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Jedem Soldaten ein Nagel

Historische Spendenaktion Jedem Soldaten ein Nagel

Zum 100. Mal jährt sich am 31. Januar 1917 die feierliche Kriegsnagelung im Wilhelm-Busch-Geburtsort Wiedensahl. Der damals wie heute knapp tausend Einwohner zählende Marktflecken in der Drei-Länger-Ecke von Schaumburg-Lippe, Hannover und Preußen war dabei eine der letzten und eine der kleinsten Kommunen, die sich an dieser Spendenaktion zugunsten von Kriegswaisen und -witwen im Ersten Weltkrieg beteiligte.

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Quelle: soe

Landkreis/Wiedensahl. „Einladung zur Nagelung eines Kriegsdenkspruches für die Kirche in Wiedensahl“ heißt es auf dem erhaltenen Dokument unter dem benagelten Brett im Treppenhaus des Museums im Alten Pfarrhaus. „Abends ½ 8 Uhr“ begann die Veranstaltung im Bredemeier’schen Saale, also dort, wo in den fünfziger Jahren ein Kino Treffpunkt für Jung und Alt war. Immerhin 18 Punkte umfasste das Programm, das mit dem Gesang der Schulkinder begann, die das martialische Soldatenlied „Gott, Kaiser, Vaterland“ vortrugen.

Szenen aus dem Leben

des Reformators

Wer „Begrüssung“ und „Ansprache“ vornahmen, ist nicht mehr überliefert, doch dann begann genau choreografiert die Nagelung in dieser Reihenfolge durch „den Kirchen-, den Gemeinde- und den Schulvorsatand“. Es folgten dann die erste von vier Szenen aus dem Leben des Reformators Martin Luther und der gemeinsame Gesang der ersten Strophe des Luther-Chorals „Ein feste Burg“. Es folgte die Nagelung durch die Männer, die nicht den oben genannten privilegierten Gruppen angehörten, ein „zweites lebendiges Bild“, die „Verbringung Luthers auf die Wartburg“ und die zweite Strophe des Liedes.

Dann waren die Frauen an der Reihe, ehe nach dritter Spielszene und dritter Strophe die konfirmierte Jugend zu Hammer und Nagel greifen durfte. Nach einer weiteren szenischen Vorstellung mit „Luther und die Seinen am Weihnachtsabend“ und des Burg-Liedes vierter Strophe waren die Schulkinder dran, ihren Anteil zu dieser ebenso karikativen wie propagandistischen Aktion zu leisten, die das patriotische Gemeinschaftsgefühl der Menschen weit ab der Kriegsfronten ansprach und der Stärkung der Heimatfront galt. Nach dem Schlusswort gab es noch das gemeinsame Lied „O Herr von grosser Huld“ mit deutlich versöhnlicheren Worten wie „O laß dein Licht auf Erden siegen, / die Macht der Finsternis erliegen / und lösch der Zwietracht Glimmen aus...“

Gesamte Tafel mitSchmiedenägeln versehen

Während gerade in vielen kleineren deutschen Orten, die sich im Verlauf der Kriegsjahre an solchen Aktionen beteiligten, Eiserne Kreuze als Basis dienten, liest man in Wiedensahl in genagelten Großbuchstaben auf der rund 1,30 Meter breiten und etwa 90 Zentimeter hohen Eichenplatte aus drei verleimten Brettern die Eingangszeilen des intonierten Luther-Liedes: „Ein feste Burg ist unser Gott, ein gute Wehr u. Waffen.“ Dazu die Jahreszahlen „1914 - 1917“ eingerahmt von zwei stilisierten Eichenzweigen, die mit helleren Nägeln deutlich abgesetzt sind. Dazu ist die gesamte Tafel mit einem Nagelrahmen versehen, für den Schmiedenägel mit etwa zwei mal zwei Zentimeter großen Köpfen verwendet wurden. Die Kantenlänge der anderen Nägelköpfe misst einen Zentimeter.

Diese unterschiedlichen Nägel hatten unterschiedliche Preise. Die für die Buchstaben verwendeten kosteten 20 Pfennig das Stück, die blanken für die Eichenblätter 30 Pfennig und die dicken für den Rand 50 Pfennig. Dazu der Hinweis: „Kinder bezahlen die Hälfte“. Abschließend heißt es in der Einladung: „Der Reinertrag ist für Liebesgaben für die Wiedensahler Soldaten bestimmt“.

50 Buchstabenund Zahlen

Bei etwa 200 dicken, 150 glänzenden und etwa 1000 einfachen Nägeln für die 50 Buchstaben und Zahlen, die die Wiedensahler damals bezahlten und einschlugen, kamen nach einer Veröffentlichung in „Gerhard Schneider: In eiserner Zeit – Kriegswahrzeichen im Ersten Weltkrieg“ 414 Reichsmark zusammen. Wohl bis zur großen Kirchenrenovierung in den sechziger Jahren hing die Tafel in der St.-Nikolai-Kirche. Dann dürfte es wie in vielen anderen Fällen Heimatforscher und Sammler Oswald Klose zu verdanken sein, dass sie nicht wie in vielen anderen Orten auf dem Schrottplatz der Geschichte landete, sondern im Heimatmuseum ihren Platz fand. Auch solcherlei heute vielleicht belächelte Aktionen gehören zum Gedächtnis einer Kommune.

Nicht bekannt ist, ob es auch in Wiedensahl, wie in anderen Kommunen, zum Beweis für die „patriotische Spende“ Anstecknadeln, Urkunden oder Bescheinigungen gab. Wer sich solcherlei Aktivitäten verweigerte, riskierte es vor allem „auf dem Dorfe“, von seinen Mitbürgern als „unpatriotisch“ oder gar als Vaterlandsverräter bloß gestellt zu werden.

Sammelnagelungen in dieser Form hatten ihren Ursprung zu Beginn des großen vaterländischen Krieges 1914 in Österreich-Ungarn und breiteten sich im Verlauf der feindseligen Auseinandersetzungen mit ihren zahllosen Gefallenen und Verwundeten in ganz Deutschland aus. Aus den großen Städten sind mehrfache Aktionen bekannt. Oftmals wurden gegen entsprechende Spenden überlebensgroße Holzplastiken oder -reliefs zu sogenannten „Eisenmännern“ oder „Eisernen Wehrmännern“ aufgewertet. Neben Nagelmännern gab es Nagelsäulen, Tier- und Blumenbilder und vielfach Nagelkreuze.

Dazu sind vornehmlich aus Marine-Standorten, aber auch aus Herford, benagelte Holz-U-Boot-Modelle bekannt. Auch historische Figuren mit nationalem oder regionalem Bezug wie der deutsche Michel oder Heinrich der Löwe in Braunschweig kamen zum Einsatz. Dazu gab es unter Beteiligung der Kinder separate Schulnagelungen und adäquate Aktivitäten bei deutschstämmigen Minderheiten in anderen Ländern und Regionen von Belgien und Polen bis hin nach San Francisco und Argentinien.

Ein Sextaner sammelte 40 Reichsmark

In der hiesigen Region sind Kriegsnagelungen bekannt vom Realprogymnasium in Stadthagen und von der Vorbereitungsanstalt in Bückeburg, wo zudem von einer Nagelsäule am 24. Juni 1917 berichtet wird. In der heutigen Kreisstadt wurde am 27. Januar 1916 in einer Turnhalle ein Stadtwappen auf diese Art und Weise aufgewertet. In Oldendorf in der ehemaligen Grafschaft Schaumburg sammelte ein Sextaner allein 40 Reichsmark. In Bad Eilsen wurde auf diese Art der Patriotismus gestärkt wie auch in Bad Nenndorf, wo ein Wegweiser in Form eines efeu-umrankten Baumstammes mit dem Bild einer Trachtenfrau die Basis bildete. Im Museum Eulenburg in Rinteln verwahrt wird ein Eisernes Kreuz aus einer Nagelung am 24. Oktober 1915. Das gleiche Motiv wurde in Obernkirchen bestückt.

Im benachbarten Westfälischen sind an Mindener Schulen sechs Objekte vom evangelischen Lyzeum und vom Oberlyzeum belegt. Ferner ist ein Schild des Infanterie-Regiments Prinz Friedrich der Niederlande als Nagelbasis am 14. November 1915 erwähnt, das am Wesertor am Denkmal des großen Kurfürsten aufgestellt war.

Die Nationalsozialisten griffen unmittelbar nach der Machtübernahme 1933 die erfolgreiche Idee der Nagelungen auf. Jedoch verlief die Spendenaktion offensichtlich bei weitem nicht so erfolgreich wie im Ersten Weltkrieg. Genagelt wurden hauptsächlich Hakenkreuze, Schilder mit Hakenkreuzmotiven und Wappenschilder zugunsten des Winterhilfswerks, und zwar in erster Linie durch die Hitlerjugend. soe

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