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Faszination Mittelalter Im Kampfmodus

In eine längst vergangene Zeit eintauchen: Das Mittelalter fasziniert die Massen. Vor allem junge Erwachsene pilgern zu Großveranstaltungen wie dem Mittelalterlich Phantasie Spectaculum, das am Wochenende in Remeringhausen Tausende Gaukler, Kämpfer und Ritter zusammenbringt. Was ist so reizvoll an der Epoche? Ein Besuch bei der Schaumburger Mittelalter-Sippe „Var Ulfen“.

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Von Greta Heine

Es dauert eine Weile, bis Chris Wanjura (22) und Sophia Cording (20) in ihre Gewandungen geschlüpft sind: Hemd, Hose, Wadenwickel, Kettenhemd, Umhang – da braucht es Zeit, bis alles sitzt. Mit Pfeil und Bogen sowie einem Sax, einer Art Hiebschwert, bewaffnet geht es dann in das Naturschutzgebiet am Brandshof in Liekwegen. Dort erzählen die beiden Mittelalterfans über die Hintergründe ihres Interesses an einer längst vergangenen Zeit.

Wanjura und Cording sind Mitglieder der Mittelalter-Sippe „Var Ulfen“ (Werwölfe) aus Schaumburg, eine Gruppe Gleichgesinnter, die regelmäßig in Kostüme schlüpfen und das Leben und Kämpfen im Mittelalter darstellen. Sippe, so nennen sich die meisten Mittelaltergruppierungen, um den familienähnlichen Zusammenhalt zu betonen, schildert Sippen-Gründer Wanjura. Jedes Sippenmitglied erhält einen Namen, der zu der Epoche passt. Es klinge eben seltsam, wenn man die holde Dame im prunkvollen Kleid mit Chantal oder Vanessa anspricht, sagt der 22-Jährige augenzwinkernd. Außerdem würden viele Mittelalterfans nicht nur Menschen aus anderen Zeiten, sondern auch aus anderen Ländern darstellen. Daher seien nordische Namen wie Sven eher verbreitet. Wanjura selbst verwandelt sich in einen Wikinger. Sein Name: Herger Eriksson.

Die Mitglieder der „Var Ulfen“ treffen sich zu unterschiedlichsten Zwecken: Während der sogenannten Ratssitzungen wird Organisatorisches besprochen, an manchen Tagen werkeln die Werwölfe an Ideen herum, die in der Gruppe umgesetzt werden sollen, oder sie fertigen kleinere Dinge wie Accessoires an. Auch zu Kampfübungen treffen sie sich regelmäßig, oder aber auch einfach nur zum Quatschen, Spaß haben und um das eine oder andere Bier zu leeren – natürlich immer passend gekleidet. Die „Var Ulfen“ legen viel Wert auf Authentizität – Gäste, also Nicht-Mitglieder, dürfen höchstens mit Anmeldung an den Treffen teilnehmen.

Vor allem Wanjura, der Jarl der Gruppe – so nennt man das mittelalterliche Familienoberhaupt – ist mit Herzblut dabei. Schon von Kindesbeinen an war der gelernte Friedhofsgärtner am Mittelalter interessiert, da auch sein Vater Mitglied in einer Sippe war. Als diese auseinanderbrach, wollte Wanjura etwas Eigenes auf die Beine stellen und gründete 2008 die „Var Ulfen“. Anfangs bestand die Sippe nur aus zwei Mitgliedern, doch schnell fanden sich weitere Freunde, die die gleiche Leidenschaft fürs Mittelalter teilten. „Zu Bestzeiten“, sagt Wanjura, „waren wir etwa 25 Mitglieder“. Zur Zeit sind zwölf Darsteller aktiv.

Den 22-Jährigen interessiert am mittelalterlichen Leben vor allem der Schwertkampf, aber auch das „Drumherum“, also „das Feeling und die Atmosphäre“. Man könne entspannen, wenn man in eine andere Welt eintauche, erklärt Wanjura. Mit seiner Gewandung schlüpft er in die Rolle von Wikinger Herger Eriksson. „Ich finde den Glauben, die Kultur und alles andere an diesem Volk so faszinierend“, begründet er seine Wahl für den skandinavischen Seefahrer.

Sein Engagement zeigt Erfolg: Die „Var Ulfen“ wurden schon mehrmals gebucht, beispielsweise haben sie vor etwa einem Jahr im Altenheim Barsinghausen ein Mittelalterfest mit Showkämpfen und Feuerspucken organisiert. Eventuell sind sie dieses Jahr dort erneut zu sehen. 2010 bekämpften sich Wanjura und Sippenmitglied Steve Gruner für die Grundschule Niedernwöhren bei deren Mittelalterfest. Außerdem war Wanjura dieses Jahr im Fernsehen, als ein Fernsehteam beim Mittelalterfest „Anno 1280“ in Gütersloh eine Showeinlage der Schwertkämpfer aus Schaumburg filmte.

Sophia Cording ist erst seit Anfang dieses Jahres bei den „Var Ulfen“ dabei. Aber auch sie ist durch ihre Mutter mit dem Interesse am mittelalterlichen Leben aufgewachsen. Besonders die Hexerei, also die Arbeit mit Kräutern, hat es ihr angetan. „Ich mache quasi das, wofür die Frauen damals auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurden“, sagt die Auszubildende mit einem Augenzwinkern. Sie ist vom Mittelalter vor allem deswegen so begeistert, weil ihrer Ansicht nach das Leben damals stressfreier gewesen sei. „Man hatte weniger komplizierte Probleme als heutzutage“, ist sie sich sicher.

Wanjuras und Cordings außergewöhnliches Hobby hat seinen Preis. „Ich habe im Laufe der Jahre sicherlich 5000 Euro für meine Ausrüstung ausgegeben“, schätzt der Sippengründer. Er versuche zwar, Kleidung, Mobiliar, Accessoires, aber auch Äxte, Pfeile und Schilde selbst herzustellen, doch einiges müsse er natürlich auch kaufen. Cording ist bisher günstiger davongekommen: „Die meisten meiner Sachen sind ‚sponsored by Chris‘“, lacht sie und meint damit zum Beispiel das selbst geknüpfte Kettenhemd, das sie trägt. Ansonsten spart sie einen Teil ihres Ausbildungsgehalts, um sich neue Dinge zu kaufen.

Wer die „Var Ulfen“ kennenlernen und mehr über die Reise ins Mittelalter erfahren möchte, sollte zum Mittelalterlich Phantasie Spectaculum am Sonnabend und Sonntag, 10. und 11. Oktober, in Remeringhausen kommen.

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