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Gewalt-Exzess: Familie verletzt 14 Polizisten

Wer sind die sogenannten M-Kurden? Gewalt-Exzess: Familie verletzt 14 Polizisten

Nach dem tödlichen Fenstersturz und den Tumulten vor dem Hamelner Amtsgericht und dem Sana-Klinikum, bei dem nach Angaben der Polizei 14 Beamte durch Steinwürfe und Pfefferspray verletzt wurden, hat die Inspektion Verstärkungskräfte angefordert und die Sicherheitsmaßnahmen in Hameln verschärft.

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Polizisten schützen am Mittwoch das Sana-Klinikum. Glasscheiben am Haupteingang sind zertrümmert. Wütende Familienangehörige, die nicht ins Krankenhaus gelassen worden waren, hatten die Beamten mit Steinen beworfen.

Quelle: ube

Hameln. Auch gestern waren die blau-weißen Transporter der bereits am Mittwochnachmittag gerufenen Bereitschaftspolizei überall im Stadtbild zu sehen. In der Nacht sei es zu keinen weiteren Ausschreitungen gekommen, teilte Oberkommissar Jens Petersen mit. Die Lage ist allerdings unklar. Die heimische Polizei will auf alles vorbereitet sein.

 Einer Quelle zufolge handelt es sich bei dem Clan um Mitglieder der sogenannten Mhallamiye-Kurden, auch M-Kurden genannt. „Es sind Araber vom Stamm der Mardelli, die auch Mhallami genannt werden“, sagt ein Informant. Sie sehen sich weder als Kurden noch als Türken. Mardelli ist von der Herkunftsgegend Mardin abgeleitet. Im Beirut (Libanon) werden die Mardelli als Kurden bezeichnet.

 Die Kurden aber sagen, die Mardelli seien keine Kurden. Und die Türken nennen sie „die Araber“. „Wir sind ein eigenes Volk, sprechen Arabisch und haben unsere Wurzeln in der Osttürkei“, sagt ein Mann. Die meisten Mardelli kamen während des Bürgerkrieges im Libanon nach Deutschland. Die Familienmitglieder haben türkische, libanesische und deutsche Pässe. Bei einigen ist die Staatsbürgerschaft offiziell ungeklärt, so auch bei dem 26-Jährigen.

 Prof. Dr. Christian Pfeiffer, Leiter des Kriminologischen Forschungsinstituts und ehemaliger Justizminister, sagt über die sogenannten M-Kurden: „Sie sondern sich ab und stabilisieren sich gegenseitig in ihrer Identität als Fremde.“ Fast alle Migrantengruppen durchliefen eine ganz andere Entwicklung. „Die Mhallamyie verschließen sich dieser Integrationsentwicklung.“ Pfeiffer plädiert dafür, mehr miteinander zu reden, um Vorurteile ab- und Vertrauen aufzubauen. Wo der Staat jedoch Gewalt befürchte, müsse er mit großer Übermacht auftauchen, um zu signalisieren, „dass man sich das nicht bieten lässt“.

 Das Sana-Klinikum stand nach Angaben seiner Sprecherin Natalie Arnold auch gestern noch unter Polizeischutz. Am Eingang wurden sogar Taschen von Besuchern kontrolliert. Nach den Männern, die am Klinikum Steine auf Polizisten geworfen hatten, wird gefahndet. Die Polizei ermittelt auch gegen unbekannt – wegen Landfriedensbruchs, gefährlicher Körperverletzung und Sachbeschädigung.

 Im Steinhagel waren diverse Scheiben zu Bruch gegangen. Die Klinik gab den Schaden gestern mit mehr als 10000 Euro an. Aufgrund des schnellen Polizeieinsatzes habe für Patienten zu keiner Zeit eine Gefahr bestanden, heißt es. Mitarbeiter des Klinikums hätten alle Patienten rechtzeitig aus dem Eingangsbereich in Sicherheit bringen können.

 Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass der 26 Jahre alte mutmaßliche Räuber bei einem Fluchtversuch ums Leben gekommen ist. Wie berichtet, war der Hamelner am Mittwochnachmittag in der 7. Etage des Amtsgerichts einer Haftrichterin vorgeführt worden. „Die Richterin hat später alle Beteiligten gebeten, für einen kurzen Moment das Büro zu verlassen“, berichtet Staatsanwalt Oliver Eisenhauer. Offenbar wollte sie in Ruhe einen Beschluss verfassen.

 Auf dem Flur habe der Tatverdächtige die vier ihn begleitenden Polizeibeamten gebeten, mit seinem Verteidiger ein kurzes vertrauliches Gespräch führen zu können. Deshalb hätten die Kriminalbeamten etwa zehn Meter Abstand gehalten. „Dem Mann ist es gelungen, eine Hand aus der Handfessel zu befreien. Er hat ein Fenster geöffnet und ist blitzschnell nach draußen geklettert. Der Rechtsanwalt hat sofort geschrien, die Polizisten sind gleich zum Flurfenster gelaufen“, schildert Eisenhauer die Ereignisse. Die Polizisten konnten nicht mehr eingreifen. Der Mann stürzte ab.

 Die Fenster im Amtsgericht Hameln seien grundsätzlich nicht verschlossen, sagt Gerichtssprecherin Sabine Quak. Das Amtsgericht sei schließlich kein Gefängnis. „Wir werden sicher darüber nachdenken, ob wir ein spezielles Vernehmungszimmer einrichten und in Zukunft die Fenster abschließen werden“, sagt die Juristin.

 Die Todesursachen-Ermittlungen hat die Polizeiinspektion Hildesheim übernommen. Die Staatsanwaltschaft hat eine Obduktion des Leichnams angeordnet.

 Mitarbeiter des Rettungsdienstes sind erschüttert. Sie verstehen nicht, warum gerade sie aus der wütenden Menge heraus angegriffen wurden. Ein Rettungsassistent war während der Behandlung des Schwerstverletzten vor dem Gerichtsgebäude von einem Stein getroffen worden.

Von Ulrich Behmann

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