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"Ich kann einfach nicht mehr"

Landkreis / Gesundheit "Ich kann einfach nicht mehr"

Ärzte und Therapeuten im Landkreis behandeln immer mehr Menschen wegen psychischer Erkrankungen. In Schaumburg bestätigt sich damit eine landes- und bundesweite Entwicklung. Über die Ursachen des Anstiegs sind auch heimische Fachleute uneins.

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Landkreis (jcp). Rein statistisch ist der traurige Trend zunächst nicht von der Hand zu weisen: Im Jahr 2004 wurden in niedersächsischen Krankenhäusern rund 41.000 Frauen und 50.000 Männer mit der Diagnose „Psychische und Verhaltensstörungen“ behandelt. 2009 waren es 47.000 Frauen und knapp 58.000 Männer. Dies geht aus Zahlen des Niedersächsischen Landesamtes für Statistik und Kommunikationstechnologie hervor.

Auch die Kurve für die beim sozialpsychiatrischen Dienst des Landkreises verzeichneten Fälle „affektiver Störungen“ – zu denen die Depression zählt – zeigt steil nach oben. 85 betreuten Menschen 2004 stehen 171 im vergangenen Jahr gegenüber. Der Leiter des sozialpsychiatrischen Dienstes, Dr. Jörg Uwe Krusche, vermutet hinter der Zunahme zwar unter anderem Lebensumstände, die das Entstehen etwa von Depressionen begünstigen, wie zum Beispiel die „emotionale Reizüberflutung“ durch die ständige Gegenwart von Film, Fernsehen und Internet. Er gibt aber zu bedenken, dass die „Hüllen der Stigmatisierung“ langsam fielen, Menschen also sehr viel eher „als noch vor zwanzig Jahren bereit“ seien, sich mit dem Verdacht auf eine psychische Erkrankung in Behandlung zu begeben und Diagnosen entsprechend häufiger gestellt würden.

Anders denkt da Dagmar Rauch, die ihre Praxis für Neurologie, Psychiatrie und Psychotherapie in Rinteln seit 20 Jahren betreibt. Sie sieht den Grund für den Anstieg depressiver Erkrankungen in zunehmenden sozialen Härten. „Ich behandele immer mehr Patienten, die auf Arbeitslosigkeit und daraus resultierenden Hartz-IV-Bezug mit einer Depression reagieren“, sagt Rauch. Geld mache zwar tatsächlich nicht glücklich. Rauch verweist in diesem Zusammenhang auf Studien, nach denen Menschen in Ländern mit weit geringerem Lebensstandard als dem hiesigen häufig sehr viel zufriedener seien als die Deutschen.

„Wenn ich aber alles Erarbeitete verliere, erst den Job, dann das Auto, dann das Haus, schließlich sogar die Familie und die sozialen Kontakte, weil ich mir den Kino- oder Theaterbesuch nicht mehr leisten kann, stellt das eine enorme psychische Belastung dar.“ Arbeitslosigkeit macht krank – auch diese Plattitüde stimmt nach Rauchs Einschätzung.

Allerdings bewahre Arbeit nicht vor Depressionen, im Gegenteil: „Eine Gruppe, die ich vermehrt behandele, sind Arbeitnehmer um die fünfzig, die irgendwann sagen, ich kann einfach nicht mehr.“ Hierbei könne es sich um den Erschöpfungszustand handeln, für den sich in den vergangenen Jahren der Begriff „Burnout“ etabliert hat, der aber noch nicht als medizinische Diagnose anerkannt ist. Rauch vermutet, dass in einigen Betrieben der Druck auf Mitarbeiter der genannten Altersgruppe bewusst erhöht werde, da sie mehr Geld verdienten als jüngere Angestellte und dadurch Einsparungspotenzial böten.

Krusche und Rauch repräsentieren damit zwei Erklärungsversuche des statistischen Anstiegs psychischer Erkrankungen, die sich in ihrer Fachwelt derzeit gegenüberstehen. Der Ausgang dieses wissenschaftlichen Disputs ist noch offen. Für Gefährdete zumindest hat Rauch einen Tipp: „Die Depression führt fast immer zu einer zunehmenden sozialen Isolierung.“ Deshalb: „Rausgehen, zum Beispiel Sport machen, und zwar immer mit anderen zusammen. Wenn ich allein im Kanu die Weser hinunterpaddele, hat die Seele da nichts von.“

Alles grau und egal: Die Depression

Nach dem aktuellen Stand der Forschung blockiert dauerhafter Stress, zum Beispiel im Beruf oder in der Familie, den Botenstoff Serotonin, der für die Übertragung von Emotionen zuständig ist. Auch ein Kriegs- oder Unfalltrauma kann eine solche Wirkung haben. Freude, Trauer, Wut und anderes werden kaum noch empfunden, „alles wird grau und egal“, wie Nervenärztin Dagmar Rauch erklärt. In der Folge zieht der Betroffene sich zurück, verlässt selten das Haus, bricht soziale Kontakte ab – die Depression entsteht.

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