damen namens Sarah, die den Familien McChesney, Frisbe und Smith angehörten. Der offizielle Name des Ortes war schlichtweg Township 41. In dieser Zeit trafen die ersten Siedler aus dem Schaumburger Land in Illinois ein.

Große Vorzüge vor Deutschland

Der Brief eines Siedlers aus Schaumburg aus dem Jahr 1848 schildert, wie es dem Auswanderer nebst Familie auf dem Weg in die neue Heimat ergangen ist. Johann Friedrich Bartels, der zu den ersten Siedlern aus Schaumburg zählt, schreibt am 28. April 1848 an die Familie Wilkening in Soldorf, Schwester und Schwager: „Nach wenigen Tagen kam ich zur Einsicht, dass dieses Land große Vorzüge vor Deutschland haben müsse, denn ich sehe, dass Leute, die ich als unvermögend gekannt hatte, hier in wenigen Jahren große Höfe verdient haben. Ja, das Land ist so billig und der Verdienst so gut, dass Leute, die nur irgendwie Lust zur Arbeit haben, sich hier in kurzer Zeit ein Stück Land erwerben können, das ihnen und ihren Kindern ein sorgenfreies Auskommen sichert.“

Briefe dieser Art ließen die Schaumburger in Deutschland aufhorchen und ihr Verlangen nach einem besseren Leben stärken. Es gab verschiedene Gründe, die angestammte Heimat zu verlassen. Die Bauernhöfe wurden nicht mehr auf die Nachkommen aufgeteilt, sondern allein an den ältesten Sohn übergeben. Werber zogen übers Land, um Soldaten für fremde Armeen zu gewinnen. Von jedem Einwohner mussten Hand- und Spanndienste geleistet werden. Es bestanden Heirats- und Reisebeschränkungen. Die ungünstige wirtschaftliche Lage und auch Hunger wegen Missernten veranlassten viele Bewohner, dem Ruf zu folgen nach einem Land, in dem man frei sein konnte von aufgezwungenen Frondiensten und Auflagen und in dem jedermann die Chance hatte, durch Arbeit und Fleiß zu Vermögen zu kommen.

Auswanderer müssen Englisch lernen

Vortragsveranstaltungen schilderten das Leben in Amerika in den rosigsten Farben. In kürzester Zeit würden arbeitswillige Auswanderer zu Vermögen kommen. Landwirte könnten in Amerika für wenig Geld riesige Grundstücke erwerben und reichlich ernten. Bücher taten ein Übriges: Da gab es den „Leitfaden für Deutsche Auswanderer nach den Vereinigten Staaten von Amerika“, Bücher mit dem Titel „Wie werde ich Bürger der USA?“, „Die Auswanderer“ oder „Der deutsche Farmer in Amerika“. Eine Schrift ermahnte die Auswanderer: „Lernt Englisch!“ und versprach die „schnellste Methode zum Englisch-Lernen ohne Lehrer mit genauer Angabe der Aussprache“.

 Schiffsgesellschaften schalteten regelmäßig Anzeigen in den hiesigen Zeitungen. In der Schaumburg-Lippischen Zeitung vom 11. April 1885 offeriert zum Beispiel die „Hamburg-Amerikanische Packetfahrt-Actien-Gesellschaft“ an jedem Mittwoch und Sonntag eine Überfahrt von Hamburg nach New York mit einem ihrer Post-Dampfschiffe. Weitere Auskünfte und Überfahrtsverträge wurden von einem gewissen G. Wigand in Bückeburg erteilt.

17 Familien aus Apelern

Aus dem Raum Apelern waren es allein 17 Familien, die sich zwischen 1845 und 1847 auf den Weg über den Großen Teich machten, in Illinois siedelten und im Jahre 1850 den Ort gründeten, der im folgenden Jahr den Namen Schaumburg erhielt. Zur Erinnerung an diese Familien wurde von der Schaumburger Deutsch-Amerikanischen Gesellschaft am 27. September 2008 vor der Anfang des 12. Jahrhunderts gebauten Kirche in Apelern ein Denkmal aufgestellt, das aus einem Sandstein besteht und als Sinnbild für die Auswanderung ein Schiffssegelwerk und das Schaumburger Wappen zeigt. Auf der Infotafel sind die Namen der ersten Auswanderer zu lesen: Bartels, Biesterfeld, Böger, Gieseke, Hansing, Hartmann, Hattendorf, Hünerberg, Lichthardt, Mensching, Nerge, Pfingsten, Redeker, Rohlwing, Salge, Vette und Winkelhake.

 Von dem erstgenannten Bartels haben wir schon durch einen Brief erfahren, dass die, die in Amerika die Ärmel hochkrempelten, in kurzer Zeit ihr Auskommen hatten. Bartels berichtet in dem Schreiben weiter über die Fahrt in die Neue Welt: „Unsere Reise von Bremerhaven nach New York dauerte sechs Wochen, und obgleich dieselbe mit mancherlei Unannehmlichkeiten verknüpft war, so waren wir doch recht vergnügt und überstanden sie doch viel leichter, als wir geglaubt hatten. Wir trösteten uns immerfort mit dem Gedanken, dass die wenigen Wochen geschwind dahineilten und dass wir dann reichlich Ersatz für alles Unangenehme erfahren würden. Denn wir segelten ja nach dem Land der Freiheit, des Segens und des Glücks und nach dem Kanaan, worin wir die Plackerei und die Sklaverei vergessen sollten, die wir in dem Diensthause Deutschland erlitten hatten.“ Bartels wurde in der neuen Heimat nicht enttäuscht. Seine Erwartungen wurden sogar „unendlich übertroffen“. In seinem Brief heißt es wörtlich: „Wir haben allen Grund auszurufen: Hier ist gut sein! Hier lasst uns Hütten bauen!“

 Und so ging es für die Familie Bartels nach der anstrengenden Überfahrt in Amerika weiter: „Von New York fuhren wir mit einem großen Dampfschiff nach Albany, von da auf einer Eisenbahn nach Buffalo, dann auf einem Dampfschiff nach Chicago und von da an zu Wagen nach dem 24 englische Meilen (ca. 38 km) entfernten Orte unserer Bestimmung. Sobald unsere deutschen Bekannten im Lande erfuhren, dass wir in Chicago angekommen seien, kamen sie mit Gespann, um uns abzuholen. Ich zog mit meiner ganzen Familie sogleich bei unserem deutschen Freunde Böger ein, wo wir sehr gastfreundliche Aufnahme fanden.“

Der bekannteste Auswanderer Schaumburgs

Zu den bekanntesten Auswanderern aus Schaumburg gehört zweifellos der aus Reinsdorf stammende Heinrich Friedrich (Fritz) Nerge, der dafür sorgte, dass der Ort Sarah’s Grove beziehungsweise Township 41 schließlich den Namen Schaumburg erhielt. Im Jahre 1900 feierte der Ort das 50-jährige Bestehen. In der zum Jubiläum veröffentlichten zweisprachigen Chronik heißt es zum Jahr 1851: „In einer lebhaften, spannenden Ortsversammlung, welche zu diesem Zwecke (Namensänderung des Ortes) einberufen wurde, zeigte sich schon damals klar, dass in diesem Ort das Deutschtum den Sieg und die Oberhand behalten sollte. Die in der Versammlung anwesenden Anglo-Amerikaner wollten dem Ort durchaus den Namen Lutherville oder Lutherberg geben; doch plötzlich schlug Fritz Nerge, mit der Festigkeit eines alten, deutschen Kämpen, schmetternd auf den Tisch und rief: Schaumburg schall et heiten!“

 Und so steht es auch auf der Informationstafel am Auswanderer-Denkmal vor der altehrwürdigen Kirche in Apelern. kp

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Möchten Sie uns zu diesem Artikel Ihre Meinung sagen? Dann schicken Sie uns einen Leserbrief.

Leserbrief schreiben

Online suchen, Angebot finden, einkaufen gehen: Das steckt in Kurzform hinter „Kauf hier – lokal & digital“. Eine Auswahl aktueller und preislich besonders attraktiver Produkte finden Interessierte stets auf unserer Homepage... mehr

Eine gute Tradition findet regelmäßig ihre Fortsetzung – die „Aktion Weihnachtshilfe“. In der Vorweihnachtszeit rufen die Schaumburger Nachrichten unter dem Motto „Schaumburger helfen Schaumburgern“ jedes Jahr zu Spenden für bedürftige Menschen im Landkreis auf. mehr

Schaumburg