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Harter Sanierer soll das Klinikum Schaumburg jetzt auf Erfolg trimmen

Landkreis / Gesellschafterversammlung Harter Sanierer soll das Klinikum Schaumburg jetzt auf Erfolg trimmen

Der starke Mann bei der Krankenhausprojektgesellschaft Schaumburg heißt künftig Ralph Freiherr von Follenius. Die Gesellschafterversammlung hat ihn bereits zum Sprecher der Geschäftsführung gewählt, er muss allerdings noch formell berufen werden.

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Die drei Krankenhäuser im Landkreis Schaumburg sollen in ein Gesamtklinikum mit Standort in Obernkirchen übergehen.

Quelle: rg

Landkreis. Landkreis (ab). Dies bestätigte den „Schaumburger Nachrichten“ am Freitag Heinz Kölking, Geschäftsführer der „pro Diako“, die derzeit noch die Mehrheit an der Krankenhausprojektgesellschaft hält. Von Follenius fungiert als eine Art Vorbote: Demnächst dürfte bekannt gegeben werden, dass nicht die klamme „pro Diako“ aus Rotenburg (Wümme) das Schaumburger Gesamtklinikum betreibt, sondern die „Agaplesion“ aus Frankfurt am Main. „Agaplesion“ ist auf dem deutschen Gesundheitsmarkt keine kleine Nummer. Das Unternehmen unterhält allein 80 Krankenhäuser und ist für etwa doppelt so viel Umsatz gut wie „pro Diako“. Bei „Agaplesion“ handelt es sich um eine gemeinnützige Aktiengesellschaft: Gewinne werden in das Unternehmen gesteckt und nicht an Aktionäre weitergereicht.

 Dass „Agaplesion“ Ralph von Follenius als Vorhut nach Schaumburg schickt, lässt sich an der Konstruktion ablesen, mit der er installiert wird. Von Follenius kommt von der „Diakoniefördergesellschaft“ in Frankfurt am Main, die „Agaplesion“ gehört. Für den Job in der Krankenhausprojektgesellschaft Schaumburg wechselt von Follenius zunächst zu „pro Diako“, die noch die Mehrheit an der Projektgesellschaft hält (siehe Grafik). Dies gilt wohl so lange, bis „Agaplesion“ tatsächlich den Auftrag übernimmt, in Schaumburg ein Gesamtklinikum zu bauen, das die Standorte Stadthagen, Bückeburg und Rinteln ersetzt.

 „Die Entwicklung zeigt, dass die Verhandlungen zwischen ,pro Diako‘ und ,Agaplesion‘ auf einem guten Weg sind“, kommentierte Klaus Heimann, Sprecher des Landkreises Schaumburg, am Freitag auf Anfrage dieser Zeitung die Entscheidung für Ralph von Follenius. „Wir werten das als Signal, dass ,Agaplesion‘ das Projekt eines Gesamtklinikums für Schaumburg gut heißt und bereit ist, sein großes Know-how einzubringen.“

 Bisher hatte Claus Eppmann der Krankenhausprojektgesellschaft als Sprecher der Geschäftsführung gedient. Am Freitag blieb zunächst unklar, was genau Eppmanns Aufgabe sein wird, wenn Ralph von Follenius endgültig anheuert. Nach den Worten von „pro-Diako“-Geschäftsführer Heinz Kölking bleibt Eppmann der Projektgesellschaft aber auf jeden Fall erhalten.

 Der gebürtige Rheinländer Ralph von Follenius, 54, ist Diplom-Kaufmann. Er hat bewegte Berufsjahre auf einem umkämpften Markt hinter sich. Von 1. August 2007 bis 15. März 2011 wirkte er erst als Verwaltungsdirektor und dann als kaufmännischer Geschäftsführer des Klinikums Frankfurt Höchst. Das 1000-Betten-Haus ist ein „Maximalversorger“, in dem nicht nur geheilt, sondern auch gelehrt und geforscht wird.

 Das Engagement in Höchst endete jedoch mit einem Eklat. Am 6. März 2011 teilte Frankfurts Gesundheitsdezernentin Manuela Rottmann (Grüne) der überaus erstaunten Öffentlichkeit mit, dass sich Klinikum und Freiherr schon zum 15. März einvernehmlich trennen. Dezernentin Rottmann gab ihm freundliche Worte mit auf den Weg. So lobte sie ihn als „Autor der wachstumsorientierten Sanierungsstrategie“. Die „Frankfurter Neue Presse“ zitierte daraufhin Margarete Wiemer vom Betriebsrat des Klinikums Frankfurt Höchst mit der rhetorischen Frage: „Wie kann man denn dann jemanden gehen lassen, wenn der tatsächlich so genial gearbeitet hat?“

 „Bis heute hat niemand die Gründe für den Abschied herausbekommen“, sagte Hans Oesterling, Vorsitzender der SPD-Fraktion in der Frankfurter Stadtverordnetenversammlung, am Freitag den „Schaumburger Nachrichten“. Den Zeitpunkt für die „Knall-auf-Fall-Trennung“ nennt er „mehr als ungewöhnlich“. Die Kommunalwahl stand direkt vor der Tür, das Klinikum war im Jahr zuvor von einem städtischen Eigenbetrieb in eine gemeinnützige Gesellschaft umgewandelt worden, außerdem steuert das Klinikum auf einen 170-Millionen-Euro-Neubau zu. Klar ist, dass sich in den Jahren zuvor im Klinikum Knatsch angesammelt hatte. „Herr von Follenius hat die Mitarbeiter zu wenig einbezogen“, sagt der Frankfurter SPD-Mann Oesterling, „letztlich kann man so ein Haus nur im Konsens führen.“

 Ähnlich äußerte sich am Freitag im Gespräch mit dieser Zeitung Hans Busch, lange Jahre gesundheitspolitischer Sprecher der Frankfurter SPD-Fraktion. Er sagt dem Ex-Geschäftsführer von Follenius „einsame Entscheidungen“ nach, die „oft weder die Ärzteschaft noch das Personal nachvollziehen konnten“. Im Mittelpunkt seines Wirkens habe „das Kaufmännische“ gestanden, meint Busch, „von Follenius hat eigentlich nur interessiert, wann das Klinikum mit einer schwarzen Null abschließt“. „Schwarze Null“ meint: ohne Defizit. So hätten sich die Arbeitsbedingungen, die in einem sensiblen Unternehmen wie einem Krankenhaus besonders wichtig seien, immer weiter verschlechtert, sagt Hans Busch.

 In dieses Bild passen auch die Erfahrungen, die der hessische Landesverband des „Marburger Bundes“ (MB), der die angestellten Ärzte vertritt, mit Ralph von Follenius gemacht hat. Als die Trennung bekannt wurde, konnte man auf der MB-Internetseite lesen, dass die Zusammenarbeit im Klinikum „nicht reibungslos verlaufen“ sei. Den „Marburger Bund“ hätten Beschwerden über hohe Arbeitsbelastung, Verstöße gegen Arbeitszeitbestimmungen und unbesetzte Arztstellen erreicht.

 Als der „Marburger Bund“ seinerzeit eine Pressemitteilung zu diesen Themen herausgegeben hatte, war von Follenius per Unterlassungserklärung erfolgreich gegen die MB-Behauptungen vorgegangen. Dies nannte der „Marburger Bund“ einen „bundesweit einmaligen Vorgang“. Gegen die Kritik an Ralph von Follenius steht die Ansicht von Barbara Strohmayer, stellvertretende Betriebsratsvorsitzende des Klinikums Frankfurt Höchst. Sie sagte der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ im vergangenen Jahr: Bei allen fachlichen Auseinandersetzungen sei Ralph von Follenius „immer höflich und korrekt mit den Mitarbeitern umgegangen“.

 Ähnliche Probleme wie in Frankfurt Höchst hatten Ralph von Follenius allerdings schon im thüringischen Eisenach geplagt, wo er am St. Georg Klinikum als Geschäftsführer tätig war. Hier fing er am 1. September 2004 an, bevor er drei Jahre später – für die Eisenacher überraschend – an das Klinikum Frankfurt Höchst wechselte. Auch in Eisenach bleibt die Begründung für den Weggang bis heute im Ungefähren; von „unterschiedlichen Auffassungen zur Fortführung des Unternehmens“ war damals die Rede.

 Schon in Eisenach hatte der Sanierer von Follenius für schlechte Stimmung in der Belegschaft gesorgt. In einem anonymen Schreiben an die „Thüringer Allgemeine“ machten St.-Georg-Beschäftigte aus ihren Herzen jedenfalls keine Mördergruben. Von „personellen Engpässen im OP-Bereich“ war die Rede, was zu vielen Überstunden und starker Überlastung geführt habe. Dann beurlaubte die Klinikleitung auch noch den Chefarzt der Anästhesie, der gegen die Verhältnisse im Haus aufbegehrt hatte. Die „Thüringer Allgemeine“ adelte den Chefarzt damals als „so etwas wie ein Eisenacher Arzt-Urgestein“. Von den Klinikum-Gesellschaftern in Stadt und Landkreis möchte sich heute gegenüber den „Schaumburger Nachrichten“ niemand mehr zur Person Ralph von Follenius äußern. Das Rathaus verweist auf das Kreishaus, das Kreishaus verweist auf das Rathaus.

 Die drei Krankenhäuser im Landkreis Schaumburg sollen in ein Gesamtklinikum mit Standort in Obernkirchen übergehen. Fotos: rg

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