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Aus dem Landkreis Jede Scherbe ein Stückchen Geschichte
Schaumburg Landkreis Aus dem Landkreis Jede Scherbe ein Stückchen Geschichte
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17:20 13.05.2013
Vorsichtig legen die angehenden Forensischen Archäologen in Klein Süntel die Fundstelle frei.

Von Astrid Werner

Die Grabung, Tag 0:

 Kurz vor Mitternacht wird die nächtliche und dörfliche Ruhe in Klein Süntel durch die Ankunft eines Reisebusses unterbrochen.

Er hält vor dem Senioren-Domizil: 15 Studenten der Universität Cranfield sowie zwei Dozenten steigen aus. Roland Wessling ist schon vorher angereist. Er ist der Grabungsleiter. Schnell werden Kisten mit Arbeitsmaterial und anderes Gerät ausgeladen, bevor sich die Gruppe im Evangelischen Freizeitheim einrichtet. Die Teilnahme an einer archäologischen Ausgrabung ist Bestandteil des Aufbaustudiums in forensischer Archäologie, die sich im Allgemeinen mit dem Bergen und Bestimmen menschlicher Überreste beschäftigt. Die Einsatzorte sind Krisengebiete weltweit, aber auch Kriminal-Tatorte im eigenen Land. Warum also eine Grabung in Klein Süntel?

 Maßgeblich an dieser Wahl beteiligt waren der Vorsitzende Hermann Wessling vom Forum Glas e.V. und Glasexperten und Glashistoriker des Vereins sowie Förderer des Projekts. Denn im Herbst 2011 wurde bei Baggerarbeiten am Rand des Geländes der ehemaligen Glashütte Teile eines Gewölbes entdeckt, wohl ein alter Schürkanal. Obwohl die Existenz der Glashütte bekannt war und sich auch in der Literatur recht detaillierte Beschreibungen über Produktion, Betreiber und Eigentümer finden lassen, sind Informationen über die Bauweise und der Stand der angewandten Technologie sehr spärlich. Hermann Wessling gelang es, die finanzielle Förderung der Bingo-Umweltstiftung zu sichern. Sein Sohn Roland Wessling, der an der Universität in England lehrt und als forensischer Archäologe in diversen Gebieten der Welt arbeitet, führte erste geophysikalische Untersuchungen durch. Mithilfe geoelektrischer und geophysikalischer Messungen, die von der Bodenoberfläche aus durchgeführt werden, zeigten sich die in einer Grafik zusammengefassten Daten im Halbrund angeordnete Strukturen in orange-roter Farbe, die auf Mauern schließen lassen. Dazwischen gibt es grüne und blaue Bereiche, die ehemals Hohlräume dargestellt haben könnten. Nicht nur die Glasexperten der Region, auch die Archäologen in Cranfield waren begeistert von diesen ersten Ergebnissen. Es wurde nach Möglichkeiten gesucht, eine Testgrabung durchzuführen. Studenten sollten die Arbeiten als Teil ihrer Ausbildung durchführen. Die Bingo-Umweltstiftung und der Landkreis Hameln-Pyrmont tragen den Hauptteil der Kosten. Und so sind sie da, die Studenten, zur Grabung in Klein Süntel.

Tag 1:

 Nach dem Frühstück gibt es für die Studenten eine Einführung zur Geschichte der Glashütten, die das Weserbergland im 12. und 13. Jahrhundert zu einem Zentrum der deutschen Glasherstellung machten. Waldglashütten entstanden dort, wo es Rohstoffe für die Glasherstellung gab: Sand als Hauptrohstoff des Glases, Holz für Pottasche – wichtig als Flussmittel bei der Glasherstellung neben anderen Beimischungen – und Holz zur Feuerung, um das Glas bei Temperaturen um 1000 Grad Celsius zum Schmelzen zu bringen. Unmengen von Holz als Energieträger wurden verbraucht, was zur Folge hatte, dass die Hütten wandern mussten, sobald der Wald rundherum abgeholzt war. Die Technik der Kohlefeuerung wurde erst zu Beginn des 17. Jahrhunderts aus England eingeführt. Mit dem neuen Energieträger wurde auch die Feuerungstechnik umgestellt, da Kohleverbrennung wesentlich effizienter ist, aber auch die doppelte Menge an Luftzufuhr braucht. Die Hütte in Klein Süntel wurde im 17. Jahrhundert mit Kohle aus den umliegenden Bergwerken befeuert und blieb bis 1886 vor Ort.

 Dann geht es zur Grabungsstätte. Roland Wessling hatte in der Woche zuvor die Bereiche, in denen gegraben werden soll, vermessen. Die Hamelner Akademie Überlingen hat mit einem Team unter Leitung von Alexander Kickuth entlang der Markierungen die Grassoden entfernt. Die Studenten holen ihr Werkzeug: von Schaufel über Spitzhacke bis zu Grabungskellen in verschiedenen Größen, Spatel, Pinsel, Eimer und Kästen, Schubkarre. Einziges elektronisches Gerät im Moment ist das Laser-Vermessungsgerät. Damit werden die Grabungs- und Fundorte genau dokumentiert. Teams beginnen, an verschiedenen Bereichen vorsichtig Schicht um Schicht zu entfernen. Es sind zwei sich kreuzende, in Nord-Süd und Ost-West verlaufende Gräben markiert, die so gelegt sind, dass sie möglichst Bereiche der im Boden vermuteten gemauerten Strukturen treffen. Weil es sich um eine Testgrabung handelt, sollen diese wenigen Stellen größtmöglichen Aufschluss über das Ganze geben. Die Grabungsbereiche bekommen eine Lage- und eine Kontext-Nummer, die sich auf eine bestimmte Schicht, Zusammensetzung des Bodens, Färbung der Erde oder ähnliches bezieht. Die Funde wie Glasscherben oder -klumpen, Schlacke, Keramik- oder Metallteile, werden gesammelt, mit dem Code versehen und zur Sammelstelle gebracht. Dort werden die Funde sortiert, in Listen eingetragen, beschrieben, fotografiert, eingetütet. Jedes Detail ist wichtig für eine spätere Auswertung. In der oberen Bodenschicht finden sich viele Teile von gebrochenem Glas und Schlacke. Dann werden die ersten Steinstrukturen etwa 20 bis 30 Zentimeter unter der Erdoberfläche freigelegt.

Tag 2:

 Der Kreuzungsbereich der Gräben zeigt größere Sandsteinplatten, umgeben von hochkant verlegten Backsteinen. Es könnte sich um den Arbeitsbereich der Glasmacher handeln. Unter dieser Steindecke müsste sich der Feuerungsraum mit den von außen kommenden Luftzufuhrkanälen befinden. Doch das regelmäßige Muster der Backsteine ändert sich an den Rändern, alles scheint ungeordnet zu liegen. Dort gab es nach Stilllegung der Hütte eventuell Einbrüche in das Gewölbe darunter, die dann verfüllt wurden.

Tag 3:

 Die Grabungsarbeiten konzentrieren sich immer mehr auf den Bereich um die verlegten Sand- und Backsteine, wo jetzt auch durch Kohle dunkel gefärbtes Erdreich zum Vorschein kommt. Am Nachmittag strömen Besucher auf das Gelände zum „Tag des offenen Denkmals“. Es gibt Führungen, um die vielen Fragen der Besucher zu beantworten. Viele Anwohner können sich an offene Gewölbegänge der alten Glashütte erinnern. Die Grabung konzentriert sich nun auf den zentralen Bereich, der immer wieder erweitert wird. Immer mehr Strukturen kommen zum Vorschein, die auf Mauern und abgetrennte Bereiche hinweisen. Tag 4:

 Beim Freilegen von einigen größeren Sandsteinen kollabiert der Untergrund. Dabei entsteht ein kleines Loch, durch das man in eine Gewölbekammer schauen kann. Wände und Decke sind noch intakt. Ein weiterer Fund ist eine vollständig erhaltende alte Flasche aus grünem Glas.

Tag 5:

 Es wird sehr konzentriert an den offengelegten Stellen weitergearbeitet. Noch eine Bierflasche, diese mit der Prägung „Patent“, wird gefunden. Diese wurde wohl um 1870 gefertigt, die zuvor gefundene sogenannte Schlegelflasche um 1850. Glasexperten, -sammler, und -historiker, während der Tagung „Westphälisches Glasforum“ nach Klein Süntel gekommen sind, hören interessiert den Ausführungen Roland Wesslings zu und diskutieren, wie wohl die Hütte ausgesehen hat. Eine Interpretation der baulichen Zusammenhänge ist schwierig, noch sind viele Fragen nicht gelöst.

 Der Nachmittag kommt. Es geht ans Packen. Die Grabungsstelle wird abgesichert. In der nächsten Woche wird alles wieder mit Erde bedeckt werden. Allerdings wird eine Folie eingelegt, sodass man das Gefundene schnell wieder aufdecken kann. Neue Pläne über weitergehende Ausgrabungen werden schon in Erwägung gezogen.

Tag 6:

 Früh am Morgen wird der Reisebus beladen, letzte Blicke über die Grabungsstätte und die im Sonnenschein liegende Landschaft. Es ist eine spannende Exkursion gewesen. Vielleicht kommen einige von den Studenten im nächsten Jahr wieder.