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Inklusion: Es bleibt oft bei netten Worten

Schaumburg Inklusion: Es bleibt oft bei netten Worten

Inklusion ist kein reines Schulthema. Auch in der Arbeitswelt versuchen Menschen mit Behinderung, Fuß zu fassen. Im Landkreis gibt es gelungene Beispiele dafür, aber auch viel Ablehnung – in der Privatwirtschaft ebenso wie in der öffentlichen Verwaltung.

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Cihat Kardas wird von der Lebenshilfe betreut, arbeitet aber nicht in deren Werkstätten, sondern bei einem Anlagenbauer in Stadthagen.

Quelle: jcp

Landkreis. Seit fünf Wochen macht Cihat Kardas ein Praktikum beim Stadthäger Betrieb Hohmeier Anlagenbau. Ab Anfang Dezember beginnt der 26-Jährige, zunächst in einem Ein-Jahres-Vertrag für die Firma zu arbeiten. Das Besondere: Kardas wird von der Paritätischen Lebenshilfe am Ostring betreut.

Der junge Mann hat damit einen der sogenannten Außenarbeitslätze ergattert. Für die Lebenshilfe ist das eine Art Idealzustand, gelungene Integration. „Für das Selbstverständnis ist es etwas anderes, zu einem Arbeitsplatz zu fahren, anstatt hier vor Ort in den Werkstätten zu arbeiten“, erklärt Lebenshilfe-Geschäftsführer Bernd Hermeling.

Cihat Kardas macht sich da gar nicht so viele Gedanken. Er weiß nur, dass es ihm Spaß macht, Metall zu verarbeiten. Mit den Kollegen bei Hohmeier verstehe er sich gut. „Manchmal muss es schnell gehen, aber insgesamt ist es eher ruhig“, erklärt der 26-Jährige. Eine Sache allerdings scheint sein aktueller Job dem in der Lothar-Wittko-Werkstatt vorauszuhaben: „Die Anforderungen sind ganz andere.“ Was er sich aneignen muss, entspräche etwa den Inhalten des ersten Ausbildungsjahres eines angehenden Schlossers. Und so, wie Kardas das sagt, wird deutlich, dass ihm das auch so gefällt.

So selbstverständlich, wie es in diesem Fall klingt, ist es für die Lebenshilfe nicht, „ihre Leute“ in Unternehmen unterzubringen. Von der Traumlösung, einer regulären Vermittlung in den ersten Arbeitsmarkt, habe man sich verabschiedet, erklärt Hermeling: „Da ist einfach die Frage, inwieweit die Gesellschaft überhaupt so weit ist.“

Kardas arbeitet weiter „unter dem Dach der Werkstatt“, nur eben bei einem anderen Betrieb. „Das ist unsere zweitbeste Lösung“, sagt Hermeling. Auch die ist aber nicht eben leicht zu realisieren. Das muss nicht unbedingt mit Vorbehalten gegenüber Menschen mit Behinderung zu tun haben.

Denn was ein Werbe-Pfund sein könnte, mit dem man wuchern sollte – die Betriebe zahlen das Gehalt über die Lebenshilfe an den Mitarbeiter, wobei die Lebenshilfe die Sozialabgaben übernimmt – kann sich auch als Stein im Weg erweisen. So weiß Hermeling von einem Schaumburger Unternehmen zu berichten, das lange Verhandlungen schließlich im Sande verlaufen ließ. Grund: Der Betriebsrat hatte sich eingeschaltet. Er fürchtete den schleichenden Abbau „normaler“ Arbeitsplätze.

Eine Angst, die Hermeling durchaus nachvollziehen könne. Aber: „Ich kenne keinen Fall, in dem das tatsächlich passiert ist.“ So entsende die Lebenshilfe bereits seit Jahren ein Team an die Firma Schubs Steuerungstechnik in Hameln – ohne Konsequenzen für andere Mitarbeiter.

Weitere Gründe, warum es manchmal nicht klappt: Genau wie für andere Anstellungen muss die Auftragslage im Betrieb stimmen. „Und manchmal“, gibt Hermeling zu, „überschätzen unsere Leute sich auch.“ Während der Arbeit stellten sie dann fest, dass die Anforderungen an die soziale Anpassungsfähigkeit zu hoch sind.

Das alles fällt wohl unter höhere Gewalt. Was Hermeling aber enttäuscht, ist die eher maue Aufnahmebereitschaft der öffentlichen Arbeitgeber in Schaumburg. Die sollten seiner Meinung nach einer Vorbildrolle gerecht werden. „Aber wir kommen besser mit dem Handwerk oder der Pflege zusammen, als mit den Verwaltungen.“

Die Zusammenarbeit mit dem Sozialamt des Landkreises lobt Hermeling ausdrücklich, aber Jobs für Menschen mit Behinderung in der Verwaltung – da wird es schwierig. Hermeling: „Wir führen oft gute, auch offene Gespräche, aber darüber hinaus passiert dann nie etwas.“ Ähnlich sei es über Jahre in Stadthagen gelaufen: Nette Kontakte, gute Gespräche, Offenheit signalisiert – aber keine Konsequenzen. Hermeling setzt jetzt Hoffnung in den neuen Bürgermeister Oliver Theiß. jcp

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